Donnerstag, 1. Juni 2017

Graue Maus

Heute ist der 1. Juni -
Zeit für eine weitere Geschichte!

Diesmal galt es, diese Reizwörter unterzubringen:
Elan – Triumph – kümmern – provozieren – neidisch

freuen sich ebenso über deinen Besuch! 

Mause tiere bilder

Wütend stapfte Ines Richtung Abstellraum, wo sich ihre Putzutensilien befanden.
„Warum kümmert der sich eigentlich nicht um seinen eigenen Kram?“, rumorte es in ihrem Kopf. Wieder einmal hatte ihr Mann es geschafft, sie mit einer Bemerkung zu provozieren
Bevor er seine Aktentasche genommen hatte, um das Haus zu verlassen, hatte er so ganz nebenbei erwähnt, dass sie die Fenster auch mal wieder putzen könnte. Blödmann! Sie hatte ja auch noch etwas anderes zu tun, als nach jedem Regenschauer die Fenster zu putzen.
Neidisch blickte sie hinüber auf das Nachbarhaus. Dort wohnten Marlene und Sven. Die konnten sich für ihren großen Bungalow einen Fensterputzer leisten und auch eine Raumpflegerin. Dabei machte dort gar niemand etwas schmutzig. Sven war oft bis spät in der Nacht aus dem Haus und auch Marlene war selten zuhause anzutreffen. Ihr Tag bestand daraus, shoppen zu gehen oder Termine beim Friseur oder der Maniküre wahrzunehmen. Ja und Sport zu treiben natürlich. Nicht einmal kochen musste sie. Ihr Mann aß oft mit Geschäftsfreunden außerhalb, während Madame sicherlich nur an einer Möhre knabberte. Manchmal gingen die zwei abends gemeinsam in ein Lokal oder trafen sich mit Freunden. Das hatte Ines schon oft beobachtet. Soooo ein feines Leben wünschte sie sich auch. Ihr Alltag sah komplett anders aus.
Ines dachte zurück an den Tag, als sie und Marlene sich nach vielen Jahren hier als Interessenten der Grundstücke wieder gesehen hatten. Wer hätte gedacht, dass sie eines Tages wieder Nachbarn sein würden, so wie sie es als Kinder auch waren. Damals waren sie beste Freundinnen, saßen in der Grundschule sogar nebeneinander.
Ob Marlene bewusst war, dass das Schicksal es stets gut mit ihr gemeint hatte? Sie führte ein verdammt beneidenswertes Leben. Damals schon. Immer war Marlene größer, schlanker, hübscher und auch intelligenter gewesen, als sie.
Ines erinnerte sich daran, mit welcher Leichtigkeit ihre Freundin die Schule gemeistert hatte. Stets wurde sie von allen bewundert und von den Lehrern gelobt. Mit Bravour hatte sie später ihr Abitur bestanden. Danach verschlug es Marlene zum Studium in eine andere Stadt. Ihre Freundschaft bestand zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr.
Ines wusste natürlich, dass Marlene ihr Studium abgebrochen hatte. Auch meinte sie, den Grund dafür zu kennen. Es lag ja auf der Hand. Nachdem ihre frühere Freundin den reichen Fabrikantensohn Sven kennen gelernt hatte, war genug Geld da. Da war Marlene nicht mehr verpflichtet gewesen, arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen. 

Ines öffnete das Fenster, um es auch von außen zu putzen. Dass sie dabei beobachtet wurde, bemerkte sie allerdings nicht.

