Samstag, 1. Oktober 2016

Altweibersommer

Schön, dass ihr da seid! 
Wie bereits gestern angekündigt,
gibt es heute bei mir eine herbstliche Geschichte zu lesen! 
Und nun bin ich sehr gespannt, 
welche Mitschreiberin 
noch eine Geschichte präsentiert:



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Rosenduft stieg in Annabelles Nase, als sie heißes Wasser in die Tasse goss, um sich einen Tee aus Rosenblättern zuzubereiten. Sie nahm die große Tasse mit dem wohlriechenden Inhalt an sich und ging zu einem Fenster, aus dem sie einen weiten und freien Blick genießen konnte. Sie liebte das Leben auf dem Land und diese Aussicht ganz besonders.
Annabelle beobachtete, wie der Wind mit den herabgefallenen Blättern sein Spiel trieb und welche Freude er daran hatte, die dicken Watte-Wolken über das Firmament zu jagen. Dabei warfen sie ihren Schatten auf das abgeerntete Feld. Eine Weile verfolgte sie dieses Schauspiel, als ihr der Gedanke kam, dass alles Licht benötigt, sogar der Schatten, denn ohne Licht gäbe es selbst ihn nicht.
In der Ferne vernahm sie Kraniche, die in ihrer bekannten Keil-Form Richtung Süden zogen. Ihr Rufen war weithin zu hören und ein weiteres Indiz dafür, dass der Herbst Einzug gehalten hatte.
Nun war sie endgültig vorbei, die Zeit der lauen und langen Sommernächte, doch dafür warteten kuschelige Momente auf sie, mit einem guten Buch bei Kerzenschein in einem wohlig-warmen Zimmer. Ein durchaus verlockender Gedanke.
Annabelle winkte ihren Buben zu und musste lachen, weil sie gemeinsam mit ihrem Großvater versuchten, am Himmel einen wilden Drachen zu bändigen. Kinder haben noch die Gabe, sich jeder Jahreszeit anzupassen und ihr das Beste abzugewinnen. Die Erwachsenen hadern oft mit dem Herbst, doch im Moment zeigte er sich keineswegs grau und dunkel, sondern in seiner ganzen Pracht. Die Blätter des wilden Weines am Nachbarhaus erstrahlten in den herrlichsten Rottönen, besonders in der Spanne, in der Sonnenstrahlen auf sie fielen.
Annabelle konnte sich nicht satt sehen an all den Farben in ihren unterschiedlichen Nuancen. Bald wäre diese malerische Zeit vorüber und es galt, den grauen November mit all seinen traurigen Feiertagen anzunehmen, doch bis dahin wollte sie noch viele herbstliche Sonnenmomente genießen.
Als die Haustür aufflog und ihre Kinder ins Haus stürmten, wandte sie sich um.
„Du Opa, was ist denn eigentlich ein Altweibersommer?“, fragte ihr Großer wissbegierig und Annabelle lauschte der Antwort ihres Vaters ebenso, wie ihre Söhne.
„Lasst uns zuerst einmal reinkommen und unsere Jacken ausziehen“, meinte dieser jedoch in seiner besonnenen Art, „danach ziehen wir die Schuhe aus, damit wir der Mama nicht alles schmutzig machen. Was haltet ihr davon, wenn wir uns anschließend in die Küche begeben, eine heiße Schokolade trinken und ich es euch dabei erzähle?“
Die Jungs nahmen diesen Vorschlag begeistert an, warfen ihre Schuhe mit einem Schwung in die Ecke und eilten Richtung Küche.
Eine Weile später: „Also, das mit dem Altweibersommer ist so: Im Herbst gibt es oft ein paar besonders schöne und warme Tage, die uns an den Sommer erinnern. Doch morgens ist es vielfach empfindlich kühl und es bildet sich Nebel. In dieser Zeit sind Spinnennetze besonders gut zu erkennen. Man kann sie überall entdecken: an Gräsern, Blumen und Zäunen zum Beispiel. Da die Spinnennetze in der Sonne aussehen wie silbrig glänzende Fäden, erinnern sie sehr an die grauen Haare älterer Frauen. Man denkt deshalb, dass der Begriff damit zu tun haben könnte.“
