Dienstag, 30. Juni 2015

Wie ein altes Paar Schuhe

Herzlich Willkommen zur Geschichte am Dienstag.

Diesmal mit diesen Reizwörtern:
Schuh – Kapitel – kurz – verhindert – nachdenken

Weitere Geschichten gibt es wie immer bei:


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Emil und Helene - sie kannten sich schon, solange sie denken konnten. Ihre Eltern waren befreundet und so waren sie schon als kleine Kinder ständig beieinander. Später drückten sie gemeinsam die Schulbank und gehörten ein und derselben Clique an. Irgendwann war aus dieser Freundschaft Liebe geworden und aus ihnen ein Paar. Lange, sehr lange lag das jetzt zurück. Heute waren sie wie ein altes, ausgelatschtes Paar Schuhe, das man allerdings gerne trug. Zum einen der lieben Gewohnheit wegen, zum anderen, weil alte Schuhe so bequem sind. Ein bisschen ausgebeult vielleicht und hier und dort zeigten sich kleine Risse, doch sie waren noch recht gut in Schuss und wenn man nicht so genau hinschaute, fast wie neu.
Dieser Morgen war ein ganz besonderer. Zum ersten Mal in all ihren Ehejahren würden sie getrennt voneinander sein. Helene fuhr zur Kur. Für ganze sechs Wochen. Emil konnte nicht leugnen, dass sich so etwas wie eine kleine Vorfreude einstellte. Sechs Wochen in denen er nicht hören musste: ‚Emil, der Rasen müsste mal wieder gemäht werden’ oder ‚Emil, dieses Hemd passt aber nicht zu der Hose’ oder ‚Emil, lass uns nach Hause gehen, du hast schon genug getrunken’ oder ‚Emil, stell den Fernseher leiser’ oder ‚Emil, iss nicht soviel Schokolade, denk an dein Cholesterin’. Sechs Wochen, in denen er schalten und walten konnte, wie er wollte. Er würde seine Freunde zum Skatabend einladen und sie würden bis mitten in der Nacht Karten spielen, Bier trinken und Zigaretten rauchen – im Wohnzimmer. Es war ja keiner da, der ihm das verbieten könnte. Sechs Wochen lang würde er keinen einzigen Rosamunde-Pilcher-Film anschauen und keine Kompromisse machen müssen.
Emil stand auf dem Bahnsteig und winkte dem Zug nach, in dem Helene von dannen fuhr. Als er hinter der nächsten Kurve aus seinem Blickfeld verschwand, rieb er sich die Hände. Jetzt begann auch für ihn so etwas wie Urlaub. Er musste kurz darüber nachdenken, wann er das letzte Mal dieses Gefühl von Freiheit verspürt hatte. Es war verdammt lange her. Pfeifend und bestens gelaunt ging er zurück zu seinem Auto.
Drei Wochen später schlurfte Emil ins Bad. Sein Schädel brummte. Es waren wohl wieder ein paar Bierchen zu viel geworden gestern Abend. Beim Blick in den Spiegel erschrak er. "Bist du das, Emil?", fragte er sich. "Hast dich lange nicht rasiert, alter Freund. Was Helene wohl sagen würde, wenn sie dich so sähe." Aber sie war ja nicht da und somit gab es auch niemanden, der herum kommandierte und ihm sagte, was er zu tun und zu lassen hatte. Jetzt bräuchte er zunächst einmal einen Kaffee. Als er die Küche betrat, roch es nicht wie sonst nach frisch gebrühtem Kaffee, sondern nach Bier und kalter Asche. Im Schrank war keine einzige Tasse mehr zu finden. Wie auch, sie stapelten sich ja alle in der Spüle. In Emil stieg erneut ein Gefühl auf, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Er gab es ungern zu, aber seine Helene fehlte ihm. Nicht, um hier mal wieder alles auf Vordermann zu bringen, nein irgendwie anders. War da doch noch so etwas wie Liebe für seine Frau in seinem Herzen? So ein altes paar Schuhe war ja eigentlich nur gemeinsam etwas Wert. Er fühlte sich alleine ohne diesen zweiten Schuh – irgendwie nur halb.
