Donnerstag, 1. Dezember 2016

Gebt den Hungrigen zu essen

Endlich ist der 1. Dezember da und die Kinder können das 1. Türchen im Adventskalender öffnen. Sie fieberten schon sehr darauf hin.
Ein Adventskalendertürchen gibt es bei mir leider nicht zu öffnen, doch eine Geschichte, die gibt es zu lesen - zumindest für all diejenigen, die dies möchten.
Ich verrate euch auch noch die Reizwörter, die zu dieser Geschichte führten. Sie lauten:
Zimtstern – Engelhaar – tauschen – frieren – funkelnd
Mal schauen, was meine Mitschreiberinnen sich zu diesen Wörtern haben einfallen lassen:
Helmut saß auf einer Bank mitten in der Einkaufsstraße, so wie er es an jedem Tag tat. Heute war er alleine. Das machte ihm aber nichts aus. Er war ganz gerne mal für sich. Fast hätte er bei dem Gedanken laut los gelacht. Das war mal ganz anders, früher, in seinem alten Leben. Damals gab es viele Termine, jede Menge Stress und viele hektische Menschen um ihn herum.
Weihnachtsbaum glitzer bilder
Die hell erleuchteten Straßen und Geschäfte verrieten, dass die Adventszeit gekommen war. Überall in den Auslagen funkelte es und es gab etliche Tannenbäume, die mit Kugeln, Lametta oder Engelhaar geschmückt waren.
Heute konnte er sich kaum noch vorstellen, dass es mal Zeiten für ihn gegeben hatte, in denen seine Uhr so teuer gewesen war, wie ein gebrauchter Kleinwagen und seine Sekretärin für seine Frau zu Weihnachten ebenso teuren Schmuck besorgt hatte.
Helmut schüttelte den Kopf. Niemals hätte er damit gerechnet, dass er jemals in diese Situation geraten könnte. Er, der Macher, der vor Ideen nur so strotzte. Doch dann hatte er sich verspekuliert, sehr viel Geld verloren. Aufträge waren weg gebrochen, Kunden hatten nicht gezahlt.
Seine Frau war nicht bereit gewesen, auf ein Leben im Luxus zu verzichten. Sie hatte ihn verlassen. Als sich dann auch noch seine Freunde und Geschäftspartner von ihm abgewandt hatten, war das der Anfang vom Ende für ihn gewesen. Wie in einer Abwärtsspirale war es für ihn nur noch bergab gegangen. Tiefer und tiefer! Doch tiefer, als er jetzt war, konnte er nicht mehr fallen. Ein irgendwie beruhigender Gedanke, dachte Helmut sarkastisch.
Menschen gingen an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten. Das kannte er schon. Die meisten allerdings schauten voller Abscheu weg. Das traf ihn am meisten. Oft erreichte ihn der Blick von Kindern und er hörte, wie sie ihre Eltern fragten: „Was ist mit dem Mann? Hat der nichts zu essen? Ist der arm? Muss der frieren?“
Ja, oft war ihm lausig kalt und es gab wohl niemanden, der sein Leben mit dem seinen hätte tauschen wollen. Viele seiner heutigen Kumpel versuchten, ihrer Situation und der Kälte durch das Trinken von Alkohol zu entkommen. Doch man entkam ihr nicht. Sie kroch wie eine Schlange von den Füßen her an einem hoch und ließ einen erzittern.
Es gab aber auch Menschen, die anders waren, die heiße Getränke brachten und auch wärmende Decken. Letztens hatte ihm eine Frau sogar einen Glühwein spendiert und dazu eine Tüte mit Zimtsternen. Diese Momente waren aber eher selten.
An jedem Abend ging Helmut ins so genannte Nachtcafé der Heilsarmee. Dort gab es eine warme Mahlzeit, die er sich nicht entgehen ließ. Am Abend zuvor war es dort zu einem Gespräch mit dem dortigen Leiter gekommen. Er hatte sich ganz spontan zu ihm an den Tisch gesetzt und ihn nach seinem Leben gefragt. Helmut hatte von früher erzählt und wie es heute für ihn so ist. Dass er auf Parkbänken oder in Bahnhofsecken übernachtet, so lange, bis man ihn von dort vertreibt und er hatte ihm anvertraut, dass er sich müde und ausgelaugt fühlt.
Helmuts Blick war auf eine Bibelstelle gefallen, die dort auf einem Plakat an der Wand prangte: ‚Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!’
„Wissen Sie“, hatte Helmut dem Mann gesagt und dabei auf die Worte gezeigt, „wenn ich wie Sie einen Glauben hätte, könnte ich ‚dem da oben’ alles in die Schuhe schieben oder ich könnte ihn bitten, mir in meiner Situation zu helfen. Doch ich weiß, dass ich ganz alleine für mein Dilemma verantwortlich bin und dass es niemanden gibt, der mir helfen kann oder wird.“
Dieses Gespräch hatte Helmut noch im Kopf, als er ein kleines Mädchen hören rief: „Schau Mama, dort sitzt der Nikolaus. Lass uns zu ihm gehen!“ Dabei zeigte sie in seine Richtung. Helmut sah sich um. Das Kind meinte tatsächlich ihn. Mit seinem weißen Vollbart und der roten Mütze, die er gegen die Kälte trug, hatte er wohl tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann.
Die Frau zog das Kind jedoch weiter. Verständlich. Welche Mutter sah es gerne, wenn ihr Mädchen mit so einem wie ihm Kontakt hatte. Doch die Kleine riss sich von der Hand der Mutter los und kam direkt auf ihn zu.
„Isabell, was soll das denn jetzt, komm sofort wieder her, wir müssen weiter.“
„Ich komme gleich. Ich möchte dem Mann nur etwas geben“, rief sie ihrer Mutter zu, wandte sich Helmut zu und meinte: „Hier, nimm. Das ist ein Glücksstein. Du sollst ihn haben.“ Das Mädchen drückte ihm dabei einen weißen Kieselstein in die Hand und einen Kuss auf die Wange, bevor es zurück zu seiner Mutter lief. Diese kleine Geste brachte Helmut fast aus dem Gleichgewicht. So viel Wärme und Zuneigung hatte ihm schon lange niemand mehr geschenkt.
Selbstvergessen betrachtete er den Stein. Es war ein ganz normaler kleiner Stein, doch ihm wurde ganz warm ums Herz. Es war, als habe dieses kleine Mädchen die Ketten gesprengt, die sich um sein Herz gelegt hatten.
Nach einer Weile erhob er sich und trat den Weg an, um seine warme Mahlzeit einzunehmen. Viele Gedanken gingen ihm dabei durch den Kopf: Was könnte ich tun oder wie könnte ich es schaffen, mich aus meiner Situation zu befreien? Gibt es irgendwo einen Lichtblick – auch für mich? Und dann tat er etwas, was er noch nie zuvor getan hatte. Helmut blickte nach oben und dachte: Okay, wenn es da oben wirklich jemanden gibt, der mir helfen könnte, wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Bald darauf betrat er die warme Stube der Heilsarmee. Als er seine Suppe löffelte, kam der Mann vom Vortag auf ihn zu und sprach ihn erneut an: „Wir haben uns doch gestern so nett unterhalten und ich hatte den Eindruck, dass Sie ein verlässlicher Mensch sind. Wir könnten hier ein bisschen Unterstützung ganz gut gebrauchen. Essensausgabe, aufräumen, einfache Arbeiten. Viel Geld lässt sich damit freilich nicht verdienen, doch es wäre ein Anfang. Wie schaut’s aus? Sind sie dabei?“
© Martina Pfannenschmidt, 2016

