Freitag, 15. Juli 2016

Mit dem Leben fließen!

Sommerzeit! Ferienzeit!
Dennoch gibt es bei uns heute Geschichten zu lesen!
Wer 'uns' ist? 
Ganz klar: 
Regina - Lore - Christine - Eva und ich :- )
Welche Reizwörter wir diesmal zu verarbeiten hatten?
Diese hier:
Kuhglocken – Sicherheitsnadel – wählen – halten – hektisch


Fluss Blumen Landschaft

Wann immer es ihre Zeit zuließ, surfte Anja im Internet. Es war einfach ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Immer wieder stieß sie dabei auf Blogs, die ihr Interesse weckten. Besonders gern mochte sie das Blog von Annette, die vom Nähen begeistert war. Anja fand bei ihr oft wertvolle Tipps und Hinweise. Annette nannte ihr Blog ‚Die Sicherheitsnadel’. Heute hatte Anja Peters Blog entdeckt. Wie er schrieb, war er ein begeisterter Kuhglocken-Sammler. Das war wohl selbst für einen bayrischen Buam außergewöhnlich.
Etwas später steuerte sie Blogs an, auf denen immer mal wieder kleine Geschichten eingestellt wurden. Eine Geschichte trug den Titel 'Mit dem Leben fließen'. Anja begann, sie zu lesen:

Millionen kleiner Wassertropfen hüpften vergnügt aus der Tiefe der Erde ans Tageslicht. Fröhlich und gleichzeitig ein bisschen aufgeregt, sprangen sie umher. Schließlich kannten sie weder das Ziel, noch wussten sie um den Weg, der nun vor ihnen lag. Auch ahnten sie nichts von all den Abenteuern, die das Leben für sie vielleicht bereithalten würde. Und so entfernten sie sich - zum Teil ein bisschen hektisch - von der Quelle fort.
Mitten in diesem Tumult befand sich Bärbel, ein äußerst ängstlicher kleiner Tropfen, dem das alles nicht geheuer war. Viel zu gerne wäre sie unter der Erde geblieben. Dort war ihr alles so bekannt. Diese Ungewissheit über das, was jetzt auf sie zukam, machte sie nur noch furchtsamer. Alles war fremd und das helle Sonnenlicht gefiel ihr schon gar nicht. Sie hatte gehört, dass die Sonne in der Lage war, Tropfen zu sich in die Höhe zu ziehen. Das war Bärbel unheimlich. Schließlich war sie nicht schwindelfrei.
Ein kleiner Stein stellte sich ihr in den Weg. Vielleicht würde es ihr gelingen, sich an ihm festzuhalten. Wenn sie hätte wählen können, wäre sie am liebsten zurück zur Quelle getrieben. Doch das war schier unmöglich.
„He, Bärbel“, rief Max, als er an ihr vorbei kraulte, „was machst du denn da? Lass los und komm einfach mit.“
„Ich kann nicht“, rief Bärbel ihm nach und klammerte sich nur noch fester um den Stein. Kurz darauf war von Max nichts mehr zu sehen. Das ging Bärbel alles viel zu schnell. Sie wollte dort bleiben, wo sie sicher war und dieser Platz hier hinter dem Stein schien ihr sicher.
Unerwartet traf sie ein Schatten. Bärbel sah hoch und erschrak furchtbar. Eine Kuh stand direkt über ihr, um ihren Durst mit dem frischen Wasser zu stillen. Gerade noch rechtzeitig ließ Bärbel los, sonst wäre sie ihr zum Opfer gefallen. So wollte sie auf keinen Fall enden. Das war ein ganz schrecklicher Gedanke, im Magen einer Kuh zu landen. Bald darauf stieg zum ersten Mal ein Gefühl in ihr auf, das ihr neu und fremd war. Sie verspürte so etwas wie Freiheit. Aber auch das machte ihr zunächst einmal Angst. Sie wusste ja nicht, was es bedeutet, frei zu sein.
Irgendwann ließ sie sich jedoch gemeinsam mit all den anderen Tropfen treiben. Sie zogen an großen Städten vorüber, sahen riesige Schiffe in den Häfen liegen, wunderschöne Schlösser auf den Bergen und sie lachten über die Menschen, die am Ufer standen und sich nicht ins kühle Nass trauten.
Im Laufe der Zeit freundete sich Bärbel mit einigen anderen Tropfen an und so kam es, dass eines Tages der weise Nepomuk in ihr Leben trat. Er lehrte sie, dass es wichtig war, auf seinem Weg nicht nur Erfahrungen zu sammeln, sondern etwas aus ihnen zu lernen. Der Schlüssel zur Weisheit lag laut Nepomuk darin, alle Erlebnisse wie ein Schwamm in sich aufzusaugen und daraus seine Erkenntnisse zu ziehen. Doch die wertvollsten Sätze, die Bärbel von ihm gehört hatte, waren diese: „Alle, die glauben, allein zu sein, haben es schwer. Erst wenn man erkennt, dass man nicht alleine ist, sondern dass alle Tropfen gemeinsam etwas Großes bilden, wird man sich niemals einsam fühlen“. Und anschließend hatte er hinzugefügt: „Schau dich um! Du bist ein Tropfen und ich bin es auch. Gemeinsam mit allen unseren Brüdern und Schwestern neben uns bilden wir etwas Großes. Du darfst ruhig ein bisschen stolz darauf sein, ein Teil davon zu sein. Stell dich nicht gegen den Lauf der Dinge. Unser Leben wird sich stetig verändern, doch es wird niemals ein Ende haben. Lass dich treiben. Genieße jeden Moment und freue dich an deinem Sein.“

