Donnerstag, 15. Juni 2017

Der alte Krämerladen

Heute geht eine weitere 
Geschichte
an den Start!

Die Reizwörter lauteten:
Krämerladen – Bierflaschen – suchen – lesen – staubig

Weitere Geschichten gibt es bei

Dankeschön, Klärchen, für das sooooo schöne Foto!



Helene setzte sich auf den maroden Stuhl und sah sich in dem alten Ladenraum um. Es war ihr, als höre sie Stimmen – die Stimmen der Kinder, die hier früher mit verschmiertem Mund und klebrigen Fingern ein paar schwarze Pfennigstücke auf den Ladentisch legten und um Bonbons baten, die ihnen Helenes Onkel dann abgezählt in einer kleinen Spitztüte überreichte.
„Ach, Onkel Wilhelm, was hast du dir nur dabei gedacht, mir dein Haus mit diesem alten Laden zu vermachen. Was soll ich denn damit nun anfangen?“
Sie sah sich um, so als würde sie nach etwas suchen, doch das einzige, was ihr in den Blick kam, war ein Buch, das er vielleicht gelesen hatte und das nun in dem staubigen und ansonsten leeren Regal lag.
Ihr Blick fiel auf den alten Schaukelstuhl, der in der Ecke stand und es war ihr, als säße ihr Onkel noch darin, mit einer Bierflasche in der Hand, um seinen Feierabend einzuläuten.
Helene erinnerte sich gerne zurück an die Zeit, als sie einen Teil ihrer Sommerferien bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf dem Land hatte verbringen dürfen. Ach, wie unbeschwert war diese Zeit gewesen.
Ihr war jedoch bewusst, dass der Blick zurück gerne an schönen Erinnerungen hängen bleibt und sie heute sicherlich mit einem verklärten Blick auf das damalige Dorfleben schaute. Doch eines stimmte: Die Menschen damals waren sehr bescheiden und ihr Leben wurde von schwerer Arbeit geprägt. Doch auch in diesem Ort war die Zeit nicht stehen geblieben. Die Mädchen von damals hatten ihre Zöpfe längst abgeschnitten und die schwere Arbeit auf den Feldern wurde nicht mehr mit Muskelkraft erledigt, sondern von großen, computergesteuerten Maschinen.
In diesem Laden jedoch schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Nachdem ihre Tante vor einigen Jahren verstorben war, hatte ihr Onkel den Krämerladen aufgeben müssen. Nicht nur der Tod seiner Frau war schwer für ihn gewesen, nein, die Aufgabe seines Ladens hatte ihm das Herz gebrochen. Jetzt war er seiner Frau gefolgt und Helene stand alleine da mit diesem Gebäude, das ihr in diesem Moment wie ein Klotz am Bein schien. Was sollte sie damit anfangen? Es verkaufen? Was sonst! Sie war ja nur hier, weil sie die einzige Angehörige war und sich um die Beerdigung und alle Formalitäten hatte kümmern müssen. Danach wollte sie in ihr altes Leben zurückkehren! Obwohl: Das gab es ja eigentlich gar nicht mehr. Seit sie  Rentnerin geworden war, hatte sich ihr Leben dramatisch verändert und sie konnte sich so ein bisschen in ihren Onkel hineinfühlen. Auch ihr fehlte jetzt eine Aufgabe. Doch wo fand sich die in ihrem Alter?
Helene wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Marianne an die Scheibe der alten Ladentür klopfte und sich die Nase daran platt drückte. Helene musste schmunzeln und dachte: Wie früher, als wir noch Kinder waren und unsere Ferien hier zusammen verbrachten.
