Dienstag, 27. Oktober 2015

Geschockt!

Oh Mann, ich bin geschockt -
weil schon wieder Dienstag ist!
Puh, da kommt man mit dem Schreiben 
kaum noch hinterher.
Aber wir waren wieder fleißig und haben Geschichten 
zu diesen  Reizwörtern geschrieben:
erklären - armselig - Wagen - bunt und Decke
Wer 'wir' ist? 
Na, das ist doch wohl klar :-)

Julians Kopf schmerzte. Er hatte auf der Party am Vorabend zu viele Cocktails getrunken. Genau wie Julia, seine Freundin. Auch wenn er sich nicht mehr an alles erinnern konnte, was auf der Party geschehen war, eines wusste er genau: Sein Onkel, der Bruder seiner Mutter, hatte in seinem betrunkenen Zustand sehr komische Andeutungen gemacht.
Julian nutzte nun die Gelegenheit, seine Eltern zu befragen, weshalb sein Onkel angedeutet habe, dass sie nicht seine Eltern seien. Julian erwartete eine heftige Gegenwehr, doch seine Eltern warfen sich stattdessen viel sagende Blicke zu.
„Was sagt ihr zu diesem Nonsens?“, fragte Julian schließlich ungeduldig.
Als sie stumm blieben, wurde er zornig: „Ich erwarte von euch die Antwort, dass ich euer leiblicher Sohn bin.“
„Julian“, begann sein Vater und wirkte sehr nervös, „wir wollten es dir eigentlich schon lange sagen.“
„Was wolltet ihr mir sagen?“
„Dass du eben nicht unser leiblicher Sohn bist. Wir konnten keine Kinder bekommen, Julian. Da mussten wir diesen Weg wählen. Aber du warst und bist und bleibst unser Sohn“, versuchte Peter Petersen die Situation zu erklären.
„Dieses Geschwafel hört man in schlechten Filmen, aber so etwas passiert doch nicht real. Nicht mir. Nicht uns. Bitte sagt, dass das nicht wahr ist“, forderte Julian seine Eltern auf.
Nun äußerte sich auch seine Mutter: „Es stimmt, was dein Vater sagt. Bitte, lass uns in Ruhe darüber reden. Wir haben dich adoptiert, ja, das stimmt und das hätten wir dir längst sagen sollen. Doch immer wieder haben wir es verschoben, nie schien es der richtige Zeitpunkt zu sein.“
Julian sprang auf. „Wisst ihr, wie armselig das ist“, schrie er, schnappte sich seinen Autoschlüssel und rannte hinaus.
Julia lief ihm noch hinterher, um ihn aufzuhalten, doch er stieg bereits in seinen Wagen und fuhr davon.
Julian war viel zu schnell unterwegs. Er war nicht der Sohn seiner Eltern. Zu anderen Gedanken war er im Augenblick nicht fähig. Wie konnten sie ihm das nur antun. Er raste Richtung Autobahn. So, als könne er dadurch all seinen Problemen davon fahren. Die Tachonadel vibrierte. Er brachte sein Auto an seine Grenzen, fuhr mit Lichthupe auf der linken Spur. Es war ihm völlig egal, dass er sich und auch andere damit in Gefahr brachte. Er war wirklich zum ersten Mal in seinem Leben kopflos. Eigentlich war er jemand, der immer alles professionell erledigte und auch eine Lösung für anstehende Probleme fand. Doch diesmal schien er dazu nicht in der Lage zu sein. Er war zu sehr betroffen. Kein einziges Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl gehabt, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern sein könnten. Kein einziges Mal. Doch er erkannte nicht, dass dies ein wertvolles Zeichen war. Nämlich das, das sie ihn von Herzen lieben mussten und ihn stets wie einen leiblichen Sohn behandelt hatten. Er war in diesem Moment zu verstört, um dies zu erkennen. Stattdessen gingen ihm andere Dinge durch den Kopf. Was wäre, wenn er jetzt einen Unfall bauen würde und ums Leben käme. Dann würden seine … die Menschen, die er für seine Eltern hielt, sehen, was sie angerichtet hatten. Ihm niemals etwas zu sagen, nicht einmal die kleinste Andeutung, war in seinen Augen eine Frechheit. Vielleicht sollte er einfach mit großem Tempo gegen einen Baum fahren, dann wäre alles zu Ende. Alles vorbei – von jetzt auf gleich. Keine Probleme mehr. Aber das würde nicht seinem Naturell entsprechen. So war er nicht. Er wollte ein Ausrufungszeichen hinter sein Leben setzen - keinen Punkt und schon lange kein Fragezeichen. Und im Augenblick gab es viel zu viele Fragen, die es zu klären galt. Während er seinen Gedanken nachhing und über die Autobahn raste, zeigte ihm die Benzinanzeige schon lange an, dass er dringend tanken musste. Als er es endlich registrierte, blieb ihm als einzige Möglichkeit, schnellstens einen Rastplatz aufzusuchen.
Am Seitenrand tauchte ein entsprechendes Hinweisschild auf. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er weder ein Portemonnaie noch sein Handy bei sich trug. Jetzt war guter Rat teuer. Irgendwann würde bestimmt ein anderer Autofahrer diesen kleinen Platz anfahren, um sich die Beine zu vertreten. Den Fahrer würde er bitten, sein Handy ausleihen zu dürfen, um Julia anzurufen. Ihm wurde klar, dass sie sich um ihn Sorgen machen würde und auch seine Eltern. Ihm wurde bewusst, dass seine Reaktion gegenüber ihr und ihnen nicht richtig war. Er hätte die Sache mit ihnen klären müssen.
Seine Eltern – wieder hatte er ‚seine Eltern’ gedacht. Was bedeutete es denn, Eltern zu haben? Was machte die Personen aus, die man ‚Eltern’ nannte? Durfte man nur die Menschen als Eltern bezeichnen, die auch die Erzeuger waren?
Es war inzwischen dunkel geworden und auch kalt. Julian fröstelte. Er stieg aus und holte eine bunte Decke aus seinem Kofferraum. Sie lag von dem letzten gemeinsamen Picknick mit Julia noch dort. Er nahm die warme Wolldecke, setzte sich wieder in sein Auto und kuschelte sich in sie hinein. Sie roch noch nach ihr. Ihn überkam eine große Sehnsucht nach seiner Freundin und auch nach seinen Eltern. Sie hatten einen Fehler gemacht. Ganz sicher war es nicht richtig, ihm zu verschweigen, dass sie ihn adoptiert hatten. Doch machten wir nicht alle einmal Fehler? Er würde mit ihnen reden, so wie er es immer getan hatte und er würde ihnen die Gelegenheit geben, ihm zu erzählen, wie es dazu kam. Die Adoption musste auch für die Beiden eine schwierige Entscheidung und ein schwerer Weg gewesen sein. Vielleicht saß ihnen die Angst im Nacken, ihn wieder zu verlieren – an seine leibliche Mutter. Es gab vieles, was ihn in diesem Moment bewegte. Auch der Gedanke, warum ihn seine leibliche Mutter weggegeben hatte. Warum machte eine Mutter dies? Bestimmt war es auch für sie nicht leicht gewesen, diese Entscheidung zu treffen. Ob er sich auf die Suche nach ihr machen sollte? Soooo viele Gedanken und Fragen waren in seinem Kopf. Er würde sie alle nach und nach klären. Doch in seiner jetzigen Situation konnte er nichts weiter tun, als abzuwarten. Darauf warten, dass ein Auto sich hierher auf diesen kleinen Rastplatz verirrte.
Scheinwerfer tauchten auf. Seine Rettung! Jetzt konnte er endlich seine Familie benachrichtigen und sie wären wie immer sofort für ihn da und würden ihn aus seiner misslichen Lage befreien. Ihn überkam eine große Liebe für die beiden Menschen, bei denen er aufgewachsen war. Er war froh und dankbar für sie, die das Leben ihm an die Seite gestellt hatte und es war gar keine Frage mehr, dass sie für immer und ewig seine Eltern sein würden.

