Dienstag, 21. Oktober 2014

Schicksalhafte Begegnung

Heute gibt es wieder eine Geschichte!
Ist das nicht einfach unglaublich, wie schnell so eine Woche vergeht?!
Weitere Geschichten zu den Reizwörtern
Café – Schicksal – sensibel – beneidenswert – empfinden
lest ihr bei Regina, Lore und Eva


Ines bummelte durch die Stadt. Heute war ihr freier Tag und so konnte sie die herbstliche Sonne in vollen Zügen genießen. Sie erfreute sich an dem Springbrunnen, der fröhlich vor sich hin plätscherte und an dem bunten Treiben um sie herum. Sie schlenderte an einem Café vorüber. Gerne hätte sie dort einen Cappuccino getrunken und die letzten Sonnenstrahlen genossen, doch die Plätze schienen alle belegt zu sein. Als sie schon weitergehen wollte, erblickte sie aus den Augenwinkeln heraus einen freien Platz am Tisch eines älteren Herrn. Da sie in dieser Hinsicht keine Berührungsängste hatte, ging sie forschen Schrittes auf ihn zu und fragte freundlich: „Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“
Der ältere Herr sah sie aus traurigen Augen an, antwortete aber dennoch etwas verschmitzt: „Wenn ich ihnen nicht zu alt bin, dann dürfen sie von Herzen gerne hier Platz nehmen.“
Ines bedankte sich, bestellte einen Cappuccino und hatte, sensibel, wie sie für diese Dinge war, sofort das Gefühl, als gäbe es da etwas, was den älteren Herrn sehr bedrückte. Deshalb begann sie eine Plauderei über den schönen Tag und die herbstliche Färbung der Bäume. Vielleicht käme sie so seinem Geheimnis näher. Doch besonders gesprächig schien er nicht zu sein, weshalb Ines dann auch lieber schwieg.
Plötzlich, in diese Stille hinein, begann er zu reden. „Wissen Sie, es ist noch gar nicht so lange her, da hat meine Frau dort auf dem Platz gesessen, den sie jetzt einnehmen. Doch inzwischen ist sie von mir gegangen. Und jetzt ist es so furchtbar still in meinem Leben geworden. Niemand ist mehr da, der mir einen ‚Guten Morgen’ wünscht, der sich erkundigt, wie es mir geht. Ihr Platz bleibt leer, wohin ich auch gehe. Ich habe das Gefühl, als hätte mich jemand zerteilt und sozusagen die bessere Hälfte von mir genommen.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Wir waren fast 60 Jahre lang verheiratet, das ist eine sehr lange Zeit. Man wächst so sehr zusammen, dass es für die zurückbleibende Hälfte fast unerträglich ist.“
Ines konnte darauf nicht antworten, sie hatte einen dicken Kloß im Hals. Sie erinnerte sich an den Streit, den sie kürzlich mit ihrem Freund gehabt hatte. So sinnlos war es, sich zu streiten. Er würde ihr auch fehlen, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre, ging es ihr durch den Kopf. Doch wie musste es sich erst anfühlen, wenn man so lange alles nur gemeinsam erlebt hatte.
„Das Schlimme ist, oder zumindest empfinde ich es heute so“, führte der Mann dann weiter aus, „dass wir ein beneidenswertes Leben geführt haben. Doch das wird mir erst jetzt richtig bewusst. Ich hätte ihr öfter sagen sollen, wie sehr ich sie liebe und Blumen hätte ich ihr kaufen sollen, solange sie noch bei mir war. Sie liebte Blumen, müssen Sie wissen. An jedem Wochenende brachte sie sich einen bunten Strauß vom Wochenmarkt mit. Aber das ist ja nicht dasselbe, nicht wahr. Ich habe ihr nie welche geschenkt. An jedem Samstag gehe ich nun zum Markt, kaufe einen Strauß und stelle ihn auf ihr Grab. Doch wie heißt es in einem Spruch ‚Schenke Blumen während des Lebens, denn auf den Gräbern, da blühen sie vergebens!’ Genau so ist es, doch jetzt ist es für diese Einsicht leider zu spät.“
Ines wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, doch das erwartete der Mann wohl gar nicht. Sie kannte diesen Spruch, den er zitierte, doch erst jetzt erkannte sie die ganze Wahrheit, die er beinhaltete!
