Mittwoch, 18. Mai 2016

Blumen am Wegesrand

Mit ein bisschen Verspätung
erscheint sie nun heute, 
die neue Reizwörtergeschichte
des Monats Mai,
der folgende Reizwörter zugrunde lagen:
Muttertag – Maiglöckchen – freuen – ärgern – armselig
Weitere Geschichten lest ihr bei
Regina, Lore, Christine und Eva.

Meine Geschichte nimmt auch wieder an

Elkes froher und kreativer
Linkparty

teil.

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Die Sonne schien und Elisabeth entschied, einen ausgiebigen Spaziergang zu machen. Sogleich kam ihr eine Frage in den Sinn, die ihr Vater häufig gestellt hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war: „Wollen wir einmal um den Pudding gehen?“
Immer hatte sie mit einer Gegenfrage geantwortet: „Um den kleinen oder den großen Pudding?“
„Natürlich um den Großen!“, hatte ihr Vater geantwortet.
Diesen Weg wollte sie jetzt auch nehmen.
Es war schön, sich an solche Äußerungen zu erinnern. So gerieten all die Lieben, die bereits auf der anderen Seite des Lebens waren, nicht in Vergessenheit.
Ihr Weg führte Elisabeth vorbei an grünen Wiesen, auf denen die unterschiedlichsten Blumen und Kräuter wuchsen, an denen sie sich erfreute. So viele Heilkräuter waren darunter, von denen wir sagen, es seien ‚Unkräuter’. Es wäre vermessen, dieses als armselig zu bezeichnen, doch das Wissen darum, welche Pflanzen bei welchen Erkrankungen heilsam sind, war den Menschen einst präsenter. Sie kannten noch die Heilmittel, die direkt vor unserer Haustür, in der ‚Apotheke Gottes’ wachsen.
Elisabeth hielt einen Moment inne, um die Augen über das frische Grün wandern zu lassen und es in sich aufzusaugen. Im Mai, wenn die Natur voll erwacht, zeigt sie ihr schönstes Kleid. In ein paar Wochen würde sich das Grün verändern. So schön wie jetzt war es nur im Wonnemonat.
Tief atmete sie ein und nahm einen Augenblick auf einer Bank Platz. Elisabeth schloss für einen Moment die Augen und ließ sich die Sonne direkt ins Gesicht scheinen.
Die Sonne - ohne sie würde kein Wachstum möglich sein. Doch ohne Regen auch nicht. Beides benötigen wir. Die Natur hatte es wunderbar eingerichtet. Alles war fantastisch aufeinander abgestimmt. Die Tier- und Pflanzenwelt hielt sich an den göttlichen Plan, der dahinter stand. Elisabeth ärgerte sich darüber, dass der Mensch so oft in dieses perfekte System eingreift.
Ihr Blick fiel auf ein Weizenfeld. Wir Menschen legen ein einziges kleines Weizenkorn in die dunkle Ackerfurche und wundern uns kaum noch darüber, dass eines Tages das Feld zart ergrünt und später zu einem gold wogenden Ährenfeld wird. Das ist doch ein Wunder! Haben wir es verlernt, dieses Wunder zu sehen, das mit einem Korn beginnt und mit leckerem Brot für uns endet? Wie viel Mühe steckt darin. Das Korn wird ausgesät, schließlich geerntet und zu Mehl gemahlen. Daraus wird ein Teig zubereitet, der anschließend in der Glut eines Ofens gebacken wird, um eine Familie zu nähren. Elisabeth kam eine Bibelstelle in den Sinn: ‚Denn euer Vater weiß wohl, was ihr bedürft, ehe ihr ihn bittet.’
Sie setzte ihren Weg fort und kam an einem wunderschönen Bauerngarten vorbei. An einem schattigen Plätzchen blühten die ersten Maiglöckchen. Elisabeth erinnerte sich daran, dass eine Legende besagte, dass das Maiglöckchen dort entstanden sei, wo Maria neben dem Kreuz ihre Tränen vergoss. Man sagt dem Maiglöckchen auch nach, es würde dem Herzen wohl tun.
Der Monat Mai kam mit vielen Feiertagen daher. So wurde alljährlich am 2. Sonntag im Mai der Muttertag begangen. Der Tag war dazu da, den Müttern zu zeigen, wie wertvoll sie für die Familie waren. Elisabeth hatte als kleines Mädchen für ihre Mutter zu diesem Tag einen Wiesenstrauß gepflückt.
Es gab wirklich viele Gründe, den Müttern danke zu sagen für alles, was sie taten. Doch brauchte es dazu einen besonderen Tag? Wäre es nicht schöner, sich innerhalb der Familie während des ganzen Jahres durch kleine Gesten zu zeigen, wie wertvoll man füreinander war? Wir sollten uns überhaupt weniger streiten und mehr Verständnis für den anderen aufbringen.
Ihre beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, waren inzwischen selbst Eltern und Elisabeth bereits Oma. Sie freute sich immer, wenn ihre Kinder und Enkel zu Besuch kamen. Am Muttertag wollten sie alle gemeinsam in die Natur hinausgehen und ein Picknick veranstalten. Jeder steuerte etwas dazu bei, so dass aus dem Muttertag für alle ein Familientag wurde.
Ihre Kinder waren, wie so viele andere Geschwister auch, sehr unterschiedlich in ihrer Art und in ihrem Charakter. Der Sohn ging seinen Pfad geradeaus. Trat ein Problem auf, wurde es aus dem Weg geräumt. Er war sehr begabt, hatte Schule und Studium ohne Mühe geschafft und war inzwischen Schulleiter eines Gymnasiums. Er strahlte eine große Souveränität, aber auch Zufriedenheit und Verlässlichkeit aus. Man fühlte sich wohl und geborgen in seiner Nähe.
Ihre Tochter hingegen war eine kleine Tagträumerin – zumindest als Kind. Meistens hatte sie selbstvergessen irgendwo mit einem Buch in der Hand gesessen. Sie war ebenso klug wie ihr Bruder, doch sie ging ihren Weg nicht so geradeaus wie er. Sie wusste lange nicht, wofür ihr Herz schlug und so hatte sie den einen oder anderen Beruf in Erwägung gezogen. Glücklich war sie jedoch erst, seitdem sie einen eigenen kleinen Blumenladen führte.
Elisabeth hatte ihre Tochter einmal auf die vielen Umwege angesprochen, die diese genommen hatte. Doch die hatte nur abgewinkt und gefragt: „Gibt es wirklich Umwege, Mama? Auf allen meinen Wegen blühten Blumen am Wegesrand, an denen ich mich erfreut habe. Frag mal meinen Bruder, ob er die Blumen auf seinem Weg auch wahrgenommen hat.“

