Dienstag, 28. Oktober 2014

Filmriss

FilmrissFestfaszinierendfrischfeurig
Das sind die Reizwörter für unsere Geschichten in dieser Woche.
 Regina - Lore und Eva
haben sich zu diesen Wörtern auch eine Geschichte einfallen lassen.


Elias wurde wach, doch es wollte ihm nicht gelingen, seine Augen zu öffnen. Zu stark waren die Kopfschmerzen, die er verspürte. Es war ihm, als sei eine ganze Kompanie kleiner Männchen in seinem Kopf, die unentwegt gegen seine Schädeldecke hämmerten. Er blinzelte mit einem Auge, um zu schauen, ob Alina, seine zukünftige Frau, neben ihm lag. Schnell schloss er das Auge wieder. Sie war da und schlief. Gott sei Dank!
In ein paar Tagen sollte geheiratet werden, doch bevor es ein großes Fest anlässlich ihrer Hochzeit geben würde, hatten sie am gestrigen Abend getrennt voneinander Junggesellenabschied gefeiert. Eine feucht-fröhliche Angelegenheit war das. Er musste als Supermann verkleidet durch die Straßen und von einer Kneipe in die andere ziehen. Er wusste noch, dass er gemeinsam mit seinen Freunden in einer Diskothek gelandet war. Dort hatte er mit der feurigen Francesca getanzt. Daran konnte er sich noch gut erinnern. Doch wie war er nach Hause gekommen? Er besann sich auch, dass er mit ihr die Diskothek verlassen hatte, und zwar ohne seine Freunde. Doch was dann noch passiert war, war wie ausgelöscht. Filmriss, wie man so schön sagte. Eine sehr unangenehme Sache, denn er meinte sich an eine heikle Situation zu erinnern. Er glaubte, diese Francesca geküsst zu haben, aber genau wusste er es einfach nicht mehr. Er würde doch hoffentlich seine Frau nicht kurz vor der Ehe betrogen haben? Er liebte sie doch. ‚Lieber Gott’, stieß er ein Stoßgebet Richtung Himmel, ‚lass bitte nicht passiert sein, woran ich jetzt gerade denke!’
Seine Freundin erwachte und hielt sich im gleichen Moment den Kopf. Er schmerzte genauso, wie der von Elias. „O, mein Kopf“, war dann auch das Erste, was sie sagte, „ich brauche jetzt erst einmal einen frischen Kaffee. Guten morgen, mein Schatz! Willst du auch einen?“ „Mmmmh“, knurrte er noch müde. Irgendwie hatte er ein komisches Gefühl in der Magengegend. Entweder musste er sich gleich übergeben oder es war das pure schlechte Gewissen. Wie sich eine kurze Zeit später herausstellen sollte, war es wohl von beidem etwas.
Den ganzen Tag über versuchte er, sich an das Ende des gestrigen Abends zu erinnern, doch die Zeit war wie ausgelöscht. ‚Das ist bestimmt eine Schutzfunktion meines Unterbewusstseins’, redete er sich ein. ‚Es wird besser sein, wenn ich mich gar nicht erinnere’. Doch diese Ungewissheit war ganz furchtbar. Seine Freunde meldeten sich so nach und nach und erkundigten sich nach seinem Befinden. Alle fragten ihn, wo er denn so plötzlich mit der schönen Frau abgeblieben sei. Ja, wenn er dass nur wüsste.
Sie feierten ein paar Tage später eine traumhafte Hochzeit. Elias hatte seine Tränen kaum zurückhalten können, als er seine wunderschöne Braut gesehen hatte. Sie faszinierte ihn an jedem Tag, denn sie war nicht nur hübsch, sondern auch spontan und unkompliziert. Das hatte er in den letzten beiden Jahren, in denen sie zusammen lebten, immer wieder festgestellt. Sie war einfach das Beste, was ihm passieren konnte.
Ihre Flitterwochen verbrachten sie in der Karibik. Sie waren beide fasziniert von dieser Landschaft, dem glasklaren Wasser und der Mentalität der Einheimischen. Es war wirklich eine ganz andere Welt. Die meiste Zeit dieser zwei Wochen verbrachten sie am Strand, lagen faul in der Sonne, schnorchelten im Wasser oder lasen ein Buch. Der einzige Wermutstropfen war, dass Alina das Essen nicht so gut vertragen konnte und sich für ein paar Tage in der Nähe einer Toilette aufhalten musste, doch das nahm sie gelassen hin.
Als ihr jedoch einige Tage später zu Hause immer noch allmorgendlich schlecht wurde, hatte sie einen Verdacht, den ihr Gynäkologe bald bestätigte. Sie war schwanger. Zwar war ein Baby im Moment noch nicht geplant, doch nun war es so und beide freuten sich, bald ihr Kind in den Armen halten zu können.
Als sie ein paar Monate später gemütlich vor dem Fernseher saßen, klingelte es an der Haustür.
„Ich gehe schon, Schatz“, sagte Alina und erhob sich schwerfällig, denn ihr Bauch hatte bereits einen beträchtlichen Umfang erreicht. Als sie die Tür öffnete, stand ihr eine dunkelhaarige, ebenfalls schwangere, junge Frau gegenüber.
„Ja bitte?“, fragte Alina die Fremde verwundert.
„Kann ich bitte Elias sprechen?“, bat sie.
„Elias“, rief Alina von der Haustür Richtung Wohnzimmer, „kommst du mal.“
Er schwang sich aus dem Sofa und beim Anblick der Schwangeren, die da so unvermutet vor seiner Tür stand, wurde er ganz blass.
‚Nein’, ‚bitte nicht!’, dachte er nur. Dann brachte er doch ein „Hallo“ hervor.
„Ihr kennt euch“, hakte Alina sogleich nach und es schwang eine leichte Eifersucht in ihrer Stimme mit.
„Nur flüchtig“, antwortete die Frau mit dem hübschen Namen Francesca.
„Ich habe heute mein Auto verkauft“, erzählte sie dann, „und als ich das Handschuhfach ausgeräumt habe, fand ich etwas, das dir gehört. Hast du es denn noch gar nicht vermisst?“
Es war sein Handy, das sie ihm entgegen hielt. Ja, Elias hatte es sehr wohl vermisst und gesucht, tagelang sogar. An den unmöglichsten Stellen hatte er es vermutet, doch nicht dort, wo sie es gefunden hatte.
„Es stand auf lautlos“, erklärte Francesca, „sonst hätte ich es vielleicht schon eher entdeckt.“
„Und wie bitte“, versuchte Alina die Situation zu verstehen, „ist es dorthin gelangt?“
„Schatz, bitte“, stotterte Elias, „bleib ganz ruhig. Ich kann dir das alles erklären.“
 „Darum bitte ich aber auch“, erwiderte Alina scharf, denn so begannen alle Sätze, die meistens mit einem Drama endeten.
„Aber da gibt es doch gar nichts zu erklären“, entgegnete Francesca munter, „ihr Mann hat bei seinem Junggesellenabschied viel zu tief ins Glas geschaut und da habe ich ihn nach Hause gebracht, bevor er ganz und gar unter die Räder kam und dabei muss er unbemerkt von mir sein Handy in mein Handschuhfach gelegt haben.“
Ein paar Wochen später wurde Elias Vater. Francescas Sohn, der in der Klinik im Bettchen neben seiner süßen Tochter lag, war dessen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Gott sei Dank!


