Dienstag, 8. September 2015

Vergessen

Herzlich Willkommen
zur Dienstagsgeschichte!
Diesmal galt es, folgende Reizwörter unterzubringen:
Spieluhr – Puppe – verboten – tanzen – heimlich
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Ursel ging schweren Schrittes die steile Stiege auf den Dachboden hinauf. So lange wollte sie dort schon aufräumen und Ordnung schaffen, doch immer war etwas dazwischen bekommen. In den letzten Monaten hatte sie die Zeit dazu gar nicht aufbringen können. Ihre Mutter war erkrankt und hatte ihre Hilfe benötigt. Jetzt war sie verstorben und Ulla hatte den Eindruck, als gäbe es da alte Dinge, von denen sie sich trennen sollte.
Als sie die Bodentür öffnete, stieg ihr der Geruch von Staub in die Nase und sie nieste kräftig. Schnell öffnete sie die Dachluke um ein wenig frische Luft in diesen Raum hinein zu lassen. Ach herrje, hier warteten viel Arbeit auf sie und ebenso viele Erinnerungen. Ihr Blick fiel auf ihr altes Schaukelpferd. Nein, von dem würde sie sich bestimmt nicht trennen. Aber sie könnte es wieder herrichten lassen und es mit hinunter nehmen als liebevolles Erinnerungsstück an Kindheitstage.
Sie hob den Deckel der schweren Eichentruhe an. Der Holzwurm hatte hier ganze Arbeit geleistet. Schade eigentlich. Die Truhe lag randvoll mit Dingen ihrer Kinder- und Jugendtage. Eines nach dem anderen entnahm sie und ließ ihre Gedanken in die Vergangenheit ziehen. Ob sie sich wirklich von den Dingen trennen wollte und konnte? Ihr kamen erste Zweifel.
Ulla nahm ihre Spieluhr in die Hand und zog daran. ‚La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu’  ertönte es sogleich. Sie schmunzelte und erinnerte sich dran, dass sie zu dieser Melodie als Kind sogar getanzt hatte. Plötzlich überkam sie ein Schwindelgefühl. Was hatte das zu bedeuten? Sie setzte sich auf den alten Stuhl in der Nähe der Truhe. Mit Schwindel hatte sie noch nie zu tun gehabt. Sie schaute sich die Spieluhr genauer an. Sie wusste von ihrer Mutter, dass Tante Paula ihr diese geschenkt hatte. Jetzt war sie nur noch die einzige Überlebende ihrer Familie mütterlicherseits. 
Damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatten sie alle zusammen in einer Straße gewohnt, waren Nachbarn gewesen. Doch dann hatte es ihre Eltern und sie in einen anderen Ort verschlagen, weit weg. Ursel fragte sich in diesem Moment, weshalb sie nicht dort wohnen geblieben waren. Hatte es berufliche Gründe gegeben? Weshalb hatte sie nie danach gefragt? Weshalb war das nie Thema gewesen? Das war irgendwie komisch und jetzt war ihre Mutter auch noch verstorben und es war zu spät. Sie konnte sie nicht mehr fragen. Ob sie mal zu ihrer Tante fahren und sie fragen sollte? Doch das wäre wohl sinnlos, denn sie wusste, dass diese seit einigen Jahren an der Krankheit, die man Alzheimer nannte, erkrankt war.
Ursel legte die Spieluhr zurück in die Truhe und schloss den Deckel. Heute würde sie es nicht schaffen, sich von den alten Dingen zu trennen. Es schien nicht der richtige Zeitpunkt zu sein und sie fühlte sich auch irgendwie nicht gut.