© Martina Pfannenschmidt, 2016


Kommentare:

  1. Viele Gedanken und Erinnerungen sind Elisabeth auf ihrem Spaziergang in den Sinn gekommen. Sie kommt von einem Gedanken zum nächsten. Aber alle diese Gedanken lassen ihre Zufriedenheit und Dankbarkeit erkennen. Sie erfreut sich an den kleinen Dingen des Lebens und an den Blumen am Wegesrand. Im Gegensatz zu ihrem Bruder hat sie diese in ihrem Leben immer erkannt. Sie hat die Umwege, die sie in ihrem Leben vielleicht manchmal genommen hat, nicht als solche empfunden. Denn alle diese Wege haben sie auf ihrem eigenen Lebensweg weiter gebracht und sie scheint auch dort angekommen zu sein, wo sie immer hin wollte: In einer inneren Zufriedenheit und Dankbarkeit.
    Danke für Deine schöne Geschichte.
    LG
    Astrid

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  2. Liebe Martina,
    deine hübsche Geschichte kam für mich genau zum richtigen Zeitpunkt *lach*. Sie hat mir gerade mein Frühstück verschönert.
    Der Ausdruck „um den Pudding gehen“ ist mir fremd (habe mich gerade schlau gemacht, er kommt aus dem norddeutschen Raum), er gefällt mir, klingt lustig.
    Ja, so wie deine Hauptfigur halte ich auch oft inne und denke über vieles nach. Es ist einer der Vorzüge, die das Alter mit sich bringt. In jungen Jahren war immer viel Trubel. So vieles, um das ich mich kümmern musste. Zeit zum Nachdenken und Träumen blieb nicht viel. Jetzt ist es anders bei mir und ich empfinde es als großes Glück.
    Mir hat dein Schluss gut gefallen mit der Frage: Gibt es wirklich Umwege? Habe ja auch so eine Tochter die etwas länger gebraucht hat um den Beruf zu finden, der für sie der richtige ist. Da gab es auch so einige Schlenker auf ihrem Weg. Ich hatte da schon etwas Angst und Bedenken, wenn sie WIEDER mal eine andere Richtung eingeschlagen hat. Mir wurde es ja noch anders beigebracht (da musst du halt durch, so ist es halt im Leben usw.). Aber ICH wollte ja immer, dass meine Kinder selbstbewusst und selbständig werden (anders als ich). Sie hatte den Mut weiterzusuchen bis sie ihre Bestimmung gefunden hat und sich dabei auch Zeit genommen „die Blumen am Wegesrand zu betrachten“ (hast du sehr schön formuliert). Mittlerweile ist sie angekommen. Sie ist glücklich, kommt mit ihrem Leben sehr gut zurecht, was will man mehr als Mutter?

