Dienstag, 20. Oktober 2015

Herbsttag

Ich freue mich über jeden, 
der hier vorbei schaut und meine Geschichte(n) liest - 
über die stillen Leser 
aber auch über jeden Kommentar! 
Danke dafür!
Der heutigen Geschichte 
liegen folgende Reizwörter zugrunde:
Rucksack – Tafel – rennen – verschlafen – sehnsüchtig
Ihr findet sie auch in den Geschichten von
Viel Freude beim Lesen!

blume-0268.gif von 123gif.de Download & Grußkartenversand


Elisabeth setzte sich für einen Moment auf die Bank im Park und genoss die ersten warmen Strahlen der morgendlichen Herbstsonne. Früher, als sie noch gearbeitet hatte, hatte sie sich oft im Herbst ein paar freie Tage gegönnt. Sie liebte diese Jahreszeit mit ihren berauschenden Farben. Herrlich waren die Tage, die man ‚Altweibersommer’ nannte.
Wann immer sie sich müde und ausgelaugt fühlte, zog es sie hinaus in die Natur. Dort fand sie das, was ihr gut tat. Manchmal stellte sie sich sogar an einen dicken Baum, um seine Energie zu spüren und ein kleines bisschen davon für sich abzuzwacken. Natürlich tat sie dies nicht, ohne sich bei ihm dafür zu bedanken.
Jetzt saß sie auf dieser Bank am Weiher, genoss die Stille und beobachtete die wenige Menschen, die sich wie sie hier am frühen Morgen aufhielten.
Ein junger Mann ging an ihr vorüber. Über einer Schulter trug er einen schwarzen Rucksack mit vielen Totenköpfen darauf. Bestimmt war er auf dem Weg zur Schule. Elisabeth schmunzelte. Obwohl der Jugendliche noch sehr verschlafen wirkte, reichte seine Energie schon aus, um auf dem Handy eine Nachricht zu schreiben.
Es lag noch nicht einmal 60 Jahre zurück, da trugen die Schüler einen Ranzen aus Leder auf ihrem Rücken und darin befand sich eine Tafel aus Schiefer mit einem Schwämmchen daran, das oft aus dem Ranzen heraus baumelte. Und heute?
Manchmal dachte Elisabeth etwas sehnsüchtig an die Zeit ihrer Kindheit zurück – aber wirklich nur manchmal. Eigentlich lebte sie voll und ganz im Hier und Jetzt. Sie war zufrieden mit ihrem Leben und hatte schon lange für sich erkannt, dass es unnütz war, ständig an die Vergangenheit zu denken und es brachte auch nichts, sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Nur der Augenblick zählte und den versuchte sie stets mit Leben zu füllen. Zu Leben, das bedeutete für sie nicht, von einem Tag zum anderen durch sein Leben zu rennen, sondern jeden Moment bewusst wahr zu nehmen und zu genießen. Immer wollte ihr das wahrlich nicht gelingen, doch sie versuchte es.
Ihr Weg war zeitweilig schmerzhaft gewesen, bis sie zu der Erkenntnis gekommen war, dass jeder Mensch genau an dem für ihn richtigen Platz stand und dass jeder zu jeder Zeit am richtigen Ort war – auch wenn es manchmal nicht den Anschein hatte, als sei es so. Sie war viel ruhiger und ausgeglichener geworden, seitdem sie erkannt hatte, dass alles, was geschah, richtig war und man einfach nur darauf vertrauen musste, dass alles einen Sinn hatte.
Auch für sie hatte es Zeiten von Krankheit und Leid gegeben. Doch es waren genau diese schweren Zeiten, die sie hatten erkennen lassen, dass sie dazu da waren, den Menschen etwas mitzuteilen. Krankheiten waren dazu da, den Menschen zu stoppen, ihm Einhalt zu gebieten. Man bekam vom Leben die Gelegenheit, einmal genauer hin zu schauen. Entsprach das eigene Leben noch dem, was man sich wirklich wünschte? Es waren genau diese schweren Zeiten, die sie hatten wachsen und reifen lassen.
Sie war froh und dankbar, Menschen an ihrer Seite zu haben, die ihr zur Seite standen und die sie genau so sein ließen, wie sie war. Von vielen anderen so genannten Freunden hatte sie sich verabschiedet, als sie begonnen hatte, Ordnung in ihr Leben zu bringen. Sie hatte sich nicht nur von Dingen, sondern auch von bestimmten Situationen und eben auch Menschen getrennt. Manchmal war auch dies schmerzhaft gewesen, aber unumgänglich, um auf dem eigenen Weg Fortschritte zu machen. Heute war sie ein wirklich glücklicher Mensch und viele neue liebenswerte Menschen hatten ihren Weg gekreuzt und waren zu wahren Freunden geworden.
Sie erhob sich, ging wie ein kleines Mädchen mit schlurfendem Schritt durch die dicken Laubberge, die sich allerorten gebildet hatten, um beim Bäcker frische Brötchen für sich und ihren neuen Lebenspartner zu holen, der vor ein paar Monaten in ihr Leben gepurzelt war und nun zu Hause mit einem frisch gebrühten Kaffee auf sie wartete.


