Freitag, 14. April 2017

Die fremde Frau


Es ist Zeit für eine weitere Geschichte,
der diese Reizwörter zugrunde lagen:
Wasserhäuschen – Zipfelmütze – servieren – grillen – hilflos
Schaut doch bitte, ob es auch bei meinen Mitschreiberinnen eine Geschichte zu lesen gibt:


Sandra saß im Bus, um zu ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, der sich etwas außerhalb der Stadt befand, zu gelangen. Diese Zeit am Morgen nutzte sie so manches Mal, um sich in Tagträumen zu verlieren oder sich das Leben einiger Mitfahrenden vorzustellen. Meistens erschien ihr dieses viel interessanter und spannender als ihr eigenes zu sein. Vielleicht verlief es aber auch ganz anders, als sie sich das so ausmalte. Aber das war ihr egal. Sandra machte es Freude, sich diesen Gedanken hinzugeben.
Die nächste Busstation befand sich direkt neben dem Wasserhäuschen und Sandra wusste, dass dort wie an jedem anderen Morgen auch, eine ältere Dame zusteigen würde. Sie schätzte ihr Alter auf gut 70, daher würde sie sich wohl nicht auf dem Weg zu ihrer Arbeit befinden. Aber wohin fuhr sie an jedem Tag, den der Herrgott gab? Diesmal wollte es der Zufall, dass die Dame direkt neben Sandra Platz nahm. 
„Guten Morgen“, grüßte die ältere Frau freundlich und suchte sogleich das Gespräch: „Ist das nicht ein herrlicher Morgen? Sie sind gewiss auf dem Weg zu ihrer Arbeit.“ Sandra nickte. „Ach wissen Sie“, fuhr die Dame fort, „ich bin schon lange Rentnerin. Mein Geld kommt monatlich auf mein Konto, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Auch wenn es nicht viel ist, so habe ich doch mein Auskommen. Es ist halt nur …“. Weiter sprach sie nicht. Stattdessen senkte sie den Kopf. Sandra war unsicher, ob sie nachhaken sollte. Schließlich kannte sie die Frau gar nicht. Sie war ja eigentlich eine Fremde für sie – und doch! Vielleicht war es auch Sandras Neugierde, die sie fragen ließ: „Was bedrückt Sie denn?“
Die Dame schaute hoch. „Interessiert Sie das wirklich?“
Wieder nickte Sandra.
„Ach wissen Sie, ich fühle mich oft so einsam und auch hilflos. Mein Mann ist schwer erkrankt, müssen Sie wissen. Wir konnten nicht mehr zusammen leben. Er leidet an Demenz, erkennt mich oft gar nicht mehr. Immerzu war er auf der Suche nach mir, obwohl ich direkt neben ihm stand. Er meinte, ich sei eine fremde Frau und wollte mich aus unserer eigenen Wohnung vertreiben. Das war eine schlimme Zeit. Mein Sohn hat dann dafür gesorgt, dass sein Vater in ein Heim kam, in dem er wirklich gut betreut wird. Jetzt fahre ich an jedem Morgen zu ihm, bleibe bis zum Mittagessen bei ihm und fahre anschließend wieder nach Hause. Die Nachmittage und Abende sind oft lang. Wissen Sie, ich wohne noch in unserer alten Wohnung, obwohl mein Sohn meint, ich solle doch zu ihm ins Haus ziehen. Das möchte ich aber nicht. Ich wäre doch gar keine Hilfe für ihn, ganz im Gegenteil.“
Sandra wunderte sich über ihre eigene Frage: „Lebt ihr Sohn allein oder hat er eine Familie?“