Nachdem Anja die Geschichte zu Ende gelesen hatte, blieb sie noch einen kleinen Moment nachdenklich vor ihrem Laptop sitzen. Sie sah Parallelen zu ihrem eigenen Leben, über die sie nachdenken wollte. Auch sie war oft furchtsam und ließ das Leben nicht fließen. Doch dort, wo Gefühle stocken, entstehen Blockaden. Und die können einem das Leben wirklich schwer machen.  
Anja hatte so ihre Probleme mit all den vielen Veränderungen, die das Leben ständig mit sich brachte. Die Kinder zum Beispiel, die so schnell erwachsen geworden waren. Sie los zu lassen, sie ihr eigenes Leben meistern zu lassen, wollte ihr nur schwer gelingen. Doch man konnte das Leben nicht aufhalten und nicht anhalten. Nepomuk, der weise Tropfen aus der Geschichte, hatte Recht. Sich gegen das Leben zu stellen, war sinnlos. Vielleicht würde es ihr eines Tages gelingen, dies zu verinnerlichen und sich dem Fluss des Lebens nicht entgegen zu stellen.

Doch eine Frage blieb: Alle Tropfen gemeinsam bilden eines Tages das Meer, aus dem sie wieder aufsteigen und ihren Weg von vorne beginnen. Und wie ist das mit uns Menschen? Bilden wir alle gemeinsam auch etwas Großes, Gewaltiges, von dem wir nicht einmal ahnen? 

© Martina Pfannenschmidt, 2016

Ein herzliches
'Willkommen'
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Kommentare:

  1. Liebe Martina, so eine wundervolle Geschichte, die mich ganz arg berührt hat, und die dem Tag heute etwas besonderes gibt, vielen Dank dafür.
    Ich habe gestern ein kleines Märchen geschrieben.
    Herzlichst, Ulla

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  2. Eine schöne Geschichte , aber auch nachdenklich stimmend .
    Klar schafft eine Gemeinschaft mehr in Gange zu bringen .
    Aber jeder selbst hat eben seine Einstellungen , Ängste .....
    Man muss sich selbst damit arrangieren , bevor man mit
    Anderen . Trotzdem jedem Seins , ist meine Meinung . Und
    Erfahrungen bestimmen ja auch das Leben . Manchmal ist es
    für einen halt doch , sich gegen den Strom zu stellen . Alles
    muss man nicht mitmachen . Aber man kann ja Kompromiss-
    Bereit sein und Erfahrung macht klüger .
    Schönes WE und Luebe Grüsse von JANI

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  3. Guten Morgen, Martina,
    Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Ja, auch ich habe darin Parallelen zu meinem eigenen Leben entdeckt... Auch ich mag Veränderungen eigentlich nicht. Weil sie mich herausreißen aus meiner Bequemlichkeit, weil ich befürchte, mit den Anforderungen nicht klarzukommen...
    Doch - so unrecht hat Nepomuk nicht. Man verpasst viel, wenn man versucht, sich an Althergebrachtem festzuklammern...
    Vielen Dank für diese schöne, nachdenkliche Geschichte!
    Ich wünsch Dir ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    Christine

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  4. Liebe Martina,
    danke für den Link und für deine schöne Geschichte. Es ist dir elegant gelungen, die Reizwörter unterzubringen. Manchmal macht Unbekanntes Angst, aber es macht keinen Sinn, deshalb nichts Neues mehr zu wagen. Denn dann wird das Leben langweilig. Manchmal braucht man nur einen kleinen "Schubs" und man wundert sich, weshalb man das "Neue" eigentlich noch nicht schon früher ausprobiert hat.
    LG Elke

