Dienstag, 1. Dezember 2015

Advents-Moment


Meine erste Geschichte in diesem Dezember 
erzählt von einem Moment in der Adventszeit.
Ich bin gespannt, 
wohin meine Mitschreiberinnen
diese Reizwörter führten:
Wollmaus – Reihenhaus – schauen – holen – verschlossen


Bildergebnis für animierte gifs adventskranz

Seit vielen Jahren lebte Annemarie in dem alten Reihenhaus in der Hermannstraße. Es war ihr zu einem wirklichen Zuhause geworden, obwohl in ihrer Nachbarschaft ein ständiges Kommen und Gehen war. Manche Mieter kannte sie nur vom Sehen. Seitdem sie wegen ihrer Beschwerden das Haus kaum noch verlassen konnte, vermisste sie auch die Gespräche, die sich früher im Hausflur ergeben hatten. Doch sie fügte sich ihrem Alter und den Problemen, die sich damit einstellten. So war es halt. Niemand suchte den Kontakt zu Menschen, die alt und einsam waren.
Früher war Annemarie eine fröhliche Person gewesen. Sie hatten so gerne getanzt, ihr Waldemar und sie. Doch das war Vergangenheit. Alles hat seine Zeit, so sagte man und das traf wohl auch zu.
Seit einigen Tagen plagte sie nun schon dieser furchtbare Husten. Sie versuchte ihm mit allerlei Hausmitteln zuleibe zu rücken, doch so ganz gelang ihr dies nicht. Vielleicht sollte sie doch den Arzt rufen. Aber noch nicht heute.
Annemarie saß in ihrem abgewetzten Sessel und schaute unter den Esszimmertisch. „Ach, ihr Lieben“, sagte sie, „wie schön, dass ihr mir Gesellschaft leistet. So bin ich doch wenigstens nicht so ganz alleine hier.“ Jetzt wirst du wirklich verrückt im Kopf, dachte sie. Wer spricht schon mit den Wollmäusen, die sich unter dem Tisch tummeln. Sie konnte sich einfach nicht aufraffen, um den Besen aus der Abstellkammer zu holen. Alles fiel ihr so schwer.
Wieder wurde sie von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, so dass sie fast die Haustürklingel überhört hätte. Nanu! Wer konnte das sein? Zu ihr kam doch sonst niemand. Der Postbote?
Langsam schlurfte sie Richtung Tür. Davor stand ein kleiner Junge. Er trug einen Teller vor sich her auf dem Kekse lagen.
„Hallo, ich bin Erik. Meine Mutter und ich, wir sind nebenan eingezogen“, stellte er sich vor. „Wohnst du ganz alleine hier?“
„Ja, ich wohne ganz alleine hier, weshalb fragst du?“
„Ich wollte dir ein paar Kekse bringen und wenn du alleine bist, dann bleiben vielleicht für mich noch ein paar übrig.“
Annemarie lachte. „Das ist ja nett von dir und deiner Mama. Ich freue mich darüber und sicher bleiben für dich auch noch welche davon übrig. Warte, ich schaue nach einem Teller auf den du die Kekse legen kannst. Willst du herein kommen, Erik?“
Schon ging er an ihr vorbei ins Wohnzimmer.
„Du hast ja gar keinen Adventskranz“, stellte der Junge unumwunden fest. „Willst du denn morgen gar nicht Advent feiern?“
„Ach Junge, dass ist gar nicht so einfach für mich. Ich kann mir keine Tannen besorgen und die Kerzen und der Schmuck liegen hoch oben in einem Schrank in der Abstellkammer. Aber weißt du, der Advent kommt trotzdem zu mir – nur halt ohne Schmuck und Kerzen.“