© Martina Pfannenschmidt, 2015


Bildergebnis für animierte gifs danke
für all eure lieben Kommentare
vom vergangenen Sonntag!!




Kommentare:

  1. Also hör mal! Du kannst mich doch nicht einfach so mit Deiner Überschrift erschrecken! Ich bin schließlich nicht mehr die Jüngste... :-)
    Jetzt muss ich erst mal Deine Geschichte lesen, nachdem ich mich von meinem ersten Schreck erholt habe... :-)
    Liebe Grüße
    Glasperlenfee

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  2. Liebe Martina,

    das war ein harmloser Schock.
    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  3. Liebe Martina,
    Du hast wieder eine tolle Geschichte aus den Reizwörtern gemacht. Gemeinsam mit Deinem Protagonisten hast Du es geschafft zum Nachdenken anzuregen.
    Ich glaube heutzutage erklärt man den Adoptivkindern schon sehr frühzeitig, dass sie adoptiert sind. Ich finde es eine sehr schwierige Entscheidung, den richtigen und geeigneten Zeitpunkt hierfür auszuwählen. Es ist durchaus verständlich, wenn man davor zurückschreckt. Ich kann es aber auch verstehen, wenn man als Adoptivkind dann sozusagen orientierungslos ist. Wie macht man es also richtig? Ich denke hierauf gibt es keine universelle Antwort, das muss jeder für sich entscheiden.
    Schön, dass Deine Geschichte ein Happyend hat.
    LG
    Astrid

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  4. Hallo Martina,
    ach ja, da ist es wieder das Thema Zeit. Die einen haben zuviel und die anderen zu wenig, keinem ist es recht.
    LG
    Manu