„Sind sie verheiratet?“, stellte er dann die Frage. Ines schüttelte mit dem Kopf. „Sie sollten nicht alleine bleiben“, riet er ihr, „das Leben ist viel schöner, wenn man es gemeinsam erleben darf. Wissen sie, das Schicksal hat es so gewollt, dass wir keine Kinder haben. Das war schwer für meine Frau. Als wir noch jung waren und fest stand, dass es so sein würde, fragte sie mich eindringlich, ob wir nicht eines adoptieren wollten. Doch das kam für mich nicht in Frage. Sie hat das Thema dann nie wieder angesprochen und heute denke ich, vielleicht hat sie ein Kind doch sehr schmerzlich vermisst. Wenn ich in unserer großen Wohnung so alleine da sitze, dann merke ich, dass ich in dieser Hinsicht vielleicht einen großen Fehler gemacht habe? Vielleicht hätte ein Kind noch mehr Freude gebracht. Verstehen Sie mich nicht falsch, unser Leben war schön, wir haben es in vollen Zügen genossen, konnten uns vieles leisten, was uns mit einem Kind wohl nicht möglich gewesen wäre, doch heute würde ich mich wohl nicht so einsam fühlen, gäbe es da noch einen Menschen, der mir nahe stehen würde. Doch das ist sehr eigennützig von mir gedacht, und das Geschwätz eines senilen alten Mannes“, fügte er hinzu. „Hören Sie am besten gar nicht hin!“
Er machte wieder eine kleine Pause, trank den letzten Schluck Kaffee, der sich noch in seiner Tasse befand und inzwischen kalt geworden war, und seufzte tief.
Das, was er gesagt hatte, traf Ines mitten ins Herz. Man konnte soviel falsch machen in seinem Leben. So viele Worte, die man nicht sprach, so viele nette Gesten, die man nicht austauschte. Schade, wenn man im Alter sagen musste: da ist einiges schief gelaufen in meinem Leben, doch jetzt ist es zu spät. Sie empfand Mitleid mit diesem ihr fremden Herrn oder besser gesagt, sie fühlte mit ihm. Welche Worte konnten ihm jetzt helfen? War nicht alles, was sie hätte sagen können, nur leeres Stroh? Würde alles nicht einfach nur abgedroschen klingen. Sie ersparte sich Sätze wie ‚Zeit heilt alle Wunden’ oder ‚Sie werden sehen, dass wird schon wieder’. Ihr wurde bewusst, dass es für jeden Menschen schwere Wegstrecken gab, die er ganz alleine gehen musste, wo niemand helfen konnte. Sie überlegte, was es sein könnte, dass ihn erfreuen und vielleicht ein klein wenig aufmuntern würde. Eigentlich ist es ganz einfach, dachte sie dann. Er braucht nur jemanden, der ihm zuhört und ihm eine Stütze ist in dieser schweren Zeit.
„Ich habe mich entschieden“, fuhr er unerwartet fort, „in ein Altenheim zu gehen. Es ist zwar im Moment noch eine ganz furchtbare Vorstellung, doch es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Meine Frau hat immer für mich gekocht, bis zuletzt mich umsorgt. Seit ihrem Tod bekomme ich das so genannte ‚Essen auf Rädern’. Es ist eine warme Mahlzeit, ja, doch es schmeckt nicht so wie bei ihr und ich sitze immer alleine am Tisch. Wissen Sie, ich habe meiner Frau auch viel zu selten gesagt, wie gut es mir geschmeckt hat, was sie mit so viel Liebe für uns zubereitet hat“, fiel ihm in diesem Moment ein.
Dann erhob es sich, nahm seinen Hut und den Stock, der an seinem Stuhl lehnte, bedankte sich fürs Zuhören und schlurfte langsam davon. Ines schaute ihm noch eine Weile nach. Er ging sehr gebeugt, schien unter der Last, die auf seinen Schultern ruhte, fast zusammen zu brechen. Er wirkte so einsam und hilflos.
Ines sprang auf, legte schnell einen Geldschein unter ihre Tasse, lief dem alten Mann nach, hielt in auf und fragte: „Ich habe gerade etwas Zeit, wollen wir gemeinsam ihre Frau besuchen?“
Er nickte und ein Strahlen zog über sein faltiges Gesicht. Dann hakte sich Ines spontan bei ihm ein und sie gingen wortlos nebeneinander her. Sie würde ihn besuchen, nahm sie sich vor, immer, wenn sie die Zeit dafür erübrigen könnte.