Nachdem ein paar Tage ins Land gezogen waren, hatte Ulla, wie sie von ihrer Familie stets liebevoll genannt wurde, den Entschluss gefasst, ihre Tante zu besuchen. Nach so vielen Jahren befand sie sich nun auf dem Weg in den Ort ihrer Kindheit. Seit ihre Eltern damals so unerwartet von dort weg gezogen waren, gab es kaum noch Kontakt zu ihren Verwandten. Sie wusste, dass die Entfernung in der heutigen Zeit nicht der Grund dafür gewesen sein konnte. Ganz tief in ihr lag die Vermutung, dass damals etwas geschehen sein musste. 
Tante Paula war früher Lehrerin und ihr Mann, Onkel Paul, der Schulleiter der Grundschule des Ortes gewesen. Die beiden hatten keine eigenen Kinder bekommen. Ursel erinnerte sich, dass ihre Tante ihr früher heimlich Süßigkeiten zugesteckt hatte.
Die letzte Begegnung mit ihr lag lange zurück. Damals, bei der Beerdigung ihres Onkels, war es zu dem letzten Zusammentreffen gekommen. Danach nie wieder. Doch jetzt war sie auf dem Weg zu ihr. Da Ursel seit Jahren unter Angststörungen litt, hatte sie sich entschieden, die lange Strecke lieber mit der Bahn zu fahren und nicht mit dem Auto.
Nun war sie im Altenheim angekommen, stand vor dem Zimmer ihrer Tante und klopfte leise. Als Ursel den Raum betrat, erschrak sie.  In der schmalen Frau mit den weißen Haaren, die in dem viel zu großen Ohrensessel saß, erkannte sie nur auf den zweiten Blick ihre Tante. Sie schaute nicht einmal hoch, als Ursel den Raum betrat, sondern kämmte voller Hingabe die Haare einer Puppe, die sie in ihrem Schoß festhielt. Ein Bild, das Ursel Tränen in die Augen trieb.
Sie trat näher, strich der Tante über den Arm, sah sie liebevoll an: „Hallo, Tante Paula, erkennst du mich noch? Ich bin es, Ursel! Wir haben uns lange nicht gesehen.“
Paula sah kurz auf, lächelte und wiederholte ihre Worte: „Lange nicht gesehen!“ Schon sah sie wieder zu ihrer Puppe und begann erneut, sie zu kämmen.
Ursel setzte sich ihrer Tante gegenüber in den Sessel und betrachtete die Szene - einerseits traurig, doch andererseits schien sie nicht unglücklich zu sein in ihrer Welt. Ob sie in ihrer Kinderwelt lebte? Was diese Krankheit aus einem Menschen machte – unvorstellbar. Ursels Gedanken gingen unweigerlich zurück in ihre eigene Kindheit. Sie sah alles genau vor sich. Ihre Tante und ihren Onkel, die im Nachbarhaus wohnten. Szene um Szene aus jenen Tagen ging ihr durch den Kopf. Als erahne Paula Ursels Gedanken, schaute sie hin und wieder auf und lächelte, um gleich darauf wieder in ihrer Welt zu versinken.
„Weißt du noch, wie schön es früher war, als wir alle beieinander wohnten? Wenn du es mir doch nur erzählen könntest, ob damals etwas vorgefallen ist und weshalb wir so plötzlich weggezogen sind“, seufzte Ursel.
„Verboten!“
Ulla erschrak. „Was hast du da gerade gesagt?“, fragte sie nach, obwohl sie es ganz genau verstanden hatte, was die Tante so unerwartet von sich gegeben hatte.