Marlene stand hinter der Gardine ihres Wohnzimmerfensters und beobachtete aus sicherer Entfernung ihre frühere Freundin, die voller Elan die Fenster putzte. Sie hatte größten Respekt vor dem, was Ines leistete. Sie schien ihren Alltag mit Bravour zu meistern. In Frank hatte sie aber auch wirklich einen liebenswerten Partner und Vater ihres Sohnes an ihrer Seite. Im Sommer spielten Vater und Sohn oft draußen Fußball. Ihrem Mann, Sven, ging das manchmal auf die Nerven. Gott sei Dank hatte er sich bisher noch nicht darüber beschwert.
Es war schon eigenartig, dass das Leben sie wieder zusammen geführt hatte. Leider war ihre Freundschaft schon lange erloschen. Einerseits bedauerte Marlene das, doch andererseits … Es gab ihr jedes Mal einen Stich, wenn sie Ines gemeinsam mit ihrem Sohn sah. Ob sich ihre frühere Freundin bewusst darüber war, dass das Leben es bisher besonders gut mit ihr gemeint hatte?
Marlenes Gedanken gingen zurück in ihre Kindheit. Damals, als sie gemeinsam mit Ines die Schulbank gedrückt hatte, war sie schon neidisch auf sie gewesen. Marlenes Eltern betrieben einen kleinen Konsum, für den sie Tag und Nacht lebten und arbeiteten. Da war keine Zeit mehr für sie übrig geblieben. Sie musste sich allein beschäftigen und hatte deshalb oft zu einem Buch gegriffen und gelesen. Manchmal war sie jedoch unter einem Vorwand bei Ines erschienen, weil sie wusste, dass dort gemeinsam Mensch-ärgere-dich-nicht oder Halma gespielt wurde. Vielleicht ahnte Ines nicht einmal, dass sie sie immer um ihre liebevollen Eltern beneidet hatte.
Marlenes Gedanken machten einen Sprung in die Gegenwart. Bestimmt gab es heutzutage Frauen in ihrer Nachbarschaft, die sie um ihr jetziges Leben beneideten. Doch das war völlig unbegründet. Kein Mensch braucht ein Leben, das aus Langeweile und Nichtstun besteht. Eigentlich hatte Marlene Innenarchitektin werden wollen, doch dann war sie unerwartet schwanger geworden. Für Sven hatte sofort fest gestanden, dass sie heiraten. Er hatte auch dafür gesorgt, dass sie ihr Studium beendete. Heute wusste Marlene, dass er es nicht hätte ertragen können, wenn sie vielleicht sogar erfolgreicher gewesen wäre, als er. Marlene fragte sich in diesem Moment, warum sie sich bis heute von ihm bevormunden ließ. Für ihn war sie doch nur das Modepüppchen, das er stolz seinen Geschäftspartnern präsentierte. Mitreden durfte sie nicht.
Ein stechender Schmerz durchfuhr Marlene, als sie daran zurück dachte, wie es damals für sie war, als sie ihr Kind tot auf die Welt gebracht hatte. Sven hatte es einfach hingenommen, zumindest schien es für sie so. Vielleicht war er sogar erleichtert gewesen, weil er sein Leben nicht verändern musste? Sie wusste nicht, ob es wirklich so war. Er sprach mit ihr nicht über seine Gedanken und schon gar nicht über Gefühle.  
Niemand ahnte, wie es seither in ihr aussah. Auch Sven nicht. Sie hatte all ihre Kraft verloren. Vielleicht war auch das der Grund, weshalb sie sich gegen ihren Mann nicht durchsetzen konnte. Niemand in der Nachbarschaft wusste, dass sie nach diesem dramatischen Ereignis eine lange Zeit in einer psychiatrischen Abteilung verbracht hatte. Sie hatte damals versucht, sich das Leben zu nehmen, weil sie lieber bei ihrem Kind sein wollte, als bei ihrem Mann. Heute hatte sie ihr Leben dank der Tabletten einigermaßen im Griff, doch immer noch überkam sie hin und wieder eine große Traurigkeit und Leere.
Noch heute erinnerte sie sich an den Triumph in Ines Augen, als sie ihr vor einigen Jahren von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Es war ja nicht so, dass Marlene anderen Frauen ihr Muttersein nicht gönnte, doch sie hätte halt auch gerne selbst ein Kind gehabt. Nach der Totgeburt war eine Schwangerschaft für sie nicht mehr möglich gewesen und eine Adoption war für Sven nicht in Frage gekommen.
Abrupt drehte Marlene sich um. Sie nahm ihre Sporttasche und verließ schnellen Schrittes das Haus. Ihr fehlte einfach die Kraft, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Sie wollte lieber gar nicht weiter darüber nachdenken, sondern blieb der Gewohnheit wegen die farbenfrohe graue Maus an der Seite ihres erfolgreichen Mannes. Eine Rolle, die sie perfekt beherrschte.