„Das finde ich aber echt doof. Soll ich dir vielleicht den Karton herunter holen?“, fragte er und seine Augen strahlten dabei.
Eigentlich hatte sich Annemarie schon damit abgefunden, dass es bei ihr in diesem Jahr eine glanzlose Adventszeit geben würde, doch sie wollte den Jungen nicht enttäuschen und deshalb gingen sie gemeinsam in die kleine Kammer. Der Schrank, in dem sich der Karton mit dem Adventsschmuck befand, war verschlossen, doch das ließ sich schnell ändern. Flink stieg der Junge auf eine kleine Leiter.
„Ist es dieser hier?“, fragte er und zog an einem alten Schuhkarton.
„Ja, genau der ist es. Sei vorsichtig, damit nicht alles heraus plumpst – oder du von der Leiter fällst!“, ermahnte Annemarie ihn.
Doch alles ging gut und kurz darauf nahmen sie am Tisch platz und Erik öffnete vorsichtig und voller Erwartung das kleine Schatzkätzchen.
Wie das blitzte und blinkte! Ein kleines Juwel nach dem anderen entnahm der Junge vorsichtig dem kleinen Karton. Kleine Fliegenpilze und silberne Tannenzapfen. Vielleicht ein bisschen kitschig und schon ziemlich alt, doch Erik fand alles wunderbar.
„Oh, sind die schön. Darf ich sie vielleicht meiner Mama zeigen?“, fragte er und fügte hinzu: „Weißt du was, ich frage sie, ob sie dir auch einen Adventskranz macht und dann kommen all die bunten Sachen darauf und natürlich Kerzen.“
„Ich möchte deiner Mama aber keine Arbeit machen. Das wäre mir nicht recht, wo du mir doch schon Kekse gebracht hast.“
Erwachsene waren manchmal komisch. Wo war das Problem? Seine Mama machte doch sowieso gerade einen Adventskranz, da konnte sie doch schnell noch einen zweiten binden.
Während Erik über die Situation nachdachte, kam ihm noch eine viel bessere Idee und die tat er auch sogleich kund: „Wir können es auch anders machen. Ich gehe zu meiner Mama und hole sie hierher und dann macht sie hier bei dir die Kränze und du kochst einen Kaffee. Und wenn alles fertig ist, gibt es Kaffee und Kekse und für mich einen Kakao. Wollen wir es so machen?“
„Da musst du aber zuerst einmal deine Mama fragen, ob sie mit deinem Vorschlag einverstanden ist.“
So schnell konnte Annemarie gar nicht schauen, wie der Junge durch die Tür verschwunden war. Keine fünf Minuten später kam er mit seiner Mutter und jede Menge Tannengrün im Schlepptau zurück.
„Das ist meine Mama“, stellte Erik sie vor, „und das ist …“ Ach herrje, er hatte die Nachbarin gar nicht nach ihrem Namen gefragt.
„Annemarie“, half sie dem Jungen aus. Zu mehr war sie nicht in der Lage. Sie war so erfreut über diesen Besuch und über die unerwartete Zuneigung, die ihr entgegengebracht wurde, dass sie einen dicken Kloß im Hals verspürte. Doch der war spätestens verschwunden, als sie alle gemeinsam die Kekse vernaschten. „Weißt du was, Oma Annemarie, das machen wir mal wieder.“
Annemarie freute sich über diesen wunderbaren Moment im Advent und sie wunderte sich: Seit der Junge bei ihr war, hatte sie noch kein einziges Mal gehustet. 