© Martina Pfannenschmidt, 2014

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Kommentare:

  1. So schön, liebe Martina,
    wie gut, dass die Beiden sich getroffen haben und er Ines berühren konnte. Das wird für ihr Leben, aber auch für seines sehr bereichernd sein und ich hoffe, dass es nicht bei dem _Vorsatz bleibt, ihn zu besuchen!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Danke, Regina! Ja, in den Geschichten können wir es so schreiben, wie wir es uns wünschen, doch leider sieht das 'richtige' Leben oft anders aus. Aber es ist so schön, sich eine heile Welt zu schreiben! LG Martina

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  2. Liebe Martina,
    tränen abwische ach wie rührend deine Geschichte ist und so sollten solche Begegnungen immer Enden.. sich gegenseitig zu helfen und wenn nur eins ein Zuhörer ist für andere die alleine sind...
    Selbst mir bringst es viel wenn ein älterer Mensch mir was erzählt und es berührt mich so nah zu sein egal wer er ist... er vertraut sich mir an in diesem Moment...
    Herrlich deine Geshcichte aus dem Leben heraus!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Ich bin schon als Kind immer gerne in die Nachbarschaft zu einer älteren Dame gegangen. Sie konnte so herrlich von früher erzählen. Heute sind alte Menschen oft sehr einsam und allein. Doch wir werden ja alle mal alt werden - oder zumindest hoffen wir es. Aber wer möchte dann einsam sein? LG Martina

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  3. Danke, Martina, für diese einfühlsame Geschichte! Ich kenne solche Situationen sehr gut, seit vielen Jahren höre ich immer wieder ganze Lebensgeschichten von Menschen, die ich gerade das 1. Mal sehe ...
    Zuhören hilft. Besonders wenn nicht sofort Rat"schläge" gegeben werden, ungebetene sozusagen ;)

    Freu mich auf die nächste Geschichte!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Ja, Ratschläge sind auch Schläge - ich weiß! Danke und LG Martina

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  4. Das ist wieder eine anrührende und aber auch lehrreiche Geschichte. Leider sind alte Leute oft sehr einsam. Die sogenannten Mehrgenerationen-Häuser könnten da eine gute Lösung des Problems sein. Die Menschen, die dort leben, müssen aber auch miteinander auskommen.
    LG Elke

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    1. Genau das ist das Problem. Man muss miteinander auskommen. Früher war es in jeder Familie ganz normal, das alt und jung zusammen lebten. Vielleicht geht es ja mal wieder dort hin. Diese Altenheime sind doch einfach nur furchtbar. Niemand möchte doch wirklich dort hin, wenn er ehrlich ist. Aber, wie sagen wir so oft: Es ist wohl das Beste! Ja? Wirklich? LG Martina

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  5. Liebe Martina,
    eine sehr schöne und berührende Geschichte! Danke dafür!
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Vielen Dank, liebe Claudia!
      Schön, dass du immer wieder bei mir liest.
      Ich freue mich sehr darüber! Martina

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  6. Nun habe ich doch die Geschichte gefunden. Ist dir gelungen. Gut und herznah geschrieben. Gefällt mir sehr.
    Gruß vonner Grete

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    1. Genau! Das ist die Geschichte, von der man meinen könnte, ich sei durch dich auf sie gekommen. Vielen Dank für den lieben Kommentar! Martina

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  7. Eine sehr sehr schöne Geschichte. Sicher können wir in unsereren Geschichten es so schreiben wie wir es wünschen, aber wir können unsere Leser auch zum Nachdenken anregen.
    So wie die Erzählung des alten Mannes Ines zum Nachdenken und am Ende sogar zum Handeln gebracht hat, so kann es auch mit manchen Leser hier sein.

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    1. Das wäre dann der Idealfall, wenn das eintritt, liebe Lore!

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  8. Genau, ich schließe mich dem vorherigen Kommentar an !!!!
    Deine Geschichte ist sehr schön, nicht selbstverständlich und regt zum Nachdenken an *DANKE*

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    1. Die Realität sieht leider anders aus, ich weiß. Doch es ist so schön, Wunschträume in Geschichten zu verarbeiten. LG und Danke! Martina

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