Mittwoch, 15. Juni 2016

Er liebt mich, er liebt mich nicht

Heute - am 15. eines Monats - könnt ihr wieder bei
Regina, Lore, Christine, Eva und bei mir
eine Reizwörtergeschichte lesen.
Die 'reizenden' Wörter lauteten diesmal:
Gänseblümchen – Schneckenhaus – erkennen – nebensächlich – feige
Ich wünsche allen Lesern viel Freude mit unseren Geschichten
und verlinke meine mit Elke und ihrer Aktion 

'Froh und kreativ'!


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Liana musste sich ablenken und nachdenken. Das konnte sie am besten beim Laufen. Diesmal schlug sie nicht den Weg Richtung Park ein, da waren ihr viel zu viele Menschen. Sie würde in einer anderen Gegend joggen, die nicht so überlaufen war und wo es auch Grünflächen gab.
Nach ein paar Kilometern musste sie sich eingestehen, dass ihr das Joggen diesmal nicht half, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Sie stoppte, setzte sich mitten auf eine Wiese, pflückte ein Gänseblümchen und zog an den weißen Blütenblättchen.
„Er liebt mich, er liebt mich nicht“, murmelte sie. Ein paar Tränen sammelten sich in ihren Augen, kullerten die Wangen herunter und tropften direkt auf das Schneckenhaus von Berta.
Nanu, dachte diese. Gerade schien noch die Sonne und jetzt klopft ein Regentropfen auf mein Häuschen? Vorsichtig streckte sie zunächst einen, dann den anderen Fühler heraus. Ne, kein Regen – blauer Himmel und Sonnenschein. – Tropf! – Da, schon wieder? Woher kam dieses Phänomen?
Berta sah nach oben und direkt in Lianas trauriges Gesicht. Wieder löste sich eine Träne aus ihren Augen. Berta ging sofort in Deckung. Sie war zwar nicht feige, doch so ein Tropfen auf dem Kopf konnte einem schon Kopfschmerzen bereiten. Aus ihrem Häuschen heraus beobachtete sie das seltsame Treiben der jungen Frau. Was brabbelte sie da eigentlich?
„He du“, rief Berta, „deine Tränen tropfen direkt auf mein Häuschen.“
Liana entdeckte die Schnecke und wischte mit einer Handbewegung flugs ihre Tränen aus dem Gesicht. „Entschuldigung!“, erwiderte sie und wunderte sich gleichzeitig darüber, dass sie mit einer Schnecke sprach.
„Warum weinst du?“, wollte Berta wissen.
„Ich weine ja gar nicht. Das liegt an den Pollen.“
„Ah“, schmunzelte Berta, „verstehe. Pollenallergie!“
Liana nickte.
Wer die Schnecke kannte, wusste, dass sie nicht so schnell aufgab.
„Hat die Pollenallergie auch einen Namen?“
Sofort sammelten sich wieder Tränen in Lianas Augen. Sie wischte sie fort und antwortete: „Jochen!“
„Und was hat dieser Jochen getan, dass du hier auf dieser Wiese sitzt, ein Gänseblümchen verstümmelst und weinst?“
„Er hat Schluss gemacht“, schluchzte Liana und fügte nach einiger Zeit hinzu: „Ich werde aber um ihn kämpfen.“
Darauf erwiderte Berta zunächst nichts, doch dann sprach sie:
„Weißt du, ich beobachte die Menschen schon seit einigen Jahren. Die meisten wünschen sich Frieden für sich und die Welt. Auf der anderen Seite hören sie aber nicht auf, zu kämpfen. Um eine vergangene Liebe zum Beispiel, so wie du jetzt, oder um einen besser bezahlten Arbeitsplatz. Ihr kämpft sogar um Aufmerksamkeit. Wie soll denn da Frieden entstehen? Ich weiß, ihr kämpft nicht mit Waffen aber ihr kämpft in euren Gedanken. Das solltet ihr Menschen bedenken. Übrigens, es ist zwar völlig nebensächlich, aber du sollst wissen, dass du nicht das erste Menschenkind bist, das hier auf dieser Wiese sitzt und seine Tränen vergießt. Weißt du, manchmal muss man einfach erkennen, wenn etwas zu Ende ist und es nicht mehr festhalten.“
„Aber ich liebe ihn doch“, widersprach Liana.
„Vielleicht solltest du dich mal fragen, ob es wirklich noch Liebe ist, was du für ihn empfindest. Vielleicht ist es inzwischen nur noch Freundschaft oder du hast Angst vor dem Alleinsein“.
„Früher, als wir frisch verliebt waren“, überlegte Liana laut, „ist er nicht an jedem Sonntag zum Fußballplatz gegangen. Da haben wir etwas gemeinsam unternommen. Heute geht jeder seinen Weg.“
„Siehst du. Das meine ich. Vielleicht seid ihr nur noch aus Gewohnheit zusammen und habt euch schon lange auseinander gelebt, wie man so sagt.“
Berta ließ Liana Zeit, über ihre Worte nachzudenken. Dann fragte sie: „Was machst du in der Zeit, wo dein Freund zum Fußball geht?“
Ein Strahlen überzog Lianas Gesicht. „Ich gehe hinaus in die Natur oder ich stehe an meiner Staffelei. Du musst wissen, dass ich vor einiger Zeit das Malen für mich entdeckt habe.“
Berta freute sich, dass es ihr gelungen war, die junge Frau ein bisschen aufzumuntern. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie einen Mann an ihnen vorüber joggen. Abrupt blieb er stehen und lief zurück – direkt auf sie zu.
„Liana? Das ist ja ein Zufall! Warum sitzt du hier auf der Wiese? Hast du dich beim Joggen verletzt? Sag, hast du geweint?“
Ziemlich viele Fragen auf einmal fand Berta und kroch wieder ein Stückchen zurück in ihr Häuschen. Man konnte ja nie wissen. Obwohl, der Mann sah ziemlich nett aus.
„Nein, ich habe nicht geweint“, flunkerte Liana ein zweites Mal und zeigte zu den Bäumen: „Pollenallergie!“
Liana ahnte, dass sie Michel nichts vormachen konnte, dafür kannten sie sich zu gut und zu lange.
Berta kroch wieder mutig aus ihrem Haus heraus und meinte an Liana gerichtet: „Willst du uns gar nicht vorstellen?“
„Das ist … ich weiß ja gar nicht, wie du heißt?“, fiel Liana auf.
„Berta“, antwortete Berta und wie heißt ihr?
„Ich heiße Liana und das ist Michel. Wir kennen uns schon seit Kindertagen. Als wir noch im Kindergarten waren, haben wir allen erzählt, dass wir eines Tages heiraten werden.“ Beide lachten bei dieser Erinnerung.
Berta sah von einem zum anderen und wusste: Jetzt wurde sie hier nicht mehr gebraucht. So schnell wie es einer Schnecke nun mal möglich ist, machte sie sich von dannen. 
Ein Jahr später saßen die beiden Menschenkinder im Fond einer mit Blumen geschmückten schwarzen Limousine. Als sie an der Wiese vorbei fuhren, auf der Berta lebt, nahm Michel Lianas Hand – und von der nahe gelegenen Kirche läuteten die Hochzeitsglocken.