„Hallo Lenchen“, wurde sie freudig begrüßt, „ich sah dich gerade hier gedankenverloren im Laden sitzen und bei mir kamen Erinnerungen hoch. War schon eine schöne Zeit mit uns beiden – oder?“
Helene nickte. „Ja, gewiss. Ich erinnere mich gerne an die warmen Sommer und an Onkel Wilhelm, Tante Anna und natürlich an dich zurück.“
„Und?“, fragte Marianne, „was machst du jetzt mit dem Haus und dem alten Laden hier? Verkaufen?“
„Vermutlich.“
Marianne vernahm das leise Zögern, was ihr den Mut gab, ihre Gedanken mit ihrer Freundin aus Jugendzeiten zu teilen.
„Halt mich jetzt bitte nicht für verrückt, Lenchen, aber ich hab schon gedacht, ob du nicht vielleicht hierher ziehen möchtest. Es wäre so schön, wenn wir zwei wieder Zeit miteinander verbringen könnten. Wir haben uns doch immer gut verstanden und ich habe den Eindruck, als wenn das heute noch so ist.“
„Hierher ziehen“, fragte Helene verwundert, „wie stellst du dir das denn vor?“
Schon sprudelte es aus Marianne heraus. „Weißt du, Lenchen, ich hab mir schon länger gedacht, dass unserem Ort ein Platz gut täte, an dem man sich trifft. Wo ältere, einsame Menschen die Möglichkeit bekommen, gemeinsam zu frühstücken oder ein warmes Mittagessen einzunehmen. Vielleicht mit einer kleinen Milchbar, wo sich die jungen Leute des Ortes treffen, wo man auch ein Eis essen kann. Ein Ort des Gespräches, ein Ort, an dem man zusammen kommt und seine Zeit verbringt oder einfach nur bei einer Tasse Kaffee klönt. Klar ist das ein Geschäftsmodell, das nicht viel oder vielleicht gar nichts einbringen wird, außer dem Dank der Menschen. Reich werden kann man damit sicher nicht, aber glücklich, weil man andere glücklich macht. Wie denkst du darüber? Ich wäre sofort dabei!“
„Ich denke, liebe Marianne, du bist nicht ganz bei Trost. Wie stellst du dir das denn vor? Ich kann doch nicht mir nichts dir nichts alles aufgeben, was bisher zu meinem Leben gehörte und hier ganz neu beginnen.“ Nach einem kurzen Zögern fügte sie an: „Gut, ich habe keine Familie dort, nur ein paar wenige Freunde. Aber du hast einen Mann. Was sagt der denn zu deinen Plänen?“
„Ach der, der weiß davon gar nichts. Außerdem wollte ich zuerst mit dir sprechen. Mein Mann hält mich doch sowieso nur für eine graue Maus mit allen typischen Eigenschaften dieses Nagers: naschhaft, durch Leckenbissen bestechlich und neugierig.“ Marianne lachte laut. „Er wohnt doch nur noch mit mir unter einem Dach und wir ernähren uns sozusagen von denselben Vorräten.“
Helene hörte Marianne aufmerksam zu. Nach einer glücklichen Ehe klang das nicht.
„Ach, Lenchen, denk bitte ernsthaft darüber nach. Ich würde mir so sehr eine Freundin, wie du es bist, an meiner Seite wünschen. Und wenn wir dann noch gemeinsam etwas auf die Beine stellen könnten, wäre das einfach großartig. Bitte, denk darüber nach! Versprichst du es mir?“
„Versprochen!“, antwortete Helene, doch sie wusste in diesem Moment noch nicht, ob es ihr wirklich gelingen würde, die Tür zum Gestern zu schließen, etwas völlig Neues zu wagen und sich davon überraschen zu lassen, was das Leben ihr noch zu geben bereit war.