    ♥∗✿≫✿≪✿∗♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  3. In der alten Heimat heißt es immer noch "um den Pudding gehen". Bei Leuten, die den Ausdruck nicht kennen, führt das immmer zur Verwirrung. Viele Wege führen schließlich ans Ziel, auch die Umwege.
    Das hast du sehr schön beschrieben. Danke für den Link.
    LG Elke

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  4. Liebe Martina,

    deine Geschichte ist aus dem Leben.
    So sieht es aus.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  5. Liebe Martina,
    das ist wieder eine schöne Geschichte, ganz ruhig, zum Innehalten und den eigenen Gedanken Raum zu geben. Sehr gelungen, sicher lese ich sie später noch einmal!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  6. Liebe Martina,
    wieder eine ganz liebenswerte Geschichte.
    Einfach toll. Erhellt die etwas trüben Tage.
    Gefällt mir ausnehmend gut.
    Einen sonnigen Restmittwoch wünscht
    Irmi

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  7. Liebe Martina,
    danke für eine wieder rundum schöne Geschichte!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  8. eine wunderschön
    und nachdenklich machende Geschichte..
    ja.. manchmal sieht man die Blumen am Wegesrand nicht..
    da passt so schön dazu dass ich heute als ich meinen Enkel abgeholt habe.. die Blumen am Wegesrand aufgenommen habe.. ;)
    ja ..auch bei den Kindern hofft man dass sie einen graden Weg gehen.. dass sie im Leben voran kommen..aber sind es wirklich Umwege die sie manchmal gehen??Vielleicht brauchen sie gerade diese Wege um zu reifen..
    liebe Grüße
    Rosi

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  9. Ja, mal eben eine Runde um den Pudding gehen kenne ich zu gut, meistens abends noch mal eben.Die Blümchen in Nachbars Garten sind dann der Blickfang. Die am Wegesrand habe ich heute beim Spaziergang mit dem Hund eingefangen. Männer haben nicht so ein Auge für Kleines am Wegesrand, denke ich.Sie sehen eher die großen Tiere . Eine schöne Geschichte, auch zum Nachdenken!
    Liebe Grüße, Klärchen

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  10. Bitte das Hallo oben löschen Martina sorry :-))

    Das ist ja eine wunderbare Geschichte aus
    dem Leben, die Tagträumerin gefällt mir sehr
    das könnte glatt ich sein ich bin von ganz klein auf
    ein Naturmensch, wir lernten damals früh woraus
    Brot gemacht wurde und wie kostbar Getreide
    ist , mein Vater war Gärtner und er hat uns alles
    gezeigt und beigebrachet !!!
    Mein Bruder war so wie der Bruder von der Tagträumerin :-)
    Eine fast identische Geschichte !

    Am Muttertag bekam meine Mutter als ich Kind war immer einen Wiesenblumenstrauss der voller Liebe gepflückt wurde !

    Dann erfreuen wir uns doch weiter an den wunderbaren
    kleinen Dingen des Lebens !

    Liebi Grüessli
    Margrit










    Da ich von klein aus ein totaler Naturmensch bin
    sehe ich jedes Blümleim am Wegesrand wenn es auch unscheinbar
    sein mag !
    Und das gebe ich auch all meinen Enkeln weiter

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  11. Liebe Martina,
    eine so hübsche Geschichte! Egal, wie viele Umwege man geht, wichtig ist, dass man irgendwann genau das findet und macht wofür sein Herz schlägt.
    Ganz liebe Grüße und noch einen schönen Tag,
    Christine

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  12. Liebe Martina,
    Deine Geschichte gefällt mir sehr! Es stimmt wirklich - man übersieht oft die Blumen am Wegesrand - oder man tut sie als armseliges Unkraut ab... Dabei haben sehr viele eine heilende Wirkung - wir kennen sie nur nicht mehr!
    Im Kurpark in Bad Füssing gibt es einen "Kräutergarten", in dem jede Menge Heilkräuter angepflanzt sind, sortiert nach den Gebieten, für die sie "zuständig" sind. Beispielsweise "Herz", "Nieren", "Entzündungen", "Innere Unruhe", "Schlaflosigkeit" und so fort. Bei jeder Pflanze steht ein Schild mit dem entsprechenden Namen, auch, ob die Pflanze giftig ist und so weiter. Es ist hochinteressant, da mal durchzuwandern.

    ICH habe im Übrigen NICHT den Beruf ergriffen, den ich hätte ergreifen sollen - ich habe immer in staubtrockenen Büros gearbeitet. Leider habe ich zu spät entdeckt, dass ich irgend etwas Kreatives hätte tun sollen! Aber das tobe ich halt jetzt als Fast-Rentnerin aus... **grins**
    Liebe Grüße
    Christine

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  13. Liebe Martina,gut, dass Elisabeth so ein rundes Leben führt. Alles ist schön und Vollkommen. Sie kann sehr zufrieden sein. Danke für die schöne Geschichte. Liebe Grüße Eva

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  14. eine sehr schöne Geschichte liebe Martina in der du uns behutsam zum wirkungsvollsten führst, dem gegenseitigen Bewusstsein und der Wahrnehmung. Sich selbst, seine Wege und die der anderen so nehmen, sie dem anderen lassen wie er sie für richtig hält.
    eine richtig schöne geschichte, die lange bei mir nachhallt..
    herzlichst Angelface...

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  15. Deine Geschichte ist wieder sehr berührend geschrieben, viele dieser Gedanken sind auch mir erst durch den Kopf gegangen, du kannst sie in schöne Worte kleiden. Danke für´s teilen.
    ♥lich Claudia

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  16. Wie schön, so eine richtige Martina Geschichte mit guten Gedanken und Weisheit. Wünsche dir ein schönes Wochenende, LGLore

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