Dienstag, 13. Oktober 2015

Mysteriös

Heute geht bereits die
80. Reizwörtergeschichte an den Start
und das ist doch schon eine stolze Anzahl.

Verabschieden müssen wir uns allerdings von Eva,
die sich 'ausgeklinkt' hat.
Ihr Blog wird es aber weiterhin geben.

An dieser Stelle sage ich 

dafür, dass ihr immer wieder hierher kommt.

für alle 'stillen' Besuche und

für all die lieben Kommentare.
Ich freue mich wirklich sehr darüber.

Nun aber schnell zurück zur Dienstags-Geschichte.
Weiterhin dabei sind:
Und das sind die 'Stars' der heutigen Geschichte:
Kartoffelacker – Papierkorb – füllen – anrufen – kariert

Bildergebnis für gifs kostenlos zeitung

Sabine fröstelte und knöpfte deshalb ihre Strickjacke noch weiter zu. Mit vor der Brust verschränkten Armen schaute sie aus dem Fenster. Es wurde mit jedem Tag herbstlicher.
Der große Kartoffelacker vor ihrer Haustür war inzwischen abgeerntet. Der alte Hinnack zog mit seiner großkarierten Jacke los, um die Kartoffeln, die auf dem Acker liegen geblieben waren, in seinen Korb zu füllen. Seine Rente war schmal und auf diese Weise konnte er seinen Geldbeutel ein bisschen schonen. Wer wollte es ihm verübeln.
Sabine wandte sich um und ging Richtung Schreibtisch. Sie wollte wie an jedem Tag bei ihrer Mutter anrufen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Das war ein Ritual, auf das beide Seiten nicht mehr verzichten wollten.
„Ach, wie ungeschickt!“, rief Sabine aus. Sie hatte aus Versehen ihren Papierkorb umgestoßen, so dass nun sein gesamter Inhalt auf dem Fußboden verteilt lag. Obenauf die Werbebriefe, die sie am Morgen zusammen mit einiger aussortierter Post aus ihrem Schreibtisch entsorgt hatte.
Sabine richtete den Korb wieder auf und sammelte die verstreuten Briefe und Papierschnipsel ein. Ihr Blick fiel dabei auf einen alten Umschlag, auf dem handgeschrieben ihr Name stand. Sie nahm den Briefumschlag an sich und zog einen etwas vergilbten Zettel heraus. Ein Strahlen zog über ihr Gesicht. Das konnte nicht wahr sein. Es war ein Liebesbrief, den sie vor vielen, vielen Jahren von ihrer ersten großen Liebe bekommen hatte. Jochen! Sie erinnerte sich genau an ihn. Jochen Schreiner. Sie wusste gar nicht, dass dieser Brief noch existierte. Er musste ganz unten in der Schublade gelegen haben, die sie am Morgen aufgeräumt hatte. Ach wie schön war das, ihn in Händen zu halten. Sie las:
Liebe Sabine, immer wenn ich dich sehe, bekomme ich kein Wort heraus. Jetzt schreibe ich, um dir zu sagen, wie toll ich dich finde. Morgens, wenn ich wach werde, bist du mein erster Gedanke. Ich kann es gar nicht erwarten, dich an der Bushaltestelle zu sehen. Manchmal schenkst du mir ein Lächeln. Aber eben nur manchmal. Dann geht mein Herz auf und ich könnte die ganze Welt umarmen. Im Unterricht kann ich mich nicht konzentrieren, weil ich immer an dich denken muss. Auf dem Schulhof versuche ich, in deiner Nähe zu sein. Doch meistens übersiehst du mich. Abends, wenn ich im Bett liege, wünschte ich, du wärst bei mir und nachts träume ich von dir. Sabine, ich glaube, ich bin ganz furchtbar in dich verliebt. Willst du mit mir gehen? Jochen
Er hatte ihr den Brief damals heimlich in ihre Schultasche gesteckt. Als sie ihre Hausaufgaben erledigen wollte, hatte sie ihn gefunden. Sie wusste noch heute, dass sie puterrot geworden war. Am nächsten Tag hatte sie sich auf dem Pausenhof zu ihm gestellt und einfach nur ‚Ja’ gesagt. Da hatte er wie selbstverständlich ihre Hand genommen. Sie wusste nicht mehr genau, wie lange es bis zum ersten Kuss gedauert hatte, doch sie konnte sich noch sehr gut an ihn erinnern, an ihren allerersten Kuss.
Ihre Liebe hatte nicht sehr lange gehalten, weil sie sich in einen anderen Jungen verliebt hatte. Ob Jochen damals sehr darunter gelitten hatte? Vielleicht! Inzwischen sind die Wunden sicher verheilt, dachte sie lächelnd. Was wohl aus ihm geworden war? Sie wusste, dass er damals aus ihrem Dorf in die Stadt gezogen war. Aber mehr wusste sie nicht von ihm. Schon eigenartig, dass man sich so aus den Augen verlor.
Am nächsten Morgen saß Sabine mit einer Tasse Kaffee am Frühstückstisch und studierte die Tageszeitung. Wie immer begann sie mit den Todesanzeigen. Diese Marotte hatte sie von ihrer Mutter übernommen. Während sie die Anzeigen überflog, stockte ihr der Atem: Mit einem Herzen voller Trauer, aber dankbar für die Zeit, die wir mit ihm verleben durften, nehmen wir Abschied von meinem lieben Mann und herzensguten Vater – und dann prangte dort in dicken Lettern der Name: Jochen Schreiner.
Eine Gänsehaut überzog Sabines Rücken. Welche Mächte waren da am Werk, dass ihr genau an seinem Todestag sein Brief in die Hände gefallen war und das auf diese mysteriöse Art und Weise? Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als stecke etwas dahinter. Es war fast so, als hätte Jochen selbst seine Hände dabei im Spiel. Es gab tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde, die ließen sich mit reinem Menschenverstand einfach nicht erklären.


