Mittwoch, 24. Dezember 2014

Heimkehr

Der Zug hielt im Bahnhof, gleich würde er jedoch seine Fahrt fortsetzen und ihn zu seinem Ziel bringen. Ratternd und schnaufend befuhr die Bahn die Strecke bis zum nächsten Haltepunkt. Dort würde er aussteigen. Von dort war es dann nicht mehr weit, bis zu seinem Zuhause. Nur noch ein paar Kilometer, die er zu Fuß hinter sich bringen musste. Dann wäre er da. Zuhause! Welch magisches Wort! Wie sehr hatte er es vermisst, sein Zuhause. Wie lange seine Familie nicht gesehen. Die ganze Situation erschien ihm so unwirklich. Nur noch ein paar Minuten, dann würde er den Zug verlassen. Unzählige Male hatte er sich dies in Gedanken vorgestellt. Er hatte sich ausgemalt, wie es sein würde, wieder seine Heimat unter den Sohlen zu spüren, heimatliche Luft zu atmen. Irgendwie war er in diesem Moment ein bisschen enttäuscht. Was hatte er denn erwartet? Dass man für ihn einen großen Bahnhof hielt? Das eine Blaskapelle voran schritt und ihn bis nach Hause begleitete? Niemand ahnte doch, dass er auf dem Weg war. Niemand! Er sah den kleinen Bahnhof in der Ferne auf sich zu kommen. Er stand von seinem Platz auf, warf seinen Rucksack über die Schulter und ging zur Tür. Quietschend hielt der Zug. Er stieg aus. Dass ihm alles schmerzte, besonders seine Füße, die in den dicken Stiefeln steckten, bemerkte er gar nicht. Genau so wenig hatte er die mitleidigen Blicke der anderen Passagiere wahrgenommen. Und dann begann es doch, laut zu pochen, sein Herz und so etwas wie eine kleine Freude stieg in ihm auf. Vorfreude! Er setzte einen Fuß vor den anderen, wie in Trance. Sein Heimatort, die Häuser, kamen näher und näher. Aus den Schornsteinen stieg weiß der Rauch gen Himmel. Sein Blick fiel auf den Kirchturm und die große schwarze Uhr mit dem goldenen Ziffernblatt. Wie oft hatte er sich schon nach ihr gerichtet, morgens auf dem Weg zur Schule, um nicht zu spät zu kommen. Genau in diesem Moment begannen die Glocken der kleinen Kirche zu läuten. Es war ihm, als läuteten sie nur für ihn – als Willkommensgruß – und dann konnte er es nicht mehr verhindern, dass ihm die Tränen wie Bäche über die eingefallenen Wangen liefen. Er beschleunigte seinen Schritt, konnte es jetzt nicht mehr erwarten. Mit letzter Kraft bog er in seine Straße ein. Es waren nur wenige Häuser. Überall war es hell in den guten Stuben und hier und da sah er die Kerzen auf den Tannenbäumen brennen, hörte fröhliches Lachen. Und dann stand er vor seinem Haus. Das letzte Mal, dass er hier gestanden hatte, lag Jahre zurück. Es hatte sich kaum etwas verändert. Nur der grün gestrichene Zaun zur Straße hin war marode. Den würde er im Frühjahr reparieren müssen. Er wusste, dass er nicht klingeln musste. Die große Eingangstür wurde nur nachts verschlossen. Sein Herz klopfte so laut, dass er es hören konnte. Vorsichtig trat er auf die Diele. Es war still, sehr still. Was würde ihn erwarten hinter der Tür, vor der er jetzt stand? Er öffnete sie und blieb wie angewurzelt stehen. Der Tannenbaum - nie zuvor erschien er ihm so schön, wie in diesem Moment. Seine Mutter war die Erste, die aufsah und einen Schrei ausstieß, so, als sei sie bis ins Mark getroffen. Der Junge, der unter dem mit Lametta und Strohsternen geschmückten Baum saß und mit einem kleinen Auto aus Holz spielte, erschrak und suchte Schutz bei seiner Mutter, die mit dem Rücken zur Tür saß. Erschrocken wandte sich die junge Frau um, sprang aus ihrem Sessel und fiel ihrem Mann weinend um den Hals. Der Junge weinte auch, doch eher aus Furcht, als vor Freude, denn er erkannte seinen Vater nicht. Heiligabend 1951! Sechs Jahre nach Kriegsende kehrte er als letzter Kriegsgefangener in sein Dorf zurück.