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    ja, genauso könnte das im Leben sein, schauen wir oft doch auf das Äußere und erkennen nicht, was hinter der Fassade steckt. Schade, dass die beiden Frauen nicht miteinander gesprochen haben über ihr Leben, sie könnten noch immer gute Freundinnen sein, wenn sie wüssten, was die andere erlebt hat.
    Deine Geschichte macht nachdenklich, sie ist sehr gut geschrieben und klingt nach!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Liebe Martina
    Das ist das Leben!! Wie wir immer so schön sagen: "Jeder hat
    sein Binkerl zu tragen" und muss das Beste daraus machen.
    Wieder eine Gschichte, die einen ermahnt doch zufrieden zu sein, mit dem was das Leben für einen bereit hält.
    Lg und einen sonnigen Tag.
    Sadie

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  3. Die Geschichte gefällt mir sehr gut. So ist das Leben und man sollte mehr miteinander reden, auch als Ehepaar. Danke für den Link!
    LG Elke

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  4. Liebe Martina,
    Deine heutige Geschichte hat mich sehr, sehr nachdenklich gemacht! Leider neigen wohl die meisten von uns dazu, andere zu beneiden, weil sie dem Anschein nach reicher, schöner, klüger oder - wie Ines in Deiner Geschichte - mit einer glücklichen Familie leben dürfen.
    Aber hinter die Fassade schAuen die wenigsten ...
    Danke - Du hast mich wieder einmal daran erinnert, dass es gut ist, mit seinem Leben zufrieden zu sein!
    Liebe Grüße und frohe Pfingsten!
    Christine

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  5. Liebe Martina,
    dankefür diese wunderbare Geschichte! Ja, sie zeigt uns,daß wir mit dem, was das Leben uns bereit hält , zurfrieden sein sollten, bzw, das Beste daraus machen sollten, und das geht nur, wenn man miteinader lebt und spricht ...
    Hab noch einen zauberhaften und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße,Claudia ♥

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  6. Liebe Martina,
    eine Geschichte, wie aus dem richtigen Leben...Du hast sie wunderbar geschrieben. Wer schaut schon genauer, hinter die Fassaden anderer. Zufriedenheit ist ein wichtiges Gut...Lieber Gott, gib mir die Gabe, das zu schätzen was ich habe!

    LG Klaudia

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  7. Liebe Martina, das zeigt nicht ist wie es schein , oft Makulatur.
    Würden sie mit einander reden, vielleicht wäre für sie die Freundschaft wieder belebt worden und eine hätte die andere besser verstanden.Selbstbewusstsein haben beide nicht. Wieder von Dir eine Geschichte wie das Leben eben spielt, alles könnte so sein.
    Danke für dieses Vergnügen zum Lesen, herzlichst klärchen

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  8. Hallo Martina,
    ich glaub' mir wird gerade bewusst, weshalb ich z.Z. soviele Romane lese, ich will ein Happy End! Das gibt es hier keins, traurig, auch wenn das Leben vielleicht so spielt und uns zum Nachdenken anregen soll!
    Ich bin gerade eh bei Dir in Gedanken, schwirrt hier doch eine immens große Wespe um mein Schlafzimmerfenster und ich hoffe die nistet sich nicht ein und wir bekommen so einen Horror wie er an dir vorbeigezogen ist. Ich bin etwas beunruhigt. Der Mann sehr gelassen: Die bekommt man auch wieder weg! Seufz!
    LG
    Manu

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  9. Liebe Martina,
    spannender kann ein Roman nicht sein. Eine wunderchöne Geschichte,
    die aber auch nachdenklich macht. Man schaut den Menschen nur ins Gesicht - erkennt oftmals nicht, was dahinter ist.
    Einen schönen Resttag wünscht dir
    Irmi