Wieder sah die Dame Sandra an. „Er hat seine Frau verloren. Vor zwei Jahren ist sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Jetzt lebt er mit seinem Sohn, meinem Enkel, allein in dem Haus. Wissen sie, mir fehlt einfach die Kraft, die beiden auch noch zu unterstützen.“
An dieser Stelle schwiegen beide Frauen und hingen ihren Gedanken nach. Sandra schämte sich dafür, dass sie sich das Leben anderer immer als perfekt ausmalte. Das war es wohl für niemanden. Wenn man hinter die Fassaden blickt, stellt man oft fest, dass es bei jedem Sorgen und Probleme gibt – aber natürlich gibt es ebenso viele glückliche Momente.
„Und Sie?“, erkundigte sich die Dame, „haben Sie Familie?“
„Ja, ich hab schon eine Familie, nur leider keine eigene. Meine Eltern leben ganz in meiner Nähe. Meine Schwester ist verheiratet, hat einen Mann und zwei süße Kinder. Ich gehe ganz in meiner Rolle als Tante auf. Aber wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich schon gern irgendwann eigene Kinder. Wissen Sie, jetzt zum Osterfest treffen wir uns alle bei meinen Eltern. Dann werden wir grillen und meine Mutter wird uns leckere Salate servieren. Wir werden kleine Geschenke und Eier für die Kinder verstecken. Eigentlich ist alles perfekt und doch …“.
„Ich verstehe“, erwiderte die Dame, „das Leben geht manchmal eigene Wege, doch sie dürfen die Hoffnung auf eine eigene Familie niemals aufgeben. Es ist das größte Glück, eigene Kinder zu haben.“
Dann kramte die Frau in ihrer Handtasche: „Schauen Sie, dass ist mein Enkel.“ Sandra sah interessiert auf das Foto. Ein kleiner Junge mit einer roten Zipfelmütze strahlte ihr entgegen. „Aber den kenne ich doch“, rief Sandra aus, „das ist doch Luca.“
„Ja, so heißt er. Aber woher … ?“
„Er besucht den Kindergarten, in dem ich tätig bin. Er ist zwar nicht in meiner Gruppe, dennoch kenne ich seinen Namen - und ihren Sohn, den kenne ich auch, zumindest vom Sehen. Er bringt den Jungen morgens und holt ihn nachmittags auch wieder ab. Natürlich hab ich damals von dem tragischen Unfall erfahren. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie die Mutter und Oma sind.“
„Wissen Sie, ich bin sicher, dass unser Zusammentreffen eine Bedeutung hat. Das Schicksal nimmt manchmal eigenartige Wege. Vielleicht können wir ja mal etwas zusammen unternehmen. Wollen Sie nicht am Ostermontag mit uns in den Zoo kommen? Ach bitte, es wäre eine große Freude, auch für meinen Sohn und meinen Enkel. Oder haben Sie an dem Tag schon etwas anderes vor? Entschuldigen Sie bitte, ich bin einfach viel zu forsch. Aber das ist so meine Art. Sie können es sich ja noch einmal überlegen und es mir morgen sagen. Sie fahren doch morgen wieder mit diesem Bus?“
Eigentlich war Sandra kein spontaner Mensch, doch in diesem Moment wurde ihr ganz warm ums Herz und sie wusste, dass sie dieses Angebot annehmen musste.
„Ich heiße übrigens Sandra“, rief sie der älteren Dame hinterher, als diese aufstand und Richtung Ausgang ging, „und ich komme sehr gerne mit.“
Freudestrahlend und winkend stieg die ältere Dame aus. Sandra kannte nicht einmal ihren Namen, doch sie spürte, dass sich ihr Leben durch diese Frau verändern würde.