‚Verboten’ hatte Paula gesagt. Sie hatte es ganz deutlich gehört. Was war verboten? Wieder wurde ihr schwindlig, genau wie vor ein paar Tagen, als sie diese Melodie gehört hatte.
„La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“, sang Ursel leise. Bei ihrer Tante liefen dabei Tränen über die Wangen.  
Urplötzlich stiegen Bilder in Ursel auf: Sie waren alle zu einer Hochzeit eingeladen gewesen. Sie war wohl 5, knapp 6 Jahre alt, damals. Ihre Eltern wollten von der Feier nach Hause, da sie, Ursel, müde geworden war. Doch der Onkel hatte gemeint, ihre Eltern könnten noch bleiben. Er habe sowieso Kopfweh. Er würde Ursel zu Bett bringen und bei ihr bleiben, bis die Eltern heim kämen. Unbedarft war sie mit ihm an seiner Hand nach Hause gegangen. Sie erinnerte sich, dass sie ärgerlich geworden war, weil er ihr beim Entkleiden helfen wollte. Sie sei schon groß hatte sie gesagt und bräuchte seine Hilfe nicht. Ursel wurde schwarz vor Augen! Nein, das konnte nicht sein. Alles bäumte sich in ihr auf. Sie sprang aus ihrem Sessel auf. „Nein, bitte nicht“, sagte sie laut in den Raum hinein, so dass ihre Tante erschrak und sie entsetzt anschaute. Die Bilder und Gedanken, die jetzt in ihr hoch stiegen, waren entsetzlich. Ihr Onkel, er hatte sie sexuell berührt und dann musste sie …. NEIN, schrie es in ihr: NEIN!! Jedes Detail kam hoch. Er hatte die Spieluhr angestellt und dann … was hatte er ihr nur angetan? Der Mann, der täglich mit so vielen Kindern Umgang hatte, dem sie blind vertraut hatte, wollte, dass sie mit ihrer kleinen Hand seinen Penis umfasste. Doch sie wollte das nicht tun. Da hatte er ihr gedroht, es ihrer Mutter zu erzählen und die würde dann böse auf sie sein. In dem Moment war die Tür aufgerissen worden und ihre Mutter hatte im Türrahmen gestanden. Ursel sah noch heute die Fassungslosigkeit in ihrem Gesicht. Sie hatte ihren Bruder angeschrieen und auf ihn eingeprügelt, woraufhin er seine Sachen geschnappt und aus dem Zimmer gerannt war – immer wieder beteuernd, dass sie die Situation völlig falsch interpretiere und gar nichts passiert sei. Aber was wäre geschehen, wäre ihre Mutter nicht ins Zimmer gekommen? Sie wollte es sich lieber nicht ausmalen.
Ursel rannte ins Bad - sie musste sich übergeben. Das durfte nicht wahr sein. Ihre ganze Familie hatte den Mantel des Schweigens über diese Sache gelegt und sie im Unklaren darüber gelassen, was damals geschehen war. Wahrscheinlich hatte sie aus Schutz diese Tragödie vergessen und die Bilder verdrängt. Doch heute kamen sie mit aller Gewalt hoch und ließen sie erschaudern. Kamen ihre Angstzustände vielleicht daher und war sie deshalb allein stehend geblieben, weil sie sich keinem Mann mehr anvertrauen konnte? Niemand von damals lebte noch, nur ihre Tante Paula. Vielleicht wollte auch sie sich nicht mehr erinnern. Jetzt konnte sie es nicht mehr!
Sie, Ursel, würde nun allein damit klar kommen müssen, dass ein dunkler Schatten über ihr und ihrer Familie lag und der Schuldige als ehrenwerter Mann diese Welt verlassen hatte. Wie schlimm musste das Ganze auch für ihre Tante und ihre Eltern gewesen sein.