Auch die Geschichte
wandert zu Elke!


Kommentare:

  1. Liebe Martina, oh wie toll, dass es für Helmut wieder aufwärts geht. Er wird es schaffen, da er mal so erfolgreich war. Nur wenn Alkohol oder Drogen im Spiel wären, dann hat das Ganze fast nie einen Sinn. Schöne Geschichte, die leider all zu viel in unseren Zeiten passiert. Liebe Grüße Eva

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  2. Hoert sich gut an ... theoretisch ... aber ... habe letztens einen jungen sehr baertigen Mann gesehen, der von Muelltonne zu Muelltonne gegangen ist und sich Sachen zum essen rausgesucht hat ... was mir das Herz zerbrach, so wollte ich ihm $20 geben ... aber Du haettest mal sehen sollen, wie aergerlich er auf mich wurde ... "Geh weg, Du, ich brauche keinen" sagte er ... Traenen ... ja ... Love, cat.

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  3. Das ist eine traurige und schöne Geschichte zugleich. Leider geht so eine Geschichte oft nicht gut aus.
    LG Elke

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  4. Wieder eine Geschichte die zu Herz geht. Es zeigt viel von unserer Zeit, leider. Das es für Helmut gut ausgeht freut mich.
    ♥lich Claudia

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  5. Liebe Martina,
    ja, eine zu Herzen gehende Geschichte ist das, vielen Dank dafür!
    Hab noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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  6. Liebe Martina,
    Du hast ein schönes Talent! Mir fiele das jetzt spontan gar nicht so leicht, aus den wenigen Worten eine Geschichte zu machen. Bin eher Sachtext-Autorin. ;-)
    Danke auch für Deine lieben Zeilen in meinem Gartenblog! Und jetzt wünsche ich Dir erst einmal schöne Adventstage!

