Dienstag, 30. Dezember 2014

Der alte Hampelmann

Zu den Feiertagen wollten wir nicht über einer Geschichte brüten.
Deshalb wird es heute keine Reizwörter-Geschichte geben. 
Da ihr es jedoch gewohnt seid, am Dienstag bei mir eine Geschichte zu lesen, habe ich in meinem Archiv gekramt und stelle heute eine Geschichte ein, die zu meinen Ersten gehört. 
Ich habe sie im Jahr 2012 geschrieben. Viel Spaß beim Lesen!


Nelly ging traurig die Treppe, die zum Bodenraum führte, hinauf. Dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie war immer so glücklich gewesen in diesem Haus.

Sie betrat den Bodenraum. Es war ziemlich dunkel hier. Nelly betätigte den alten vergilbten Lichtschalter. Eine Glühbirne, die von der Decke herunterbaumelte, verbreitete ihr trübes Licht. Alles sah noch genau so aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Lange war sie nicht mehr hier oben gewesen.

Ihr Blick fiel auf eine alte Truhe. Sie hatte einmal ihrer Oma gehört und war schon sehr alt. Langsam ging sie dort hin und öffnete vorsichtig den Deckel. Es kam ihr vor, als würde sie den Geruch ihrer Kindheit wahrnehmen. Monika, ihre Puppe, lag dort. Sie trug noch die grüne Hose und den gesteiften Pulli, den ihre Mama einmal für Monika gestrickt hatte. ‚Dazu gab es noch einen Schal und eine Mütze’, ging es Nelly durch den Kopf. Sie nahm Monika aus der Truhe und schaute sie verweint an. Sie hatte vor vielen, vielen Jahren unter dem Tannenbaum gesessen. Damals war sie so glücklich darüber gewesen. Überhaupt war sie ein glückliches Kind. Diese Erinnerungen konnte ihr niemand nehmen.

‚Oh, nein’, ging es ihr durch den Kopf, ‚meinen Hampelmann, den gibt es auch noch.’ Ihre Mutter hatte alles für sie aufbewahrt und liebevoll in diese Truhe gelegt. Jetzt war sie nicht mehr da, ihre Mutter. Gestern musste sie sich endgültig von ihr verabschieden, als sie allein an ihrem Grab gestanden hatte.

Der Hampelmann hatte immer an ihrem Bettchen gehangen. Nelly zog an dem Faden, so wie sie es früher oft getan hatte, wenn sie nicht einschlafen konnte. Dann hatte sie Zwiegespräche mit ihm geführt. Sie zog und die Arme und Beine bewegten sich. Sie war ihrer Mutter dankbar, dass sie diese wertvollen Schätze für sie aufgehoben hatte.

‚Heute’, dachte Nelly, ‚gibt es Menschen, für die bin ich nur der dumme Hampelmann’. Sie dachte dabei an Ralf, ihren Freund. Stets war sie für ihn da. Sie sorgte sich um ihn, führte den Haushalt, erledigte alle Einkäufe, hielt den Garten in Ordnung und natürlich seine Wäsche. Dabei arbeitete sie auch jeden Tag 8 Stunden in einem Büro. Er hatte selten Zeit für sie und gemeinsame Unternehmungen gab es auch kaum.

Sie erinnerte sich an die Zeit im Kindergarten. Dort sangen sie ein Lied über den Hampelmann. Sie konnte es noch und sang leise: „Jetzt steigt Hampelmann, jetzt steigt Hampelmann, jetzt steigt Hampelmann aus seinem Bett heraus.“ Sie lächelte und konnte sich noch ganz genau daran erinnern, als sie einmal in der Mitte stehen durfte und alle Kinder machten die Bewegungen nach, die sie vormachte. Stolz war sie damals auf sich gewesen.

Würde sie Ralf das verzeihen können, dass er sie in dieser schweren Stunde des Abschieds von ihrer geliebten Mutter allein gelassen hatte? ‚Wie lange will ich mir das eigentlich noch gefallen lassen’, fragte sie sich. ‚Es gibt Menschen, die haben Angst, dass andere sie zum Hampelmann machen und merken dabei nicht, dass sie selbst einer sind.

Wie sollte es jetzt mit ihr weitergehen? Sie musste sich klar darüber werden, was sie wollte. Sollte sie sich von Ralf trennen? Dann wäre sie ganz allein. Nein, dass stimmte so auch nicht. Sie hatten gemeinsame Freunde. Doch die würden wahrscheinlich alle Kontakt zu Ralf halten und nicht zu ihr, denn die meisten waren seine alten Freunde. Ralf mochte Nellys Freunde nicht. Sie waren ihm zu einfach gestrickt. Wie dumm war sie nur gewesen, den Kontakt zu ihrer besten Freundin aufzugeben. Sie hatte früher im Haus nebenan gewohnt. Nelly hatte keine Ahnung, wo sie geblieben war und ob sie inzwischen geheiratet und vielleicht sogar Kinder bekommen hatte.

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Wenn sie so weiter machte wie bisher, dann bliebe sie auf der Strecke. Dann gäbe es nur noch Arbeit für sie. Aber das konnte doch nicht alles sein. Da musste doch noch etwas kommen.

Sie hätte auch gerne Kinder gehabt. Doch Ralf mochte keine Kinder. Sie waren ihm zu laut und brächten nur Unruhe und Dreck ins Haus, hatte er einmal gesagt.

Es war ihr, als fiele eine dicke Nebelwand herunter, die bisher ihren Blick getrübt hatte. Wie um alles in der Welt hatte sie das alles nur die ganzen Jahre ausgehalten. Das war doch nicht mehr sie. Doch was sollte sie jetzt tun?