Am Schluss sage ich herzlich Dankeschön
für das Lesen der Geschichte und ebenfalls 
für eure Kommentare zu meinen Gedanken zur Liebe!


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Liebe Martina,

    deine Fantasie kennt keine Grenzen.
    Du schreibst sehr spannend, und ich lese es gern.

    Alles Liebe
    Elisabeth

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  2. Berührend, bewegend, beeindruckend!

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    1. Besser kann ich es auch nicht ausdrücken, daher schliesse ich mich den Worten von Ulla an :O)
      Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Nachmittag!
      ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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  3. Ja was für ein brisantes Thema und dann die Scham des Schweigens. Eine tolle Geschichte,superLGLore

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  4. Finde es sehr gut, dass Du dieses Thema beschrieben hast. Das passiert so oft und alle schweigen vor Scham

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  5. Danke, Martina, für Deine Geschichte, in der Du an ein Tabu rührst.

    Es ist weitverbreitet, und verursacht so viel Leid.

    Mir erzählte eine Frau vor der Schule, daß sie bei der Geburt ihres Kindes draufkam, daß sie in der Kindheit mißbraucht wurde. Sie hatte es so lange verdrängt.

    Alles Liebe
    Eva :)

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  6. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist so berührend. Bei Dir ist es nur eine Geschichte, doch manche Menschen haben dieses Schicksal leider erfahren müssen. Und dieses Schweigen ist typisch, es drückt die Hilflosigkeit aus, mit der die Betroffenen neben den körperlichen und seelischen Qualen zu kämpfen haben. Doch dieses Schweigen ist keine Hilfe.
    LG
    Astrid

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  7. Liebe Martina,
    an dieses Thema habe ich mich noch nicht heran getraut. Du hast das auf auf berührende Weise erzählt. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die so etwas erleben mussten und ihr ganzes Leben daran "knacken".
    Herzliche Grüße
    Regina

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  8. Da hast du dir ein schwieriges Thema vorgenommen, aber sehr gut erzählt. Leider ist den missbrauchten Kindern mit Todschweigen nicht geholfen. Es wäre eine frühzeitige Therapie erforderlich, um das Erlebte zu verarbeiten.
    LG Elke

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  9. Liebe Martina,
    Deine Geschichte, hat mich sehr, sehr beeindruckt! Ich werde mein Leben lang nicht verstehen können, wie ein Erwachsener einem Kind so etwas antun kann. Er hat nicht nur die Familie zerstört, sondern auch das Leben seiner Nichte...
    Vielleicht war es aber gut, dass durch die Spieluhr der ganze verdrängte Müll ans Tageslicht gelangt ist. Denn nur dann ist Heilung möglich.
    Vielen Dank für diesen einfühlsamen Beitrag. (Ich hoffe nur, dass es nicht DEINE Geschichte ist!)
    Liebe Grüße
    Christine

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  10. Oh ja, ich kann mich allen Kommentaren davor nur anschließen,
    da hast du ein brisantes Thema aufgegriffen und es ist sicher eine hohe Zahl derer Kinder, die dieses oder noch Schlimmeres erleben mussten und innerlich daran zerbrochen sind, so wie diese Familie.
    :O)

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  11. was man nicht sieht und nicht sagt .. das ist auch nicht
    in sehr vielen Familien wird das (von mir oben erwähnte) so praktiziert
    und ich bin mir sicher, das von dir erzählte .. passiert leider öfter als wir denken wollen
    Sophie

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  12. Liebe Martina
    ein Thema das ich persönlich ja kenne und oftmals ist so ein Auslösung der Anfang was zu suchen und zu finden warum dies und das so ist, es gibt viele Kinder die dieses Schicksal mit sich tragen bis im hohen Alter entweder im verborgenen oder im aufarbeitendes Sinne!
    Danke für dieses Geschichte die zum aufrütteln unsere Gesellschafft gehört.. ich habe viele Sprüche gehört von Gutachter für eine zweite Kuraufenthalt ich solle gefälligst aufhören damit es wäre ja vorbei und leben anfangen oder private Freundinnen die irgendwann merkten dass ich in Therapie gehe und sich davon machten nur das Wörtchen Missbrauch von mir kam mehr nichts schwupp war ich wie so nicht tragfähig mehr mit Kinder sowieso nicht.
    Es ist manchmal wie so eine Ächtung dahinter wie die drei Affen nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen.Trotz heutige Aufklärung in den Medien.
    Lieben Gruss Elke

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  13. Ich bewundere Dich sehr dass du dieses Thema, ich gehöre auch zu den Betroffenen, aufgegriffen hast. Es fällt mir immer noch schwer darüber zu schreiben in meiner Biografie die ich gerade dabei bin in einem Blog nieder zuschreiben. Wie drückt man sich aus ohne andere zu verletzen, oder können Menschen das überhaupt verkraften zu lesen, das sind meine ständigen Überlegungen. Ich bedanke mich bei dir für diese Geschichte und lasse ganz innige Grüße zurück

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