„Ob Oma das weiß?“, erkundigte sich der Kleine. „Wenn nicht, müssen wir es ihr unbedingt erzählen.“ Anschließend bat er: „Opa, kannst du uns noch mehr über den Herbst erzählen?“
„Na klar kann ich“, erwiderte dieser mit stolz geschwellter Brust. „Als ich noch ein Schulkind war, bekam ich genau wie ihr im Herbst Ferien und nun dürft ihr raten, wie wir diese Zeit nannten.“
Die Kinder sahen sich an, zogen die Schultern hoch und entgegneten: „Na, Herbstferien, halt!“
„Ne, eben nicht“, feixte Opa, „wir nannten sie ‚Kartoffelferien’ und wollt ihr wissen, weshalb?“
Nachdem beide Kinder übereinstimmend genickt hatten, erzählte er es bereitwillig.
„Die Herbstzeit ist ja eine Zeit der Ernte und so gingen wir Kinder mit unseren Eltern und Großeltern gemeinsam zum Acker, auf dem die Kartoffeln wuchsen und ernteten sie. Damals fuhr man noch nicht mit großen Erntemaschinen über die Felder, sondern die Männer hoben die Kartoffeln mit Forken aus der Erde und die Frauen und Kinder holten die Erdäpfel mit den Händen heraus. Ihr müsst aber nicht denken, dass wir es als Arbeit empfanden und keine Freude daran hatten. Ganz und gar nicht. Es war eine wirklich schöne Zeit. Die ganze Familie half und mein Großvater hat mir damals aus seiner Kindheit erzählt, so wie ich es heute tue. Besonders toll fand ich allerdings die Pausen. Dann gab es Brote mit dick Butter und Wurst darauf. Wasser, um sich vorher die Hände zu waschen, hatten wir nicht. Wir wischten sie einfach an unseren Hosen ab und bissen anschließend herzhaft in unser Brot. ‚Dreck scheuert den Magen’, sagte mein Großvater häufig.“
„Siehste Mama“, fiel ihr Großer Opa ins Wort, „und bei dir müssen wir uns ständig die Hände waschen.“
„Schaden kann es auch wieder nicht“, meinte Opa schnell, nachdem er den mahnenden Blick seiner Tochter vernommen hatte.
„Erzähl weiter, Opa!“, bat jetzt der größere der beiden Brüder.
„Die Kartoffeln sammelten wir in Drahtkörben. Wenn sie voll waren, konnten wir Kinder diese nicht mehr anheben, weil sie viel zu schwer für uns waren. Deshalb riefen wir nach einem starken Mann, der die Körbe abholte und die Kartoffeln in einen Hänger schüttete. Wenn die Arbeit getan war, kam ein besonders schöner Teil. Direkt auf dem Feld verbrannte man die trocknen Blätter der Kartoffeln. Zu Anfang bildete sich oft viel dunkler Rauch und deshalb mussten einige husten. Doch bald darauf wurde es ein richtig großes Feuer, das weithin sichtbar war. Einige Kartoffeln hatten wir vorher beiseite gelegt. Die kamen auf lange Stöcke und wurden ins Feuer gehalten. Wenn die Erdäpfel gar waren, haben wir sie direkt vor Ort mit ein bisschen Salz darauf gegessen. Das war einfach köstlich, kann ich euch sagen!“
„Können wir das auch mal machen?“, bettelten die Kinder.
Opa überlegte kurz, bevor er antwortete: „Also, wenn Mama einverstanden ist, nehme ich euch mit zu Oma Hannelore, dann könnten wir es gleich heute bei uns zu Hause mit Holzkohle auf unserem alten Grill ausprobieren und anschließend dürft ihr bei uns übernachten. Was haltet ihr davon?“
Die Antwort ihrer Mutter warteten die beiden Buben gar nicht ab. Jubelnd sprangen sie von den Stühlen und liefen in ihre Zimmer, um die Rucksäcke zu packen.
Annabelle sah ihren Vater dankbar an. Ihr war bewusst, dass er gerade einen kleinen Keim ins Herz ihrer Kinder gelegt hatte. Dort konnte er nun reifen, um später als kostbare Erinnerung an ihren Opa und ihre Kindheit aufzugehen. 