© Martina Pfannenschmidt, 2017



Ihr Lieben,
ich danke Euch fürs Lesen der Geschichte und kündige
- bevor hier einer meckert :-) -
schon heute die 
Fortsetzung an.
In 14 Tagen geht es/sie weiter.
Solange müsst ihr Euch gedulden -
oder die Geschichte selbst zu Ende spinnen! :-)




Und last but not least: 
Liebe Manu,
Danke für die liebevolle Osterkarte!

Kommentare:

  1. Das ist eine schöne Geschichte für meine Linkparty und ich "spinne" sie schon mal weiter. Auf meinem Blog habe ich noch ein paar Ostereier versteckt. Vielleicht hast du Lust, sie zu suchen?
    LG Elke

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  2. Du weißt aber schon das es nur gut ausgehen darf, gell? Ich bin schon sehr gespannt.
    Übrigens mache ich das auch sehr gerne, Leute beobachten und mir ihr Leben dazu vorstellen. Was dann wahr ist oder nicht erfährt man leider nicht, oder zum Glück.
    Dir und deinen Lieben ein schönes Osterfest liebe Martina.
    ♥lich Claudia

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  3. Liebe Martina, Frohe Ostern wünsche ich Dir. Freue mich schon auf die Fortsetzung. Liebe Grüße Eva

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  4. Jetzt kann ich gar nich meckern und freu mich auf die Fortsetzung. Herzlichst Lore

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  5. Hallo Martina,
    ich wünsche Dir ein frohes Osterfest !

    Gruß Dieter

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  6. Liebe Martina,
    ich dachte mir schon, dass die ältere Dame ihren Mann entweder auf dem Friedhof oder in einem Heim besucht. Dass allerdings Sandra ausgerechnet die Erzieherin in dem Kindergarten der Enkelin der Dame ist, hätte ich nicht gedacht.
    Manchmal (besonders in den Wintermonaten, wenn es früh dunkel wird), wenn wir in der Dunkelheit mit dem Auto unterwegs sind, schaue ich oft zu den erleuchteten Fenstern. Ich stelle mir dann die Frage, welche Schicksale oder welches Glück sich wohl hinter diesen Fenstern verbirgt. Es sieht immer von außen alles so friedlich und so heil aus, aber man weiß nie was sich dahinter abspielt....
    Danke für die schöne Geschichte und herzliche Grüße von mir zu Dir
    Astrid

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  7. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist wunderschön, und ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung!
    Man könnte manchmal wirklich meinen, dass die Begegnungen, die man im Leben so hat, irgendeinen Sinn haben. Dass es da jemanden oder etwas gibt, das im Hintergrund die Fäden zieht ...
    Mir macht es übrigens auch Spaß, mir das Leben und die Schicksale von Menschen hinter ihren erleuchteten Fenstern auszumalen!
    Liebe Grüße
    Christine

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  8. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist wunderschön, und ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung!
    Man könnte manchmal wirklich meinen, dass die Begegnungen, die man im Leben so hat, irgendeinen Sinn haben. Dass es da jemanden oder etwas gibt, das im Hintergrund die Fäden zieht ...
    Mir macht es übrigens auch Spaß, mir das Leben und die Schicksale von Menschen hinter ihren erleuchteten Fenstern auszumalen!
    Liebe Grüße
    Christine

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  9. Liebe Martina, was für eine schöne Geschichte, na ja, ein schöner Anfang. Ich freue mich, dass wir Sandra und ihre Begegnung im Bus noch ein bißchen begleiten dürfen.
    Ich danke Dir herzlich für Deine Ostergrüße und hoffe, Du hattest mit Deiner Familie ein schönes Osterfest.
    Ganz liebe Grüße Marle

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  10. Liebe Martina,
    bevor ich mit dem Lesen deiner Geschichte anfing, habe ich mir die Wörter ein paarmal durchgelesen und überlegt, was man daraus machen könnte. Und weißt du was, mir ist gar nichts Sinnvolles eingefallen. Umso mehr schätze ich was du daraus gezaubert hast.

    Ja, sie hat mich gleich wieder in ihren Bann gezogen, deine Erzählung. Man war ja gleich so mittendrin im Geschehen. Alles war so alltäglich, so unkonstruiert, so wie ich es gern hab *zwinker*. Dinge, wie sie tagtäglich passieren. Die Vorstellungen die man sich oft vom Leben anderer Menschen zurechtreimt, Erkrankung an Demenz und wie schwierig das Leben dadurch wird, die Einsamkeit im Alter. Aber auch das Gespräch mit seinen Mitmenschen suchen und das Zufälle ihren Sinn haben.

    Ich hätte mit dem Schluss leben können, aber klar freue ich mich, dass du sie noch weitererzählen magst.

    Ich hoffe es geht dir gut und dein Osterfest ist so verlaufen, wie du es dir erträumt hast.

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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