Dienstag, 5. Mai 2015

Blaue Augen

Gemüse – Hausfrauen – zaubern – kaufen – griesgrämig!

Das sind die Reizwörter dieser Woche, 
die sich auch in den Geschichten von
Lore - Eva - Christine und Eva V.
wiederfinden.

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Foto: baseportal.de

Zuckelnd setzte sich die Straßenbahn in Bewegung. Viele Menschen waren genau wie Clarissa auf dem Weg von ihrer Arbeitsstelle nach Hause. Wie dieses Zuhause der anderen wohl aussah? Wie wohnte der Mann, der so griesgrämig schaute? Clarissa stellte sich eine schäbige alte Wohnung vor, in der eine mürrisch drein blickende dicke Frau in einer viel zu engen Leggings auf ihn wartete. Vielleicht stand sie gerade am Herd und rührte in einem Topf mit Spaghetti. Im Mundwinkel eine Zigarette, deren Asche auf den dreckigen und klebrigen Fußboden fiel. Am Bein hing ihr ein weinendes Kleinkind, das sich gerade den Finger geklemmt hatte.
Oder dort, das hübsche junge Mädchen, das eifrig Nachrichten auf seinem Handy schrieb. Ob sie einen Freund hatte? Vielleicht hatte er ihr gerade eine Liebesnachricht geschickt oder per SMS mit ihr Schluss gemacht. War sie eine gute Schülerin, die das Gymnasium besuchte und beliebt war? Vielleicht war sie Klassensprecherin und setzte sich für die Belange anderer ein. Genauso gut konnte sie auch die größte Zicke der gesamten Schule sein.
Dort die Hausfrau mit der Einkaufstasche. Bestimmt hatte sie frisches Gemüse gekauft, aus dem sie gleich zu Hause etwas Leckeres für ihre Familie zauberte. Es war natürlich auch möglich, dass sie gerade eine Bank überfallen hatte und sich in ihrer Tasche die Beute befand.
Clarissa grinste. Mit Hilfe ihrer Gedanken erdachte sie sich zu den Mitfahrenden Geschichten. Sie hatte dabei das Gefühl, so ein kleines bisschen Schicksal zu spielen. Ihr Blick wanderte weiter und blieb an zwei blauen Augen hängen. Moment mal, wurde sie von diesen Augen, die zu einem gut aussehenden jungen Mann gehörten, etwa beobachtet? Dieses blau faszinierte sie, machte ihr aber auch ein bisschen Angst. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solch eisblaue Augen gesehen. Ein leichter Schauer lief über ihren Rücken. Vielleicht war er ein Mörder, der sich ein neues Opfer suchte. Er würde doch nicht etwa sie im Visier haben? Clarissa, schalt sich selbst: Du schaust zu viele Krimis. Der Mann sieht doch wirklich nett aus. Aber warum schaut er dich so durchdringend an? Sie wagte erneut einen Blick in seine Richtung. Er lächelte sie an. War das ein gutes Zeichen oder erriet er vielleicht ihre Gedanken und war von ihnen belustigt? Es war ja auch möglich, dass er ein netter Familienvater war und in einem kleinen Haus am Stadtrand wohnte. Im Garten standen vielleicht eine Schaukel und ein Sandkasten für die Kinder. Es war herrlich, sich das Leben anderer vorzustellen.
Manchmal erdachte sie sich auch ihr eigenes Leben, stellte sich vor, wie es sein würde, endlich einen Mann an ihrer Seite zu haben. Leider war sie bisher nur an die falschen Männer geraten. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren.
Die Bahn hielt. Der Mann mit den eisblauen Augen erhob sich und stieg aus. Er wohnte wohl doch nicht am Stadtrand, sondern in einer kleinen Mietwohnung, so wie sie. Vielleicht gab es auch gar keine Frau in seinem Leben.
Es wäre einfach zu schön, könnte man sich nur mit Hilfe seiner Gedanken sein Leben zu Recht zimmern. Wenn es so wäre, dann wünschte sie, dieser junge Mann hätte sie angesprochen und auf ein Glas Wein eingeladen oder noch besser, sie käme nach Hause und er wäre in die leer stehende Nachbarwohnung eingezogen. Der Gedanke Tür an Tür mit ihm zu wohnen, war reizvoll. Vielleicht würde sich daraus eine Liebesgeschichte ergeben. Aber leider spielte das Leben ja nach seinen eigenen Regeln.
Die S-Bahn hielt erneut und Clarissa stieg aus. Nur ein paar Schritte, dann wäre sie in ihrer kuscheligen kleinen Wohnung angekommen und würde sich eine Kleinigkeit kochen und schauen, was der Abend noch so brachte. Doch was sollte er schon bringen, außer ein paar Stunden vor dem TV oder ein Buch zu lesen.
Am darauf folgenden Abend hielt Clarissa in der S-Bahn nach den blauen Augen Ausschau, die sie in der vergangenen Nacht um den Schlaf gebracht hatten. Vielleicht würde der Mann mit diesen markanten Augen ja wieder zu dieser Zeit unterwegs sein. Doch sie konnte ihn nirgendwo entdecken. Sie hatte heute auch keine Lust, sich zu den anderen Mitfahrenden eine Geschichte zu erdenken.
Vor ihr lag jetzt ein einsames Wochenende. Ihre Freundin hatte Dienst, somit konnten sie nichts gemeinsam unternehmen. Clarissa hatte noch keine Idee, wie sie die Zeit verbringen wollte.
Als sie ihrer Wohnung näher kam, sah sie einen Umzugswagen vor dem Mietshaus stehen. Sollte vielleicht jemand die Wohnung neben ihr angemietet haben? Sie beschleunigte ihren Schritt, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Neugierig ging sie die Stufen zur ersten Etage hoch. Die Tür zur Nachbarwohnung stand offen. Worte drangen an Clarissas Ohr. Kurz darauf erschien eine zeternde Frau im Türrahmen. Bestimmt stritt sie mit ihrem Mann. Der erste Eindruck, den Clarissa von ihren neuen Nachbarn gewann, hätte besser sein können. Als sie den Schlüssel in ihre Wohnungstür steckte, wurde sie angesprochen.
„Entschuldigen Sie bitte, dass wir gerade ein bisschen laut waren.“
Clarissa drehte sich abrupt um und sah direkt in zwei blaue Augen.
„Macht nichts“, brachte sie kurz heraus.
„Sagen Sie, kennen wir uns?“, fragte der Mann.
Clarissa schüttelte den Kopf.
„Nein, ich glaube nicht.“
„Komisch, ich hatte gerade den Eindruck, Sie von irgendwoher zu kennen. - Entschuldigen Sie nochmals, aber meine Schwester war gerade anderer Meinung, als ich.“
In Clarissa stieg so etwas wie Freude auf und sie sprach spontan eine Einladung aus: „Wenn Sie später Lust auf ein Glas Wein haben, dann klingeln Sie doch einfach."
„Sehr gerne“, entgegnete der neue Nachbar und seine markant blauen Augen strahlten mit Clarissa um die Wette.



Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Wie der Zufall so spielt ... :-)
    Ich liebe es auch irgendwo zu sitzen und die Menschen zu beobachten. Dabei kann man sich so schön Gedanken machen, woher sie kommen, wohin sie gehen und wie wohl ihr Leben aussieht.
    Eine Geschichte aus dem Leben, vermischt mit etwas Fantasie und einem schönen und trotzdem offenen Ende. Die Geschichte hat mir gefallen. Vielleicht liest man irgendwann noch etwas von den Beiden bei Dir.
    LG
    Astrid

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    1. Ja, ja, der Zufall! Wofür der immer herhalten muss! Lach! Danke für deinen Kommentar. Mal sehen, vielleicht geht es wirklich weiter. Möglich wäre es! ;-)
      LG Martina

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  2. Ach wie schön! Als ich früher noch das Haus verlassen konnte, liebte ich es auch die Menschen zu beobachten und mir Geschichten auszudenken.
    So wurde mir nie auch bei der längsten Zugfahrt oder Wartezeit langweilig.
    Wünsche dir noch einen schönen Tag. LGLore

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    1. Mir geht es auch immer so auf Tanzfesten zum Beispiel. Früher war ich immer auf der Tanzfläche zu finden. Aber seitdem das nicht mehr geht, schaue ich mir die Paare an. Manche beobachte ich neidisch, weil sie soooo toll tanzen können und über andere wiederum amüsiere ich mich. Ein netter 'Zeitvertreib'! LG Martina