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Da musste ich doch glatt an meinen ersten Freund denken. Ich weiß, was er macht und wo er ist, bin aber froh, dass damals nichts draus geworden ist. Es gibt schon manchmal merkwürdige Zufälle.
    LG Elke

    AntwortenLöschen
  2. Da kommt man wirklich ins Grübeln! Hat der Jochen seiner Jugendfreundin tatsächlich einen letzten Gruß geschickt? Dann hatte er sie wohl doch nie vergessen! Eine Beruhigung für Sabine ist aber die liebevolle Todesanzeige seiner Familie, da hatte er wohl doch noch sein Glück gefunden!
    Dankeschön und liebe Grüße von Anna!

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Martina,
    habe mich schon auf deine Geschichte gefreut und sie zum versüßen meiner Tasse Kaffee gelesen. Ach, es fängt so schön an. Man erinnert sich zwangsläufig an seine Jugendzeit und die eigene erste große Liebe. Was man für Erwartungen an das Leben hatte…. Ach, ist das lange her *seufz*.
    Und dann habe ich auch eine Gänsehaut bekommen, so wie deine Protagonistin.
    Ich werde heute sicher noch viel an meine Jugendzeit denken, an die Menschen, die damals für mich wichtig waren. Mit einigen habe ich noch sehr guten Kontakt und wenn wir uns treffen, dann tauschen wir uns auch über andere aus, die damals um uns waren.
    Und je mehr ich nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie gut dein Thema zur Jahreszeit passt. Wie vergänglich alles ist…..

    ∗♥∗✿❊✿❊✿∗♥∗
    Herzlich grüßt
    Uschi

    AntwortenLöschen
  4. ahh wie spannend deine Geschichte ist und aber auch rührend zu gleich was alles zwsichen Himmel und Erde passiert .. ja es gibt es das da zwsichen das man nicht erklären kann aber e s ist was grossartiges wenn so was passiert.
    Danke für diese wunderbare Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Martina,

    deine Geschichten sind interessant und anregend.
    Alles Liebe
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Martina,
    den Schluss Deiner Geschichte habe ich mit Gänsehaut gelesen. Ja, manche Dinge zwischen Himmel und Erde lassen sich nicht erklären, aber ich mag auch nicht glauben, dass es nur reiner Zufall ist. Ich glaube schon, dass es im Leben auch so etwas wie Fügung und Bestimmung gibt. Dieses Rätsel werden die Menschen nie lösen und das ist auch gut so. Alles muss der Mensch nämlich nicht ergründen.
    LG und danke für die schöne Geschichte
    Astrid

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Martina,
    Ich glaube ja nicht an Zufälle. Deine Geschichte berührt mich sehr, da ich erstmal etwas Ähnliches erlebt habe. Ich habe es damals auch aufgeschrieben und suche es mal heraus.
    Herzliche Grüße, danke für den Lesegenuss
    REGINA

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Martina,
    Ich glaube ja nicht an Zufälle. Deine Geschichte berührt mich sehr, da ich erstmal etwas Ähnliches erlebt habe. Ich habe es damals auch aufgeschrieben und suche es mal heraus.
    Herzliche Grüße, danke für den Lesegenuss
    REGINA

    AntwortenLöschen
  9. Liebe Martina,
    dieser Zufall ist wirklich eigenartig! Wobei ich nicht an so etwas wie Fügung oder Bestimmung glaube. Wie man solche Ereignisse einordnen soll, weiß ich aber auch nicht.
    Auf jeden Fall - Deine Geschichte ist sehr berührend und wieder einmal ein Beweis dafür, wie nahe Glück und Trauer oft beieinander liegen...
    Liebe Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen
  10. Liebe Martina,
    eine sehr berührende Geschichte ....danke dafür!
    Ich wünsche Dir einen schönen Nachmittag und einen gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  11. Es gibt tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht erklären können. Ich habe sowas auch schon öfters erlebt. Aber wer glaubt das schon, so behalte ich es bis auf weniges für mich.Eine gute Idee aus wenigen Worten eine Geschichte zu weben.
    Du hast die Geschichte gut geschrieben und aufgebaut. Sie ist mit Spannung und Phantasie gut aufgeteilt und man ist drin im geschehen. Es ist sehr lebensnah und ich glaube an Gedankenübertragung, Psy!

    AntwortenLöschen
  12. Liebe Martina, was für ein Zufall! Schon makaber. Mit so einem Ende habe ich nicht gerechnet. Aber die Welt ist nicht nur Sonnenschein, liebe Grüsse Eva

    AntwortenLöschen
  13. Gänsehaut, denn ich glaube an Zufälle, ein letzter Gruß von Jochen. Eine schöne Geschichte. LGLore

    AntwortenLöschen
  14. Mysteriös auch , dass ich hier immer nur beschwerlich meinen Kommentar absetzen kann .
    Schöne Geschichte , obwohl ich ja wieder einmal an ein anderes Ende dachte . Dennoch trifft
    sie so genau meine derzeitige Gedankenwelt . Unerklärlich manchmal ja , Zufälle ? Aber dennoch schön das Gedanken irgendwie einfach zueinander führen . Ich hab das gerade so ähnlich selbst erlebt , leider auch in dem Zusammenhang , das jemand verstorben war .
    Herzlichst liebe Grüße von JANI

    AntwortenLöschen
  15. Heute eine sehr berührende und rührende Geschichte,
    :O) .....

    AntwortenLöschen