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    ich habe auch kein einzigers Mal gehustet beim Lesen, aber ein bisschen weinen musste ich am Schluss. Danke für diesen schönen Adventsmoment!
    Liebe Grüße
    Regina

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  2. Bei mir kullerten auch ein paar Tränchen der Rührung. So eine schöne Erzählung. LG Christa

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  3. Liebe Martina,vor zwei Tagen wurde in FB ein Aufruf gegen die Einsamkeit zu Weihnachten gemacht. Angeblich ist jeder 10. unfreiwillig zu Weihnachten alleine. Deine Geschichte passt dazu gut. Danke dafür. Liebe Grüße Eva

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  4. Liebe Martina,

    das ist eine wunderbare Geschichte.
    So soll es im Leben sein.

    Alles Liebe
    Elisabeth

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  5. Eine ganz tolle Adventsgeschichte ist dir da von den Tasten gehüpft, vielen Dank!
    LG Elke

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  6. Eine wunderbare Geschichte liebe Martina, wenn jedem einsamen Menschen nur dieses Glück vergönnt wäre. Jetzt muss ich hier blinzeln weil ich alles nur noch verschwommen seh, die Tränchen kullern.
    Eine schöne Adventswoche wünsche ich dir.
    Liebe Grüße
    Claudia

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  7. Eine wunderschöne Adventsgeschichte hast Du geschrieben. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit leiden viele ältere Menschen unter ihrer Einsamkeit. Sie benötigen nicht viel, nur ein bisschen Zuwendung und Herzenswärme.
    LG
    Astrid

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  8. Hach, welch eine rührende Adventsgeschichte! Ich glaube, wir durften gerade beim Beginn einer wunderbaren Freundschaft dabei sein ...
    Liebe Grüße
    und einen schönen Abend
    Inge

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  9. Eine wunderbare Geschichte von einer einsamen alte Frau die wieder freude am leben bekam durch den Jungen und er Mutter .. sehr berührend!Ich Will nicht wissen wie viele das erleben jetz die Einsamkeit!
    Lieben Gruss Elke

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  10. Ddanke für diese wunderbare Geschichte, liebe Martina!
    Ich wünsche Dir eine schöne und besinnliche Zeit!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  11. eine berührende Geschichte die wunderschön dennoch auch ein wenig traurig ist wenn man an all die Einsamen und Alten denkt die an den Vorweihnachtstagen und zum Fest alleine bleiben.
    Ein Kloß im Hals bleibt nach deiner Geschichte auch bei mir zurück.

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  12. Liebe Martina,
    man würde sich wünschen, dass die Welt wirklich so wäre wie in Deiner bezaubernden Geschichte! Aber wie viele Menschen sind alleine, niemand kümmert sich um sie, und sie sitzen zu Hause, während draußen das Leben an ihnen vorübergeht. Gerade in der Adventszeit ist das besonders schlimm ...
    Wir sollten alle ein bisschen was von Erik annehmen, der ohne Vorbehalte die alte Dame ins Familienleben einbezogen hat. Aber Kinder sind in dieser Hinsicht anders - die kennen noch keine Vorurteile...
    Vielen Dank für diese tolle Geschichte. Ich habe sie gerne gelesen.

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  13. Liebe Martina,
    der Satz: "Niemand suchte den Kontakt zu Menschen, die alt und einsam waren" hat mich traurig und betroffen gemacht. Leider stimmt es. Meine Erfahrung mit alten Menschen ist zum Glück eine andere. Woraus erhält der Menschen seinen Wert? Aus dem was er darstellt, aus dem, was er kann oder hat? Ich finde, der Menschen hat seinen Wert in sich und von sich selbst aus. Und wer ein wenig Zeit mitbringt, der erfährt, dass die alten Menschenkinder und die jungen Menschenkinder vor allem deshalb so gut miteinander auskommen, weil sie eines im Überfluss haben: Zeit. Das wichtigste, was wir (und jeder kann das, wenn er nur will) einander schenken können. LG Tanja

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  14. Was ein wenig Zuwendung doch ausmacht und alle Krankheiten werden vergessen. Eine schöne Geschichte die ein Beispiel sein sollte für viele. Es gibt soviel einsame Menschen denen man eine Freude machen könnte, Klärchen

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  15. Ach, das war jetzt eine schöne Vorweihnachtsgeschichte, liebe Martina, ich hab jetzt sogar ein paar Rührungs-Tränchen im Augenwinkel... Danke für die schöne Einstimmung auf das Fest; ich hoffe, dass viele alte einsame Menschen so nette Nachbarn oder andere Besucher bekommen...
    Hab eine wundervolle Adventzeit!
    Alles Liebe von der Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2015/12/irland-reisebericht-uber-westport-und.html

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  16. schöööööööön, ach liebes Klümpchen, du zauberst doch immer wieder die schönsten Geschichten aus dem Ärmel. Ich sehe die drei vor mir, in welcher Freude sie zusammen werkeln und die gemeinsame Zeit genießen :O) ......

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  17. Liebe Martina

    Die Einsamkeit in unsrer Wohlstandsgesellschaft ist sehr gross !
    Und das Dank der modernen Technik ,wie die Handys ,TV , PC etc.
    jeder ist mit diesen Dingen beschäftig und man nimmt die
    Umwelt kaum mehr wahr !

    Deine Geschichte hat mich sehr berührt ,danke !

    Früher zu meiner Zeit spielte sich das Leben draussen ab und
    jeden Tag gab einen Schwatz mit Nachbarn, man hatte Freunde
    jeder war für jeden da , wir waren ja damals so frei und es herrschet
    ein Für und Miteinander !

    Liebi Grüessli
    Margrit



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