Sie nahm ihre Gliederpuppe, ging die Treppe hinunter in die Küche ihrer Mutter. Viel hatte sich in all den Jahren nicht verändert. Das Haus hatte Charme. Gut, hier und dort musste es modernisiert werden. Hatte sie das Geld dazu und den Mut, Ralf zu verlassen und hierher in das Haus ihrer Kindheit zu ziehen? Sie würde sich eine neue Arbeitsstelle suchen müssen. Neue Freunde. Wollte sie – konnte sie das schaffen?

Nelly ging zum Küchenschrank. Sie entnahm ihm eine Filtertüte und Kaffeepulver und kochte Kaffee. Der würde ihr jetzt gut tun. Durch den Duft, der sich ausbreitete, wurde es richtig gemütlich. Sie musste sich sammeln und genau überlegen, was sie wollte.

Sie nahm einen Block und einen Stift zur Hand, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich an den Küchentisch. Sie notierte ihr Gehalt, ihre Ersparnisse und überschlug die Kosten, die eine Renovierung des kleinen Hauses mit sich bringen würde. Das müsste zu schaffen sein. Sie hatte ja auch noch einen kleinen Sparvertrag. Von dem Geld wollte sie sich irgendwann ein neues Auto kaufen. Doch das konnte warten. Sollte sie es wagen? Sollte sie wirklich einen Neustart wagen?

Es klingelte an der Tür. ‚Nanu’, dachte Nelly, ‚wer wird das sein?’ Sie ging zur Tür, öffnete sie vorsichtig und sah in zwei blaue Augen, die ihr sehr bekannt waren. „Hallo Nelly“, sagte die junge Frau. „Erkennst du mich noch? Ich bin es, Lucy von nebenan.“

Natürlich hatte Nelly Lucy sofort erkannt, doch sie war so erstarrt, dass sie gar nicht reagieren konnte. Tränen stiegen auf und dann fiel sie Lucy in die Arme. „Wie schön, dich hier zu sehen“, freute sich Nelly. „Komm doch herein.“

Gemeinsam gingen sie in die Küche. Nelly stellte Lucy einen Kaffeebecher hin und sie sprachen über ihre Kindheit. Ihre Freundin berichtete, dass sie sich vor einem Jahr von ihrem Partner getrennt habe und nun mit ihrem kleinen Sohn nebenan im Haus ihrer Eltern wohne.

Zwei Stunden später verließ Lucy das Haus. Nelly wusste jetzt, was sie zu tun hatte. Hoch erhobenen Hauptes verließ sie das Haus. Den Hampelmann nahm sie mit. Er saß neben ihr auf dem Beifahrersitz und sollte sie daran erinnern dass sie niemals wieder für jemanden der dumme Hampelmann sein wollte.

Später würde sie das Gespräch mit Ralf suchen. Ihr war niemals so klar wie in diesem Moment, was sie wollte und wie es in ihrem Leben weitergehen sollte.


Martina Pfannenschmidt, 2014

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Martina,
    eine schöne Geschichte mit soviel Wahrem darin!
    Ich wünsche Dir eine schöne Zeit bis zum Jahreswechsel!
    Komm gut durch die letzten Tage im alten Jahr!
    ♥ Allerliebste Grüße ,Claudia ♥

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    1. Ja, auch dir einen guten Rutsch und Danke für den Kommentar!
      Martina

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  2. Wenn die Augen aufgehen, SEINEN Weg gehen. Schön beschreiben, danke, Martina!

    Guten Rutsch in ein Wundervolles 2015
    Eva :)

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    1. Ja, seinen Weg gehen. Das ist wahr. Doch manchmal sieht man ihn nicht.
      Ich wünsche dir ebenso alles Liebe für 2015! Martina

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  3. Guten Morgen, liebe Martina,

    Nelly hat den richtigen Entschluss gefasst. Eine schöne Geschichte (kann man ruhig mehrfach lesen, finde ich und nach einiger Zeit hat man vieles auch schon wieder vergessen (ich jedenfalls).

    Liebe Grüße
    Regina (im Geschäft heute den ganzen Tag :( )

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    1. Gerade habe ich entdeckt, dass du auch eine Geschichte eingestellt hast. Da geh ich jetzt mal lesen! Viel Freude morgen mit deiner Familie und einen guten Rutsch in das Jahr 2015! LG Martina

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  4. Liebe Martina ,
    Danke , das ist wieder eine so schöne Geschichte .
    Danke für deine lieben Zeilen bei . Auch ich wünsche dir ein gutes neues Jahr .
    Kommt gut rüber . Bis nächstes Jahr :-)
    Viele liebe Grüsse von Jani

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    1. Jetzt habe ich deinen Kommentar erst heute gefunden - im neuen Jahr!
      Bist du auch gut herübergekommen? Ich hoffe es! LG Martina und - Danke!

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  5. Die Geschichte habe ich aber gelesen, und ich fand die richtige gut. Da darfst du öfters mal in deinem privaten Archiv herumkramen. ;-)

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    1. Weißt du, es gibt da gar nicht mehr so viel in meinem Archiv, was noch nicht hier veröffentlicht wurde. Im vergangenen Jahr - also 2014 - habe ich nur die Reizwörtergeschichten geschrieben und im Vorjahr gab es nur hin und wieder eine Geschichte. Aber wenn ich nochmal eine 'Alte' finde, dann stelle ich sie ein - ganz sicher! - Danke! Martina

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