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  5. Guten Morgen, Martina,
    Deine Geschichte macht mich sehr nachdenklich... Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie ICH an Julians Stelle reagiert hätte, wenn ich erfahren hätte, dass meine Eltern NICHT meine leiblichen Eltern sind. Noch dazu auf diese Weise! Julians Eltern hätten ihren Sohn wirklich viel früher aufklären sollen, anstatt zu hoffen, dass er es nie erfahren würde. Und dennoch , können Eltern ihr Kind mehr lieben? Wie viele "leibliche" Eltern schlagen und misshandeln ihre Kinder... Es ist in jedem Fall für beide Seiten eine schwierige Situation, auf die jeder - wie Astrid schon geschrieben hat - selbst eine Antwort finden muss.
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese nachdenkliche Geschichte
    Christine

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  6. Liebe Martina
    eine gut ausgedachte Geschichte die Gefühl geschrieben hast.. so manche Schicksale in den Familien haust immer wieder ob man es gleich sagen soll oder später.. manche wissen ihr ganzes Leben nichts davon. Es ist nicht einfach für Julian aber du hast es richtig erfasst die Eltern ob leibliche oder nicht lieben ihn von ganzen Herzen!
    Lieben Gruss Elke

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  7. Liebe Martina, gutes Thema, dass Du aufgegriffen und schön erzählt hast. Vor allem wenn die Forschung nach den leiblichen Eltern losgeht, in so einer Haut möchte ich nicht stecken. Liebe Grüße Eva

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  8. Liebe Martina,
    wie gut, dass die Geschichte vorläufig gut ausgegangen ist. Natürlich ist es nicht leicht, was da jetzt auf die Familie zukommen wird.
    Eine gute Geschichte, die mich nachdenklich zurücklässt - das ist aber gut so!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  9. Und wieder einmal hast du es geschafft, mit dem Schreiben hinterher zu kommen. Etwas Anderes hätte mich auch gewundert. Ein heikles, aber wichtiges Thema hast du da angesprochen oder besser, aufgeschrieben. Es ist jedenfalls wichtig für den Menschen, dass er weiß, wo seine Wurzeln sind.
    LG Elke

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  10. Huhu, liebes Fräulein Martina *lach*
    heute bin ich auch eeeeendlich wieder hier bei dir :-)
    Und deine Geschichte ist wie immer sehr schön !!!!!!
    So, mein liebes Klümpchen, jetzt hab ich meine Wanderstiefel geschnürt und lege los,
    bis gleich und gleich und gleich und gleich und gleich und
    stoppppppp, hier grüße ich dich noch gaaaaanz <3lich und wünsche dir eine sonnige Woche :O) .....

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  11. Hallöchen liebe Martina,

    auch ich grüße Dich heute mal wieder ;o)
    Ja, ja die liebe Zeit.... wie Manu schon schreibt....
    nie ist es recht....

    Liebste Grüße
    Nicole

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  12. Liebe Martina,
    ja, die liebe Zeit, sie rinnt nur so dahin, aber, es ist wie es ist, und man muß einfach versuchen, das Beste mit seiner Zeit anzufangen ;O)
    Danke für die wieder schöne Geschichte!
    Ich wünsch Dir noch einen wunderschönen Nachmittag !
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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  13. Liebe Martina,
    ich habe einen Großteil des Nachmittags im Garten mit Laub (das störrische vom Walnussbaum) rechen, es in Säcke stopfen dabei noch jede Menge Nüsse finden und dann schließlich die prallen Behältnisse den Hang hinaufschleppen verbracht. Puh. Obwohl ich keine Jacke anhatte war ich so geschwitzt. Nichts mehr zu spüren von der Dusche am Morgen. Und nun erst mal Kaffeepause *freu*. Oh, heute ist ja Dienstag. Da schaue ich doch gleich mal ob es bei Martina wieder etwas Interessantes zu lesen gibt. Jaaaaa, das tut es *freu*. Und wieder so eine schön lange Geschichte, die mir die Kaffeepause versüßt.
    Ups, diesmal hast du ein schwieriges Thema gewählt. Aber ich konnte die Reaktion und Gedankengänge von Julian gut nachvollziehen. War schon gespannt, wie du die Sache wieder hinbiegst, dass es gut endet. Denn was anderes kam für mich nicht in Frage. Da wäre ich enttäuscht *zwinker*. Und du hast den Bogen wieder prima hinbekommen, ohne dass es konstruiert wirkt.
    Ich sitze zufrieden und lächelnd vor meiner leeren Kaffeetasse und denke: Das hat sie wieder toll gemacht!!
    Danke dir vielmals für diese wundervolle Unterhaltung. Du bist einfach grandios.

    ∗♥∗✿❊✿❊✿∗♥∗
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  14. Ja ein heikles Thema, wann sagt man es den Kindern. Gute Geschichte, über die man nachdenken kann. Hatte mittendrin schon Sorge, dem Jungen passiert was, aber so ist er doch zur Vernunft gekommen. Prima Geschichte. LGLore

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  15. Liebe Martina, ich bin froh, dass die meisten kleinen Menschen, die in Adoptivfamilien aufwachsen, wissen, dass sie adoptiert wurden. Aber wie man es auch dreht und wendet: Die Frage nach dem Ursprung der eigenen Identität kommt auf jeden Fall irgendwann. LG Tanja

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