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  3. Bei einer Zugfahrt oder im Cafe kann man gut Leute beobachten und sich Geschichten dazu ausdenken. Dieser Anfang einer Liebesgeschichte gefällt mir sehr. Wo die Liebe hinfällt.......
    LG Elke

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    1. Wenn ich mir die Kommentare hier so ansehe, stelle ich fest: Ihr macht das ja ALlLLE, dieses Leute beobachten. Na, sowas! Aber nicht für alle endet dies mit einer Liebesgeschichte! Lach! Danke für den Kommentar! LG Martina

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  4. Hallo, Martina,
    wie so oft bin ich erstaunt, wie unterschiedlich die Geschichten sind, die aus fünf gleichen Wörtern entstehen...
    Dein Beitrag gefällt mir - nicht nur wegen des Einfalls mit den Geschichten, die sich Clarissa ausdenkt - sondern auch, weil ja vielleicht doch ... der neue Nachbar ein Teil ihrer eigenen Geschichte werden könnte...
    Nebenbei - in meiner Zeit, als ich noch solo war, habe ich mir auch immer alles Mögliche zusammengesponnen, wie mein Leben verlaufen könnte und sollte - aber es kam natürlich alles ganz anders!
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese tolle Geschichte!
    Christine

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    1. Oh ja, darüber staune ich auch jedesmal. Es wird niemals eine Geschichte einer anderen gleichen. Allerhöchstens ähneln. Toll finde ich das! Danke und LG Martina

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  5. Liebes Fräulein Klümpchen,
    sooooo schön deine Geschichte und wer weiß? - bestimmt, vielleicht, hoffentlich, schon gaaaanz oft so passiert und was danach noch so alles kommen könnte ??????
    Genau dies unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen : Wir können DENKEN !!!!!!
    Unsere Gedanken wandern lassen und neues erträumen oder ausdenken > einfach klasse !!!!!
    Ich wünsche dir einen wundervollen Tag und grüße wie immer
    gaaaanz <3lich :O) .....

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    1. Ja, liebes Fräulein Renate, was soll ich jetzt schreiben. Wir können denken - schreibst du. Da frage ich mich doch: Warum tun wir es so selten???? HIHIHI Du, wer weiß, vielleicht können es die Tiere ja auch. Da bringst du mich auf eine Idee, ich könnte doch .... nee, das verrate ich an dieser Stelle nicht. DANKESCHÖN!! LG Martina

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    2. STIMMT - Ich frage mich auch öfter, warum die Menschen nicht denken :-(

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    3. Ich glaube, ich habe die Antwort: Weil sie zu gestresst sind. Würden sie beim Staubsaugen sitzen, dann ... - okay, bin schon weg!!!!

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  6. Ach was für ein schönes Ende .
    Ich beobachte im Bus auch öfter die Leute , aber wie sie leben könnten , soweit reicht meine Vorstellungskraft nicht . Ich weiß garnicht , was ich dann so denke .
    Schönen Tag .
    LG JANI

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    1. Ein schönes Ende - und vielleicht für eine Fortsetzung ein schöner Anfang! Schauen wir mal!!! Dankeschön!! LG Martina

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  7. Oh, Martina, danke, eine Geschichte nach meinem Geschmack!

    Manchmal - oder oft - werden Wünsche wahr!

    Alles Liebe
    Eva :)
    https://evasgeschichten.wordpress.com/

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    1. Danke, Eva, ich freue mich darüber! LG Martina

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  8. Liebe Martina,
    eine reizenden Geschichte ..............ja,, manchmal, aber auch nur manchmal, gehen Träume in Erfüllung ...
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Gerade hatte ich Janis Kommentar beantwortet, da sah ich, dass du geschrieben hast! Dankeschön! Es ist soooo schön, wenn Träume in Erfüllung gehen!!! Wenn es bei dir einen gibt, dann wünsche ich dir, dass er sich erfüllen möge! LG Martina

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  9. Liebe Martina, deine Geschichte wieder wunderbar, danke dir dafür. Träume kann man sich so schön herbeizaubern und was daraus wird wünscht man sich nur schönes herbei.
    Ich wünsche dir noch einen schönen Restdienstag! LG, Gerda Reichhart

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    1. Liebe Gerda, wie schön, dass du wieder hier warst und dir meine Geschichte gefällt! Dankeschön! LG Martina

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  10. Liebe Martina,

    nachdem ich ebenfalls mit Öffis zur Arbeit fahre, habe ich mir auch jahrelang zu manchen Mitpassagieren Geschichten ausgedacht. Und in der Tat gab's sogar einmal blaue Augen, die mich in eienr Straßenbahn sehr beeindruckt haben. Der "Mann meines Lebens" war das allerdings nicht (den habe ich auf anderen Wegen kennengelernt - man kann sagen, eine Frendin hat uns verkuppelt ;o))) - den Blauäugigen habe ich während der letzten 30 Jahre nicht mehr wiedergesehen - aber deine Geschichte hat mich jetzt daran erinnert...