    Liebe Grüße
    Sara
    https://herz-und-leben.blogspot.de/2016/12/wie-haltet-ihr-denn-das-mit-den.html

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  7. Liebe Martina,
    eine wirklich ans Herz rührende Geschichte. Meiner Meinung nach meiden jedoch die meisten Menschen Obdachlose nicht unbedingt wegen ihres ärmlichen Aussehens, sondern wegen ihres Geruchs. In der U-Bahn, mit der ich täglich zur und von der Arbeit fahren muss, rasten sich relativ häufig "Sandler" (wie sie bei uns heißen) aus bzw. schlafen ihren Rausch aus - an dieser Strecke liegt nämlich ein Sozialrefrat für Nichtsesshafte. Und ich kann dir sagen, der Bereich, in dem der jeweilige Sandler sitzt, ist für Menschen mit nur halbwegs funktionstüchtigen Nasen nicht zu ertragen. Nach Urin, Schweiß, Alkohol, und das alles seit Monaten eingenistet in diese Menschen. Unbeschreiblich. Ekelerregend. Unfassbar. Ich verspüre Brechreiz, wenn ich nur an manche ganz besonders heftigen derartigen "Erlebnisse" denke. Da käme kein Kind und auch sonst niemand auf die Idee, näher ranzugehen, geschweigedenn etwas zu schenken oder zu küssen. Und keiner würde sie bei sich aufnehmen wollen. Dabei gibt es auch bei uns die Möglichkeit für Obdachlose, dass sie sich in sozialen Einrichtungen duschen und frische Kleider holen. Du kannst also davon ausgehen, dass nur wenige einen Hintergrund wie Helmut haben, Alkohol vermeiden und sich auch wieder ein Stückerl zurück in die Welt der anderen Menschen kämpfen wollen... Die meisten wollen offenbar ihre Sozialhilfe versaufen und dann viel freien Platz in der U-Bahn haben ;-) Zum Glück ist dein Helmut anders, und ich nehme mal an, all zu schlecht wird er wohl auch nicht riechen ;-))
    Hab noch einen wunderschönen Abend!
    Alles Liebe, Traude

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  8. Hallo Martina,
    ich mag Geschichten mit Happy-End! So schön geschriben.
    Dnake
    LG
    Manu

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  9. Liebe Martina,
    was für eine schöne Geschichte. Der Glücksstein des kleinen Mädchens scheint Helmut Glück zu bringen. Danke für diese Geschichte.
    Liebe Grüße,
    Christine

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  10. Oh Martina, das war wieder eine traurige -schöne, nachdenklich stimmende und herzerwärmende Geschichte, die ich gerne gelesen habe.
    Ja, Kinder können so unbefangen sein und mit dieser Art einfach durch eine kleine Geste Wärme und Liebe schenken. Und manchmal ist dies der Anstoß für einen Menschen wieder neuen Mut zu schöpfen.
    Ich schicke Dir liebe Morgengrüße
    Astrid

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  11. Oh Martina,
    das ist so eine Geschichte die bei mir einen Klos im Hals verursacht...Du kennst das mit Sicherheit auch, denn sonst könntest Du solch tiefgehende Geschichten nicht schreiben...
    Danke dafür!
    ...und alles Liebe und eine die Seele wärmende Adventszeit
    Heidi

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  12. Eine traurig-schöne, rührende Geschichte hast Du erdacht, liebe Martina. Ich habe sie letzten Freitag im Auto meinem Mann und einer Freundin vorgelesen. Sie war hin und weg von Deinem Stil und wie Du formulierst. Auch mein Mann war sehr angetan. Du hast ein Talent, mit dem Du viele Menschen erreichen, beglücken oder zum nachdenken anregen kannst. Eine große Gabe!
    Schöne Adventszeit noch und ganz liebe Grüße
    Marle

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  13. Eine schöne Geschichte und ich würde wünschen, dass es eine Menge Helmuts gäbe, die sich durch einen Anstoß von außen wieder auf die Lebensbahn bringen ließen. Manche schaffen es ja wirklich. Und das ist etwas ganz ganz Besonderes. LG Tanja

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