Emil fasste einen Entschluss. Er würde seine Freunde anrufen und den heutigen Skatabend absagen. Sie würden sich vielleicht wundern, wenn er ihnen sagte, er sei verhindert, doch das war ihm egal. Er wollte seine Helene wieder sehen. Nachdem er geduscht und sich rasiert hatte, machte er sich ans Werk. Er stellte endlich die Waschmaschine an, räumte auf, putzte sogar die Fenster und es war ihm egal, was die Nachbarn dazu sagten. Er mähte den Rasen und fiel abends hundemüde ins Bett.
Am nächsten Morgen packte er einen Koffer und fuhr kurz entschlossen seiner Helene hinterher. Er mietete sich in einer Pension in der Nähe der Kurklinik ein, um seine Frau zu überraschen. Plötzlich traf ihn ein Faustschlag mitten in den Magen. Was, wenn sie sich einen Kurschatten angelacht hatte? Wenn sie vielleicht mit dem Gedanken spielte, ihn zu verlassen? Emil erinnerte sich, dass es einmal, ein einziges Mal, brenzlig für ihn geworden war, als ihm eine Kollegin bei einem Betriebsfest ein unmissverständliches Angebot gemacht hatte. Damals hatte er … aber das war ja ein anderes Kapitel und lag lange zurück. Ob es für Helene auch schon mal eine ähnliche Situation gegeben hatte oder vielleicht gerade jetzt gab? Er musste zu ihr, schnellstens, um Schlimmeres zu verhindern.
Eine kurze Zeit später stand er geschniegelt und gebügelt mit einem Blumenstrauß in der Hand vor Helenes Zimmertür. Vorsichtig klopfte er an. Nach fast 40 Jahren Ehe stand er dort wie ein verliebter Junge mit feuchten Händen. Während er um Einlass bat, hörte er ein Lachen, das er sehr gut kannte. Es war unverkennbar das Lachen seiner Frau. Dann sah er sie, seine Helene, die zunächst wie angewurzelt stehen blieb.
„Was machst du denn hier?“, rief sie ihm von weitem entgegen und stürzte sich in seine Arme. Tränen traten in ihre Augen. „Emil, ich habe dich so sehr vermisst“, sagte sie. Wie schön sie immer noch war. Er hatte es gar nicht mehr bemerkt.
„Hier für dich“, brachte er heraus und hielt ihr die Blumen hin.
„Emil, was ist denn in dich gefahren?“, fragte Helene und freute sich sehr über die Blumen. An den letzten Strauß von ihm konnte sie sich kaum noch erinnern. „Ach übrigens“, sagte sie mit einer Handbewegung zu dem Mann, der hinter ihnen auf dem Flur stehen geblieben war, „dass ist Hannes, mein Kurschatten.“
Abends saßen Emil und Helene in einem Lokal und sahen sich verliebt in die Augen. Emil hatte den Scherz, den sich Helene mit ihm erlaubt hatte, inzwischen verwunden. Er nahm ihre Hand und flüsterte: „Komm, lass uns zu mir in die Pension gehen oder denkst du, es fällt auf, wenn du die Nacht nicht in der Kurklinik verbringst?“