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  5. Oh wie schön Martina, es gibt dich ja noch, grins
    Wieder mal eine schöne nachdenkliche Geschichte von Martina unserem Philisoph (zwinkern)
    Wünsche dir ein schönes Wochenende
    Was ihr aus den Kuhglocken gemacht habt, Regina benützt sie zum Küssen und lässt sie sammeln. LGLore

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  6. Liebe Martina, bei Deiner Geschichte komme ich ins Philosophieren. Ja so ist die Welt gestrickt, eins wird immer zu einem Ganzen,wir bemerken es nur oft nicht. Habe ich gerne gelesen. Liebe Grüße Eva

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  7. welch eine schöne, so mitten ins Leben passende geschichte, fast eine Metapher, in die du sehr geschickt und elegant die Reizwörter hineinfliessen lassen konntest, sie macht sehr nachdenklich denn man kann sie ja auch auf die Menschen anwenden. /Was du sicher beabsichtigt hast:))
    Ein Tropfen alleine ist nichts, oder fast unsichtbar,viele davon ergeben ein Ganzes, etwas Rundes oder fließendes das man wahrnimmt und aufhorcht, vielleicht sogar kennenlernen möchte auch wenn es erst einmal fremd ist.
    Eine schöne Geschichte die gerade in der Sommerpause recht zum nachdenken bringt wie wahr sie doch ist.
    Wünsche dir einen recht schönen Sommer und weitere so gute Einfälle um sie in netten und vor allen Dingen in lehrreichen Geschichten zu verpacken.
    Herzlich Angelface

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  8. Liebe Martina,
    das ist eine sehr schöne Geschichte mit einer wunderbaren Geschichte innendrin. Sie klingt nach, das ist das Besondere!
    Sehr gelungen!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  9. Liebe Martina,
    danke für dein herzliches Willkommen!
    Ich war ganz vertieft in die schöne Geschichte ... die mir sehr gut gefällt.Gemeinsam etwas Bewirken und dennoch selbst sein zu dürfen.... wie schön wäre es, wenn viele das Versuchen würden.
    Ganz liebe Grüße und ein feines Wochenende,
    wünscht dir Manuela

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  10. Liebe Martina,
    ich bewundere deine Phantasie. Wieder eine ganz tolle Geschichte, die auch zum Nachdenken anregt.
    Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende mit viel Sonnenschein,
    Christine

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  11. Liebe Martina,
    auf diese Idee muss man erst einmal kommen: Eine Geschichte über einen Wassertropfen. Eine sehr schöne und nachdenkliche Geschichte ist es geworden.
    Ich finde, dass auch wir Menschen gemeinsam viel bewirken können, doch muss man immer beachten, welcher Gemeinschaft man sich anschließt.
    Sich gegen das Leben zu stellen, macht keinen Sinn. Aber auch nicht, wenn man es einfach nur dahin fließen lässt. Manchmal muss man es nehmen wie es kommt und das Beste daraus machen. Manchmal muss man aber auch kämpfen und Widerstand leisten, damit man seine gesetzten Ziele erreicht.
    Ohje, ich glaube, Deine Geschichte regt zum Philosophieren an ;-)
    Sei herzlich gegrüßt
    Astrid

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  12. >>Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen.<<
    [...]
    >>Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig, wie die Art, wie wir gelebt haben.<<

    Ein Zitat aus einer SciFi-Soap, die zu deiner wunderschönen Geschichte passt. Extra für dich gecopypastet. ;-)

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  13. Was für eine schöne Geschichte Martina die zum Nachdenken anregt. Ja das Ungewisse macht oft Angst und einfach loslassen ist auch nicht so leicht. Aber es ist das Leben.
    Danke für diese schöne Geschichte.
    ♥lich Claudia

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  14. Liebe Martina,

    deine schöne Geschichte regt zum Nachdenken an.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  15. eine schöne Geschichte ..
    jaa oft muss man loslassen
    und alleine fühlt man sich ebenso oft machtlos und verloren
    und doch sind wir Teile von etwas Größerem
    liebe Grüße
    Rosi

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  16. Liebe Martina,
    immer wieder gerne komme ich bei dir vorbei
    und lese deine Geschichten,
    die zum Nachdenken anregen,
    herzliche Grüße
    von Birgitta

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  17. Liebe Martina,
    ich war gerade am Meer und diese Geschichte hat mir total gut gefallen!!!! Ich werde an sie denken, wenn mein Leben auch mal wieder ins Stocken zu geraten scheint. :-) LG Tanja

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