© Martina Pfannenschmidt, 2016

Kommentare:

  1. Hach, ich schmelze dahin, liebe Martina,
    so eine schöne Geschichte am frühen Morgen. Hat mir sehr gut getan und noch besser gefallen!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Ich schmelze gleich mit, eine Liebesgeschichte, ein Märchen und auch noch voller Weisheit, eben eine richtige Martina-Geschichte.
    LGLore

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  3. Ich auch, schmelze! Endlich,auf jedes Pöttchen sein Deckelchen. Passt alles! Alles Liebe Eva

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  4. Ach wie schön....eine tolle Geschichte...und so herrlich kreativ geschrieben!

    Liebe Grüße
    Klaudia

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  5. Ich kann mich da Klaudia nur anschließen. Schön und herrlich kreativ für meine Linkparty, danke schön.
    LG Elke

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  6. Was für eine kluge Schnecke! Es wäre nicht nur manchen Menschen, sondern auch manchen Regierungen zu gönnen, sich ein bisschen von dieser Klugheit abzuschauen!
    Dein Beitrag, liebe Martina, ist toll! Wie Lore so schön schreibt: Gleichzeitig Liebesgeschichte und Märchen - und das mit Lernfaktor... Klasse!
    Liebe Grüße
    Christine

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  7. Hach, wirklich eine wunderbare Geschichte zum Dahinschmelzen und mit soviel Lebenswahrheit und -klugheit! Die Welt brauchte gerade jetzt viele dieser klugen Schnecken - und Menschen, die endlich anfangen, auf sie zu hören und danach zu leben...
    Liebe Grüße
    und Danke
    Inge

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  8. Ach, ist das eine schöne Geschichte, liebe Martina. Ich saß direkt neben Liana und der Schnecke Bertha,- unsichtbar für sie natürlich,- und habe ganz genau gelauscht und aufgepasst, was passiert ist.
    Übrigens, solche Sandkastenlieben soll es ja geben. Meine Schwiegereltern haben auch schon im Sandkasten miteinander gespielt. Romantik pur ;-) , oder?
    Irgendwie sollten wir doch ein wenig genauer lauschen, wenn wir Tieren begegnen, denn anscheinend können sie doch reden. Erst die Maus Emma bei mir, jetzt die Schnecke Bertha bei Dir, -ich bin gespannt, wer uns noch so über den Weg läuft und uns was zu erzählen hat.
    LG
    Astrid

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  9. Martina,
    eine zu Herzen gehende Geschichte. Wunderschön.
    Sandkastenliebe ist manchmal so stark, dass sie bis zum
    Lebensende bestehen bleibt.
    Einen gemütlichen Mittwochabend wünscht dir
    Irmi

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  10. entzückend lebendig geschrieben liebe Martina, das ist ja eine wild.romantische geschichte und die reizwörter die du mitz eingebaut hast, passen wunderbar ins Bild,jaha, ich mache mir genau dieses Bild in deiner geschichte, die Schnecke die spricht, das Mädchen das heult und todtraurig ist und der Trost und die Freude die in gestalt von Michael auftaucht und dann so romantisch schön endet.
    Einfach nur kreativ und wunderbar...
    lieben Gruß in deine geschichte die so wunderschön ist, angel

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  11. Liebe Martina,

    deine schöne Geschichte zeigt das Leben.

    Einen guten Abend wünscht dir
    Elisabeth

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  12. Liebe Martina, was für eine romantische Geschichte! Toll geschrieben.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Christine

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  13. Wie schön, liebe Martina.
    Genau der richtige Abschuss für meine PC-Pause. Da kann ich jetzt mit leichtem Herzen und einem Lächeln aufstehen und noch ein wenig in der Küche werkeln (möchte noch ein Brot für morgen zum Frühstück backen), während meine Gedanken noch um deine Erzählung kreisen. Ach, gäbe es doch für jeden so eine kluge Berta (vielleicht in Form von Freundin, Schwester, Mutter, Oma….), die einem auf die Sprünge helfen könnte, wenn es im Kopf oder Herz mal wieder drunter und drüber geht.

    ♥∗✿≫✿≪✿∗♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  14. Liebe Martina,
    das ist eine wunderbare und so tolle Geschichte,
    ich bin begeistert,
    GLG Birgitta

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