© Martina Pfannenschmidt, 2015


Foto: Schuhtechnik Riedel

Kommentare:

  1. Eine sehr schöne Geschichte liebe Martina die zeigt, wie wichtig Auszeiten sind, damit man sich wieder neu finden kann.

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    1. Danke dir, Ulla! Ja, so einem alten Ehepaar tut eine Auszeit mal ganz gut!!! Lach!!!
      LG Martina

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  2. Liebe Martina,
    das ist eine sehr schöne Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Emil hat ja lange gebraucht, um seine Helene zu vermissen, ganze drei Wochen. Aber er hat sie vermisst und sie ihn auch. Happy end - schön!
    LG
    Astrid

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    1. Du denkst, er hätte ruhig schon früher 'Heimweh' nach seiner Frau bekommen können? Nee du, der Emil ist ein bisschen stumpf. Da dauerte es ein bisschen länger! Lach! Danke dir für deinen Kommentar! LG Martina

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  3. Liebe Martina,
    da hast du einen treffenden Vergleich von dem Ehepaar zu den alten Schuhen hergestellt, die ja auch ohne den anderen nichts wert sind. Toll gelungen, eine schöne Geschichte mitten aus dem Leben gegriffen!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Danke, Regina! Ja, irgendwie dachte ich mir, dass passt doch! Wenn man selbst so lange verheiratet ist, kommt man auf diese Gedanken!!! Lach! LG! Martina

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  4. Liebe Martina,

    über deine wunderschöne Geschichte freue ich mich.
    Sonnige Sommergrüße
    Elisabeth

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    1. Das ist schön! Es macht Freude, sich wieder eine neue Geschichte zu ersinnen, wenn ihr so nette Kommentare schreibt! LG Martina

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  5. Dass ein älteres Ehepaar etwas von einem alten Paar Schuhe hat, darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber wieder eine sehr schöne Geschichte mit Happy-End.
    LG Elke

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    1. Ja siehste mal, da habe ich dich mit meinem Vergleich auf eine ganz neue Spur gebracht! Lach! Danke für deinen Kommentar! LG Martina

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  6. Klopf klopf klatsch klatsch,
    ist hier jemand ?? hallooooooooooo .......
    Hmm, Fräulein Klümpchen ist sicher unterwegs oder liegt ausgestreckt im Garten auf der Liege *grins*
    Na dann, sag ich was ich zu sagen habe und komm später wieder:
    Deine Geschichte heute ist aber mal wieder richtig nett !!!!! Nicht so ein Seelengemetzel wie die vorletzten. Hier freut sich das Herz und Helene und Emil auch. Aber das Sohnemann schon Kurschatten spielt *tss
    Da werde ich heut abend doch mal nachfragen müssen *lach*
    bis späääääter, schönen Tag, bequeme Liege und genug zu trinken :O)

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    1. Garten? Liege???? Neeeeee, Sprachunterricht! Es kam schon wieder ein neues Ehepaar hinzu. Jetzt langt es aber! Wir sind 10 Personen und in dem kleinen Raum befinden sich genau 10 Stühle! Mehr geht also nicht! Es ist nicht so einfach mit einer so großen Truppe und einem Alter von 11 bis 45!!! Die Älteren tun sich doch verdammt schwer mit der neuen Sprache. Da sie mich bekniet haben, mache ich jetzt am Donnerstag noch einmal für 2 Stunden 'Unterricht'. Ich hab vorhin schon gesagt, wenn das einer hört, wie viel Spaß wir haben und wie viel wir lachen, der glaubt nicht, dass wir dort Unterricht machen. Deshalb die Strichelchen!!! - Du, ich glaub nicht, dass es sich hier um deinen Sohnemann handelt. Der Kurschatten ist doch um einiges älter!!! - Aber sag mal, was machst du denn eigentlich schon wieder hier - so ganz ohne Anmeldung und zu einer ungewohnten Zeit??? Wie ich sehe warst du genau 3 Minuten vor Beginn des Unterrichtes zu Gast. Da war ich NATÜRLICH NICHT da!!!! Manno! Dienstag und Donnerstag 14 - 16 Uhr ist hier keiner!!!! Bitte MERKEN!!!! - Und so ganz nebenbei: Danke für deinen lieben Kommi!!!! Sonnige Grüße vom Klümpchen

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    2. Ah stimmt ja !!!!!!
      Dienstg und Donnerstag bist du ja als Alleinunterhalter engagiert *lautlach*
      Liebes Fräulein Martina, ich bin nach wie vor von deinem Engagement begeistert !!!!!!!
      und kann mir gut vorstellen, dass ihr eine richtig gute und lustige Truppe geworden seid. Da ist es natürlich auch nicht einfach für Neueinsteiger mithalten zu können. Und es ist wie bei uns auch, die Kinder tun sich mit allem Neuen viiiieeeeel leichter.
      Dabei ist Deutsch ja auch wirklich eine der schwersten Sprachen.
      Ich wünsche dir weiterhin viiiieeeel Freude und gute Fortschritte beim Unterricht :-)
      :O) .....