Ich wünsche euch,
wo auch immer ihr zuhause seid,
ein besinnliches Weihnachtsfest,
das ihr hoffentlich mit all euren
Lieben verbringen dürft!

Frohe Weihnachten!

Kommentare:

  1. Frohes Fest und danke für all deine schönen Geschichten !
    ♥lichst Jutta

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  2. Frohe Weihnacht!

    Danke, sehr berührend.

    Alles Liebe
    Eva :)

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  3. ein rührende Geschichte ...danke
    Ein frohes Weihnachtsfest dir und deiner Familie!
    Lieben Gruss Elke

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  4. Auf diesen Weg auch dir und deinen Lieben geruhsame Zeit zwischen der Zeit und in den heiligen (12) Nächten.
    Guten Beschluß!
    VlG von Alex & den Hunden

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  5. Hallo Martina,
    ich wünsche Dir und Deiner Familie ein frohes Weihnachtsfest. Mann, was hast Du für eine Kondition ! Am Heiligabend noch eine solche Geschichte zu schreiben. Die letzten Tage waren bei mir dermaßen ausgefüllt, dass ich gerade meinen frohe Weihnachts-Posts geschrieben bekommen habe.

    Gruß Dieter

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    1. Da musste ich schmunzeln. Mit meiner Kondition ist es nicht weit her. Da bist du mir meilenweit voraus. :-) Doch heutzutage ist es vor Weihnachten für mich nicht mehr so stressig, wie noch vor ein paar Jahren. Da bleibt dann in der Tat noch Zeit für eine kleine Geschichte. Sie ist allerdings nicht Heiligabend entstanden, sondern schon ein paar Tage zuvor. Danke, dass du immer wieder bei mir liest und für die netten Kommentare! Einen schönen 1. Feiertag! Martina

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  6. OH wei, Martina, jetzt bin ich ganz rührselig! Was für eine schöne Geschichte! Und glaub mir, es gibt einige Kinder (mittlerweile um die 80) und vielleicht auch noch Frauen und Männer, die sich an genau dies noch erinnern. Vielleicht gibt es in unseren Tagen aber auch schon zuwenige, die dies noch erzählen können, ansonsten kann ich mir so manches hier in Deutschland nicht erklären...
    Viele liebe Weihnachtsgrüße
    Tanja

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    1. Ich bin auch oft sprachlos, wenn ich sehe, wie wir Menschen miteinander umgehen. Und dann kommt manchmal eine Geschichte dabei heraus, um mich und andere daran zu erinnern, wie gut es uns heute geht!
      Einen schönen 1. Feiertag! Martina

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  7. Ich habe jetzt eine Gänsehaut, liebe Martina...
    Ich hoffe, du hast schön und gemütlich gefeiert - und ich freue mich schon aufs gemeinsame Lachfalten-Retten im Neuen Jahr ;o))

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    /▌*˛˚ ░ ░ٌٌٌ░ Allerliebste rostrosige Weihnachtsgrüße und alles Gute für 2015! ˚ . ✰ •
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    Traude ♥♥♥♥

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  8. .... eine zu Tränen rührende Geschichte und wie oft sie sich wohl genauso zugetragen hat !!
    :O) .....

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    1. Ja, es könnte sich so zugetragen haben, dass ist wirklich möglich. LG Martina

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