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  10. Liebe Martina, leider ist das Leben von Marlene keine Seltenheit. Die Arme. Und andere glauben, sie führt ein tolles Leben. Ihr ist auch nicht zu helfen, wenn sie die Situation nicht ändert. Schön deine Geschichte, habe ich gerne gelesen. Liebe Grüße Eva

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  11. Liebe Martina,
    ich habe Deine Geschichte regelrecht verschlungen. Du hast in das Innere zweier unterschiedlicher Menschen geblickt und wieder einmal aufgezeigt, dass nicht alles so ist, wie es nach außen hin erscheint. Wie heißt es doch so schön: "Man schaut den Menschen auf die Stirn, aber nicht ins Hirn!" Wir wissen selten, wie es im Innern unserer Mitmenschen aussieht und ob es mit dem äußeren Erscheinungsbild übereinstimmt.
    LG
    Astrid

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  12. Liebe Martina,
    jetzt muss ich mich aber ganz schnell noch einmal bei Dir melden. Das war eine tolle Überraschung!!! Ich danke Dir recht herzlich für Deine lieben Glückwünsche zu meinem Geburtstag, von dem ich sicherlich zu gegebener Zeit in meinem Blog noch genauer berichten werde. Ich habe mich sehr gefreut!!! :-)
    Deiner Nichte schicke ich unbekannterweise noch nachträglich meine besten Glückwünsche. Ich hoffe, der Kuchen war ebenso köstlich wie der "Überraschungskuchen" an meinem Geburtstag, aber davon berichte ich, wenn....
    Ganz liebe und sonnige Grüße
    Astrid

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  13. Eine sehr schöne Geschichte. Genauso kann es gewesen sein.
    Liebe Grüße
    Susa

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  14. "Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras immer grüner!" Dieser Ausspruch kommt nicht von ungefähr und deine Geschichte ist so lebensnah. Der Schein trügt oft.
    Einen schönen Pfingstmontag wünsche ich dir noch.
    ♥lich Claudia

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  15. Ja so ist es oft, die eigentlich Glücklichen sind die, die den Luxus der anderen beneiden. Man muß stets hinter die Fassade schauen, um sich ein Urteil bilden zu können.
    Danke, dass Du uns mit Deiner Geschichte wieder daran erinnerst.
    Herzliche Grüße
    Marle

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  16. Da ist dir wieder eine sehr gute Geschichte gelungen, liebe Martina, Man merkt, wie so oft bei dir, dass du dich für Menschen interessierst und auch bereit bist dich auf sie einzulassen. So manches Mal war ich auch schon erstaunt was in einem vertrauten Gespräch alles ans Tageslicht kommt und weiß, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Selten ist es so, wie es von außen her scheint. Und oft gerade bei denen, die nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit jammern und klagen.
    Und auch diese Geschichte regt wieder zur Besinnung an. Auch wenn jeder von uns wahrscheinlich öfter mal denkt, das eine oder andere könnte doch einfacher sein, besser laufen. Es geht uns doch gut und wir können sehr dankbar sein, oder?
    Hab eine feine Woche!!!

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  17. Ich musste lachen als ich den Anfang las, dachts ich doch an unsre Mails heute.
    Deine Geschichte zeigt wieder einmal, dass man niemand beneiden soll, oft trügt der Schein.
    In dem Dorf in dem ich wohnte war gegenüber ein wunderschönes. Die Frau eine Schönheit, die beiden Kinder wohlerzogen und entzückend,
    die Großeltern wohnten ihnen einem Anbau.
    Harmonie und Bilderbuchfamilie,die jedes Jahr in Urlaub fuhren.
    Wir wohnten in einem alten Mietshaus, es wurde viel gesungen und gelacht und die Kinder gingen aus und ein,
    Dann erfuhr ich, dass sie jedes Jahr einen Kredit aufnehmen um in Urlaub fahren zu können, sie verkrachten sich mit den Eltern und klagten sie aus dem Haus, die hübsche Frau hatte mehrer Liebhaber.
    Oft trügt der Schein und man sollte niemals denken der andere hat es besser.
    LGLore

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