© Martina Pfannenschmidt, 2016




Auch diese Geschichte
wandert zu Elkes
froher und kreativer



Kommentare:

  1. Heute bin ich ja die Erste, schmunzeln, eine wunderschöne Geschichte, einfühlsam erzählt und sie weckt Erinnerungen an meine schöne Kindheit auf dem Land.LGLore

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  2. Liebe Martina, Regina erzählte auch von früher und der Kartoffelernte und jetzt Du auch. Ja Kindheitserinnerungen kommen hoch, war schon schön damals bei meiner Oma. Liebe Grüsse Eva

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  3. Liebe Martina.
    eigentlich sollte meine Geschichte auch "Altweibersommer" heißen... Aber nachdem ich diesen Titel bei Dir entdeckt habe, habe ich meine Geschichte kurzerhand "umgetauft". **lach**
    Deine Erzählung erinnert mich an meine Kindheit und an ein Kartoffelfeuer (leider nur ein einziges), das ich bei irgend einem Bauern erleben durfte, bei dem meine Mutter bei der Ernte mitgeholfen hat.
    Übrigens: den Spruch "Dreck reinigt den Magen" kenne ich auch - den hat mein Vater oft zitiert, wenn irgend etwas Essbares runtergefallen ist. Das wurde kurzerhand abgewischt und weitergegessen.
    Nichtsdestotrotz - meine Hände wasche ich trotzdem sehr oft! **grins**
    Liebe Grüße, und vielen Dank für Deine wunderschöne Geschichte!
    Christine

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  4. Liebe Martina,
    beim Lesen deiner bezaubernden Geschichte ist mir ganz warm ums Herz geworden. Es war schön in die „alte“ Zeit einzutauchen, die du so einfühlsam beschrieben hast. In Gedanken war ich bei meinem Schwiegervater im Garten wenn ICH die Kartoffeln einsammele, die er mit seiner Forke heraushebt (in seiner Montur würde er wunderbar in die Erinnerungen des Großvaters hineinpassen *lächel*). Dabei bekomme ich auch so manche alte Geschichte oder Brauch erzählt. Nur der gemütliche Teil fehlt. Schade. Aber den konnte ich ja bei dir nun in meiner Fantasie miterleben. Und statt am Feuer zu sitzen werden bei mir dann die angestochenen/verletzten Kartoffeln, die er mir zum Abschied immer einpackt, auf dem Herd gegart.
    Es war mir ein Vergnügen mit dir auf Zeitreise zu gehen. Danke dafür.

    Ich wünsche dir ein feines verlängertes Wochenende!

    ♥∗✿≫✿≪✿∗♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  5. Ja, die Kartoffelferien kenne ich auch noch. Hier im Hochsauerland gibt es um diese Zeit überall ein "Kartoffelbraten", das von vielen Vereinen organisiert wird. Da werden die Kartoffeln ungeschält in Buchenfeuer gebraten. Das Buchenholz muss wie Holzkohle erst gut durchglühen. Hinterher ist die Schale meist dunkel, aber die Kartoffeln schmecken gut.
    Danke für die schöne Herbstgeschichte.
    LG Elke










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  6. Liebe Martina,
    mir ist nach deiner Geschichte (bzw. nach den Gerschichtne in der Geschichtze) jetzt richtig nostalgisch zumute. Kartoffelferien hatten wir zwar nicht, aber ans Kartoffelnachklauben erinnere ich mich gern - das war zwar Arbeit, aber trotzdem schön, auch ein familiäres Erlebnis und ein bisserl wie "Beutemachen" ;o))
    Weißt du was, ich finde auch, dass deine Geschichte gut zu ANL passen würde - weil sie an so ein ursprüngliches Leben gemahnt, an eine Zeit, wo Technik noch keine Rolle spielte und Kinder noch Kinder waren. Wenn du willst, kannst du dein Posting dort noch bis heute Abend verlinken: http://rostrose.blogspot.co.at/2016/09/a-new-life-9-wasser-ist-leben-teil-1.html (Oder ab 15.10. beim neuen ANL...)
    Herzliche Rostrosen-Oktobergrüße,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2016/10/eine-etwas-andere-dirndl-modenschau-und.html

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  7. "nach den Geschichten in der Geschichte" sollte das natürlich heißen...