© Martina Pfannenschmidt, 2017

An dieser Stelle möchte ich auf einen Post von Monika
aufmerksam machen.
In ihrem Blog
'Kostbarkeitsmomente Tierfotografie'
erzählt sie die Geschichte
 'unserer' Vogelfamilie
und leider auch 
von ihrem traurigen Ende!!
KLICK!!

Herzlich begrüßen darf ich
Lilu Cosmee mit ihrem Blog 
Lilu-Lavendel 
und Karen N. mit ihrem Blog 
Mädchenfarbe
Wie schön, dass ihr da seid!



Kommentare:

  1. Oh, das schreit nach einer Fortsetzung, liebe Martina!
    Ein vielversprechender Anfang, das wird ja spannend...
    Übrigens, Marianne hat genau meine Gedanken, die ich angesichts eines leeren Häuschens (vielleicht mal ein Krämer?) in unserer Siedlung hatte, als wir hierher zogen. Leider wurde es abgerissen...
    Herzliche Grüße
    Marle

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  2. Liebe Martina,
    eine schöne Geschichte, die weitere Erinnerungen bei mir weckt. Ich finde ja auch, dass sie noch ein wenig fortgesetzt werden dürfte, denn ich würde gern wissen, wie es weitergeht mit den Freundinnen und ihrer Idee.
    Herzliche Grüße
    Regina

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  3. Wir hatten früher auch einen solchen Laden in unserem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Dort haben wir immer eingekauft. Ich durfte mir im Sommer ein Eis für 20 Pfennig kaufen und Bonbons bekam ich auch geschenkt. Dann wurde aus dem Krämerladen ein moderner Laden mit Selbstbedienung. Es war aber alles noch ziemlich familier. Nachdem die Inhaberin verstorben war, war dann Schluss.
    LG Elke

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  4. Liebe Martina, ja eine Fortsetzung deiner schönen Geschichte muss her. Ob das so klappt, wie sich die ehemalige Freundin das vorstellt?Liebe Grüße Eva

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  5. Liebe Martina,
    so darf diese Geschichte nicht enden.
    Es muss ein Treffpunkt speziell für
    Ältere werden.
    Über das traurige Ende der kleinen Federbllchen habe
    ich gelesen. Ich bin ganz einfach nur traurig.
    Liebe Grüße zu dir
    Irmi

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  6. Liebe Martina,
    also ich hoffe doch sehr, dass Helene ihrem Herzen einen Ruck geben kann. Die Idee, einen Treffpunkt mit Eis und Plauderanschluss aus dem alten Krämerladen zu machen, finde ich perfekt und würde allen Beteiligten eine neue Aufgabe und wohl auch Lebenfreude bringen. Ich selber denke ja schon eine Weile über eine Alters-WG nach, mal sehen, ob sich das so durchziehen lässt. Ein bisserl Zeit haben wir ja noch ;-) Einsamkeit und Abhängigkeit im Alter ist jedenfalls nichts, das ich einfach so als Gegebenheit hinnehmen möchte.
    Dank dir auch sehr für die lieben Zeilen, die du bei mir hinterlassen hast. Und du hast natürlich recht, im muss mich nicht rechtfertigen für unsere Urlaubsreisen. Aber weißt du, wenn ich schreibe, dass wir weg waren, kommt regelmäßig in mehreren Kommentaren so etwas wie "Mir kommt vor, ihr seid dauernd weg" - und ich dachte mir, ich versuch das mal vorab zu relativieren... ;-)
    Herzlichst, die Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/06/anl-18-die-rettung-einer-alten-bluse.html

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  7. Liebe Martina,
    auch ich wünsche mir eine Fortsetzung dieser tollen Geschichte! Und ich finde, dass der alte Krämerladen es verdient hat, wieder mit Leben gefüllt zu werden ... Es gibt ja leider viel zu wenig Orte, an denen man sich treffen, einfach nur ratschen und Kontakte pflegen kann. Gerade in einer Welt, in der sich alles nur noch auf Handy, Laptop, Facebook und Twitter konzentriert, und die ältere Generation häufig auf der Strecke bleibt ...
    Liebe Grüße
    Christine

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  8. Dann reihe ich mich mal gleich bei denjenigen ein, die nach einer Fortsetzung rufen! Mariannes Idee ist so toll, daraus muss unbedingt etwas werden - ein Krämerladen-Café z.B. Falls die beiden Hilfe brauchen, ich mache mit :-)
    LG
    Inge