© Martina Pfannenschmidt, 2015


Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Martina, du kennst mich aber gut(schmunzel)n und hast mich exakt beschrieben.
    Im Laufe des Leben gibt es viele Änderungen und auch ich habe nach Krankheit und Leid einige Menschen aus meinem Leben entfernt und dafür neue wunderbare gefunden, zu denen auch du gehörst.LGLore

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Martina,

    immer wieder erfreuen mich deine spannenden Geschichten.
    Alles Liebe
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Martina,
    ich habe Deine Geschichte gerne gelesen und sie macht mich nachdenklich. Es ist richtig, dass man in Situationen, in denen man Krankheit und Leid erfährt, seine wahren Freunde kennenlernt und sich von manchen angeblichen Freunden verabschiedet.
    Tja und dann ist da noch die Sache mit dem Altweibersommer. Schön, dass er wenigstens in Deiner Geschichte vorkommt. Sonst müssten wir dieses Jahr wohl ganz darauf verzichten. Den Herbst, den wir zur Zeit haben, ist genau der Herbst, den ich gar nicht mag.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  4. Wieder eine berührende Geschichte! Elisabeths Erkenntnis, dass jeder an seinem für ihn bestimmten Platz steht, gefällt mir gut, so sehe ich es inzwischen auch und dafür bin ich dankbar.
    Liebe Grüße und noch einen schönen Tag!
    Anna

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Martina, dass da zum Schluss noch jemand ins Leben purzelt, lässt oft auch zu anderen Erkenntnissen kommen. Etwas zum Nachdenken, schön geschrieben. Herzliche Grüße Eva

    AntwortenLöschen
  6. Eine schöne Geschichte hast du wieder geschrieben. Sie regt zum Nachdenken an. Es gibt einiges im Leben von dem man sich verabschieden sollte, gerade bei Menschen ist das aber oft wirklich nicht einfach. Auf der anderen Seite ist das ja schon wieder Gedanken über Vergangenheit und Zukunft machen. Ich denke ich muss noch länger darüber Nachdenken.
    Liebe Grüße
    Claudia

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Martina,
    auch mir gefällt Deine neue Geschichte wieder sehr gut!
    Ich wünsch Dir einen wunderbaren Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  8. Wieder eine schöne Geschichte mit vielen Erinnerungen und zum nachdenken. Aus schweren Zeiten und Krisen kann man viel lernen, auch wenn man meistens erst mal nicht erkennen kann, was das alles für einen Sinn haben soll. Hoffen wir, dass das auch auf die jetzige Zeit zutrifft, in der es fast in der ganzen Welt an allen Ecken und Enden kracht.
    Danke für Deine nachdenkenswerte Dienstags-Geschichte.
    Liebe Grüße
    Inge

    AntwortenLöschen
  9. Liebe Martina
    es ist eine schöne realistische Geschichte, könnte ich sein!
    Danke dir!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  10. Das ist wieder einmal eine wunderschöne, sehr realistische Geschichte.
    Da werden sich viele wiedererkennen.
    LG Elke

    AntwortenLöschen
  11. Hey Martina ! Ich freue mich, dass ich deine Geschichten per E-Mail bekomme - so verpasste ich keine ;-)
    Jede einzelne ist wirklich lesenswert und hin und wieder denke ich dann auch an Gespräche mit dir !!
    Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  12. Liebe Martina,
    an Dir ist eine kleine Philosophin verloren gegangen! Deine Geschichte hat mich sehr nachdenklich gemacht - denn ich bin noch nicht wirklich "angekommen". Die Erkenntnis, dass man sich von Dingen, aber auch von Menschen trennen muss, die einem nicht gut tun, ist das eine - die Durchführung dagegen eine ganz andere Geschichte.
    Eines habe ich aber mit Deiner Protagonistin gemeinsam: Ich liebe den Herbst...
    Liebe Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen
  13. LIebe Martina, eine Geschichte für "getriebene" Tage. Wenn man selbst grad von allen möglichen Erwartungen, Terminen usw. überrollt wird und sich fragt, was ist das hier eigenltich für ein Leben?! Dann tut so eine Geschichte gut. Man ist immer am richtigen Platz, entweder um etwas zu lernen oder um einfach zu sein. LG Tanja

    AntwortenLöschen
  14. Liebe Martina,
    ich fühle mich von deinen Geschichten oft ganz persönlich angesprochen, häufig denke ich: Ja, genauso ist es.
    Und immer kann ich etwas für mich mitnehmen. Gedanken, die mich noch lange begleiten.

    ∗♥∗✿❊✿❊✿∗♥∗
    Herzlich grüßt
    Uschi

    AntwortenLöschen
  15. Liebe Martina,
    was für eine berührende Geschichte hast Du da wieder erdacht.
    Auch mich hat sie ganz persönlich angesprochen, denn auch ich habe in meinem Leben eine Wende durch Krankheit erfahren, habe mein Leben neu geordnet und mich von manchem getrennt und bin heute ein Mensch der glücklich und zufrieden ist und meistens in sich ruht.
    Danke für Deine tollen lebensnahen Geschichten!
    Alles Liebe
    Marle

    AntwortenLöschen
  16. Auch diese Geschichte ist wunderschön und regt zum Nachdenken an.
    Ganz besonders schön finde ich, dass sich Elisabeth ihre Liebe zum Leben und zur Natur bewahrt hat und auch in `älteren`Tagen noch eine liebe Seele zur Seite fand.
    :O) .....

    AntwortenLöschen