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  8. Liebe Martina,
    eine schöne Geschichte ist dir gelungen. Bei uns hießen diese Ferien auch Kartoffelferien und die Kartoffelfeuer habe ich sehr geliebt. Leider haben wir keine Kartoffeln im Gartn, aber was nicht ist kann ja noch werden, nicht wahr?
    Herzliche Grüße zu dir
    Regina

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  9. Liebe Martina,
    das ist eine richtig schöne Hebstgeschichte, die du uns heute erzählst. Kinder lieben es, wenn die Eltern und Großeltern aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend erzählen. Das ist immer wieder spannend und festigt das Band zwischen den Generationen. Solche Momente behält man ein Leben lang in Erinnerung.
    LG
    Astrid

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  10. liebe Martina....ich erinnere mich, ich hier auf dörflichen Umfeld würde sich niemand wundern wenn er diese entzückende Geschichte abends vor dem schlafen gehen vorgelesen bekommt wobei mir nicht ganz klar ist OB vorgelesen wird, in der Stadt dagegen würden die Kleinsten staunen die die Kartoffeln nur aus dem Sack im Supermarkt kennen. sie würden sagen:
    "Wouw, die wachsen auf einem Acker"?!!!
    sehr schöne Geschichte die hoffentlich nie aussterben werden!
    Herzlichst Angelface

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  11. Liebe Martina,
    da ist dir wieder eine sehr schöne Geschichte gelungen.
    Alles Liebe für dich in dieser nicht so leichten Zeit
    der kleinen und großen Abschiede....

    Ganz liebe Grüße, seid behütet,

    Birgitta

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  12. Der Herbst hat es in sich, schöne Farben und auch grau.
    Man kann sich doch manchmal nicht das heraussuchen was man möchte.
    Kartoffelfeuer kenne ich nicht aber Kartoffeln am Spieß.
    Eine schöne Herbstgeschichte, Klärchen

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  13. Liebe Martina,
    eine wunderschöne Geschichte. Ich denke auch oft an die Erzählungen meiner Großeltern.
    Liebe Grüße und einen schönen Abend,
    Christine

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  14. Liebe Martina, mit großem Vergnügen las ich Deine Geschichte. Es erinnert an meine herrlichen Kindertage, die ich bei meinen Großeltern jeweils in den Ferien verbringen durfte. Es war eine beschwingte und unbeschreiblich schöne Zeit.

    Mit sonnigen Grüßen, Heidrun

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  15. Ein wunderbare Geschichte Martina !
    Sie hat mich in meine Kindheit zurück versetzt ,denn
    wir waren auch immer auf dem Feld und mein Vater hat
    immer ein Feuer gemacht, nur er legte die Kartoffeln
    in die glühende Holzkohle, sie waren dann als er sie raus
    holte kohlenschwarz und man schälte sie dann raus ,das
    war ein Genuss pur :-))

    Es war eine unbeschwerte und friedlich Zeit damals
    in den 50er Jahren !

    Liebi Grüessli
    Margrit

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  16. Wunderschön, wir machen mit den Kindern ab und zu mal Stockbrot am Feuer. Ich meine mich zu erinnern, dass selbst ich als Kind noch ein- oder zweimal Kartoffelfeuer miterlebt habe. Wir mussten bei der Kartoffelernte in den 70ern auch noch helfen als ganze Familie. LG Tanja

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  17. Liebe Martina,
    Du hast meinen Post über das Kartoffelfeuer bei mir gefunden, und mich in dem Zusammenhang auf diese Geschichte aufmerksam gemacht...Sie ist wunderschön und rührt mich zutiefst...denn was Du hier in die Geschichte vom liebevollen Opa, seinen Enkelkindern und dem kleinen Keim im Herzen der Kinder, gepackt hast, genau das durfte ich selbst erleben. Und diese Erinnerungen sind soooooo kostbar, sie sind noch Jahrzehnte später wie eine warme Umarmung...

    Schau doch bei mir mal unter folgendem Link nach: https://secure.wittich.de/nc/produkte/online-lesen/ihr-mitteilungsblatt/detailartikel/titel/176/artikel/120201705232/ausgabe/16-41/ergebnis/1/
    Du landest dann bei unserem heimatlichen Gemeindeblättchen, in dem ich jede Woche eine Kolumne über Kräuter, Garten u. ä. schreibe. Und in der KW 41 geht es auch um herzerwärmende Erinnerungen an die Kinderzeit...
    Bin gespannt, was Du dazu sagen wirst...
    Alles Liebe
    Heidi

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