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  7. Da ist Dir wirklich wieder eine wunderbare Geschichte gelungen! Danke dafür!
    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Sommerabend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Ich danke dir sehr, Claudia und freue mich, dass dir die Geschichte gefallen hat! Sonnige Grüße - in den nächsten Tagen müssen wir bestimmt noch viel schwitzen!!! Bis dann! Martina

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  8. Liebe Martina,
    sehr nett Deine Geschichte. So Auszeiten sind doch nicht schlecht, man vermisst dann doch einander und sehnt sich wieder nach dem anderen. Liebe Grüße Eva

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    1. Auszeiten tuen einer Ehe gut - das ist wohl so!!! LG Martina

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  9. Liebe Martina,
    auch ein paar alte Schuhe müssen mal auslüften und sich erholen. Auszeiten sind gut. Man
    muss sich nur auf den Anderen verlassen können.
    Und manchmal erkennt man auch, dass man eine längst gestorbene Liebe wiederfindet. Sie war nur dem Alltagstrott gewichen, etwas verschüttet.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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    1. Auf jeden Fall. Wenn man nicht sicher sein kann, dass der Partner treu ist, sind Auszeiten bestimmt der Horror!!!

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  10. Liebe Martina,
    über Deinen Vergleich zwischen einem alten Ehepaar und alten Schuhen habe ich herzlich gelacht. DER hinkt nämlich überhaupt nicht ...
    Das Klischee vom Ehemann der froh ist, wenn er mal allen Aufträgen und Benimmregeln entwischen kann, ist herrlich dargestellt. Davon träumen wohl alle Ehemänner irgendwann (Frauen übrigens auch! **lach**). Und wenn der andere dann mal weg ist, vermisst man ihn ziemlich schnell, Dein Protagonist hat sogar sehr lange dazu gebraucht - offensichtlich hatte das Ehepaar seeeeeehr viel Geschirr zur Verfügung! **grins**.
    Vielen Dank für Deine amüsante Geschichte, und liebe Grüße
    Christine
    1
    Christine

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    1. Jaaaa, die hatten unglaublich viel Geschirr im Schrank. Du und so ein Mann, der trinkt bestimmt auch drei Tage hintereinander mal aus der gleichen Tasse - oder denkst du nicht?!?!? Meiner allerdings nicht. Da muss ich schon froh sein, wenn er für seine 2. Tasse Kaffee nicht zum Schrank rennt und sich eine neue holt!!! Lach!!! Halt dich kühl!! Bis denn!! Martina

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    2. Hihihi , Martina, zur Zeit vermeiden wir beide tunlichst, Geschirr zu benutzen - unsere Spülmaschine hat beschlossen, den Dienst zu quittieren ... :-(

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  11. Liebe Martina
    ach gottchen ist das eine tolle rührende Geschichte die ging mir durchs Herz .. ich musste schmunzeln mit dieser Freiheit dass er bemerkte zu Zweit besser passt und dein Vergleich mit zwei alte Schuhe o man das ist grosse Klasse... und Helene ihn kurz schmoren lies in siener Angst! Danke für diese einfallssreiche und rührende Geschichte die im realen genauso so zu spielt sich oftmals.
    Lieben Gruss Elke

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    1. Ja, so ein altes Paar Schuhe, fand ich, hat schon was von einem alten Ehepaar - lach!! Es freut mich, dass du meine Geschichte gerne gelesen hast! LG Martina

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  12. Danke, Martina, für Deine Geschichte! Das Leben des Strohwitwers hast Du super beschrieben. Und das Wiedersehen beim Überraschungs-Besuch - schön :)

    Alles Liebe
    Eva :)

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