    (In der Zwischenzeit bin ich übrigens dazu übergegangen, in der U-Bahn zu lesen…)

    Ganz herzliche Rostrosengrüße

    von der Traude

    ✿ܓܓ✿ܓ✿ܓ✿ ♥♥♥♥ ܓܓ✿ܓ✿ܓ

    http://rostrose.blogspot.co.at/2015/05/rezept-gewinnerin-der-verlosung-und.html

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    1. Ich möchte ja fast mit dir wetten, dass du demnächst noch einmal Ausschau nach den blauen Augen hältst. Wie schön, dass ich dich an sie erinnert habe. Also: In der U-Bahn lesen ist ab jetzt nicht mehr! Lach! Danke für deinen Besuch und den Kommi! LG Martina

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  11. Liebe Martina, Menschen beobachten ist ein Steckenpferd von mir, egal wo, im Bus, auf dem Parkplatz im Cafe, ich liebe das. Finde es furchtbar, wenn die jungen Leute heutzutage nur noch auf ihre Handys schauen und rundum nichts mehr mitkriegen.
    Schön, deine Geschichte, die ein gutes Ende gefunden hat. LG Eva

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    1. Ich glaube, für uns Geschichtenschreiber ist das sogar wichtig, andere Menschen zu beobachten. Dadurch werden wir zu der einen oder anderen Geschichte inspiriert! LG Martina

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  12. Da kommt man sich fast vor wie im Tiergarten. ;-) Auch die Tiere dort kann man anhand von Beobachtungen an deren gesellschaftliche Stellung in der Gruppe beurteilen. Nur die Leichtigkeit der Vorstellung von Clarissa mit allen Wandeln macht sie als Figur sympathisch. Normal würde ich solche Gedankengänge ja rügen. Selbstverständlich war das wieder eine großartige Geschichte.
    Und um es abzurunden: Was ich gerne mache, wenn mich der Ernst nicht im Griff hat - Menschen mit Tieren vergleichen. :D

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    1. Ich stimme dir zu, das Verhalten einiger Menschen ähnelt sehr dem aus dem Tierreich. Um nur eins zu nennen: Das Balzverhalten!!! Lach!!! Menschen mit Tieren zu vergleichen, dass habe ich noch nicht gemacht - aber was nicht ist, kann ja noch werden! Danke, dass du hier warst! LG Martina

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  13. Liebe Martina,
    ich muss gestehen, aus diesen Reizwörern hast du eine brilliante
    Geschichte eerfunden. Und dann noch mit einem Happy end. Toll.
    Liebe Grüße
    Irmi

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    1. Dankeschön, Irmgard! Astrid hat ja schon nach einer Fortsetzung gefragt. Mal sehen, vielleicht geht es noch weiter mit den Beiden! LG Martina

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  14. Liebe Martina
    spät aber ich habs gelesen heute und ich find sie klasse wie du so ihre Gedanken über den Menschen in der Strassenbahn denken lässt, oja mir gehts manhcmal auch so und frage mich wie sie wohl wohnen usw... nah und das Ende ihn wieder zu begegnen kann ich mir weiter in meiner Fantasie denken, da gibt es eien Romanze bestimmt!
    Ein tolle ausgedachte und doch so reale Geschichte..
    Lieben Gruss Elke

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    1. Ich hatte dich gestern schon vermisst, da ich ja weiß, dass du die Geschichten immer liest. Aber natürlich hat man nicht immer die Zeit dazu! Danke, dass du noch hier warst - bis bald! Martina

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  15. Liebe Martina,

    diese Geschichte hatte ich verpasst, war ja an der Nordsee zu der Zeit. Wie gut, dass ich sie nun vor der neuen Reizwortgeschichte gelesen habe. Tolle Geschichte, jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht!
    Bis gleich, liebe Grüße
    Regina

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