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  9. Liebe Martina,
    solche Geschichten mag ich sehr. Zu gerne wüsste ich nun, wie es weiter geht. Trauen sich die beiden Frauen, ihr neues Projekt in Angriff zu nehmen? - Ich glaube schon ;)
    Ganz liebe Grüße,
    Christine

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  10. Etwas ganz neues wagen dazu gehört ein wenig Mut,aber auch Kraft es durchzustehen. Ich denke die zwei könnten es schaffen.
    Die Idee zu einem Treffpunkt für jung und alt finde ich auch gut.Ja, diese Krämerläden oder Tante Emmaläden gibt es nicht mehr so wie früher, sie sind ausgestorben wie ihre Besitzer. Vielleicht mischt das Schicksal die Karten zur richtigen Zeit.
    Eine schöne Geschichte die ich am späten Abend noch gern gelesen habe. Ich war gestern in Bückeburg.
    Liebe Grüße in Dein Wochenende, Klärchen

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  11. Liebe Martina,
    verzeih, aber ich bin erst heute zum Lesen Deiner schönen Geschichte gekommen.
    Ja, auch ich bin der Meinung, dass sie nach einer Fortsetzung schreit.
    Ich finde die Idee von Marianne echt gut. Wie die beiden alten Freundinnen erkennen, ist es sicherlich keine Geschäftsidee, die beide reich werden lässt, - aber bestimmt auch nicht ärmer. Aber trotzdem ist es eine gute Idee, die in die Tat umgesetzt werden sollte. Reich wollen die beiden Frauen nicht mehr werden, aber sie brauchen einen neuen Lebensinhalt. Sie würden sich und anderen Menschen mehr Lebensfreude schenken, eine Aufgabe haben, die sie mit Freude erfüllen.
    Ich freue mich auf die Fortsetzung, denn ich bin schon gespannt, wie es den Beiden ergehen wird.
    Ganz herzliche Grüße und einen schönen Samstag
    Astrid

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  12. auch ich bin dafür!...
    an diesen Kommentaren sieht man doch wie sehr wir uns der heutigen Entwicklung" bewusst sind.
    Handy, Smarthphone, Twitter, Facebook sind alles Zusatzfluchten aus der Wirklichkeit und den früheren Träumen und Vorstellungen wie man sein Leben lebt, die einerseits unser Leben bereichern, andererseits aber auch schmälern weil die zeit sich miteinander zu beschäftigen immer weniger und auch inhaltsloser wird.
    Deine Geschichte in der Fortsetzung der Pläne wäre sicher hochinteressant zu lesen..
    liebe Grüße angelface

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  13. Hoffe mal, dass die Beiden das schaffen, wäre schön und eine gute Verwendung des alten Hauses. Eine schöne Geschichte.
    Und eine traurige, als ich von deinenVögeln las.
    Warum ich heute Kommentiere, hihiii, weil ein bisschen Wind bläst und mit mal keine Schweiß über die Stirn tropft.LGLore

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  14. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist wie immer aus dem Leben gegriffen, so lebendig, so menschlich und so schön zu lesen! Ich danke Dir dafür!
    ...und natürlich habe ich für Dich gevotet!
    Alles Liebe
    Heidi

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  15. Liebe Martina,
    ich muss mich noch einmal zu Wort melden...denn ich habe erst jetzt die Kommentare gelesen...und J A ! ich bin auch für eine Fortsetzung dieser Geschichte...Ich bin sogar der Meinung, dieser Stoff hätte das Zeug für eine ganze Serie...auch eine die verfilmt werden könnte, respektive sollte!!! Vielleicht schreibst Du ja ein paar Folgen und reichst die Geschichten dann bei einem Produzenten ein...?!!!!!
    Was hältst Du davon?
    Nochmal alles Liebe und - ich drück die Daumen!!!!!!!!!!
    Heidi

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