© Martina Pfannenschmidt, 2014


gif=Filmriss, Marburg

Kommentare:

  1. Wunderschön Martina, eine echte Martina Liebesgeschichte und glücklicherweise hat er nicht zwei Frauen geschwängert.Ja, ja der Filmriss

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    1. Ich glaube auch, dass er darüber froh war. Obwohl, ich hätte ihm ja auch ein zweites Kind ... Nein, nein! Es soll doch immer gut ausgehen, nicht wahr, liebe Lore!
      LG Martina

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  2. Das ist ja eine herrliche Filmrissgeschichte. Wie gut, dass alles gut ausgegangen ist, ich hatte da so meine Befürchtungen, als Francesca plötzlich mit ihrem Babybauch auftauchte. :)
    Danke für diese schöne Geschichte am Morgen (mal gucken, ob ich mir noch ein wenig Zeit für die anderen Geschichten "stehlen" kann.
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Vielleicht klappt es ja, ein bisschen Zeit dafür zu stehlen. Ja, die Versuchung war da, mit dem 2. Kind. Aber, nein, nein!! So ist es besser. Es reicht, wenn das Leben schwierige Geschichten schreibt! LG und Danke! Martina

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  3. Danke, Martina, für die verwickelte und dann doch entwickelte Geschichte. Du hast es so gut geschrieben, wir mußten denken, daß er ev 2x Vater wird ;)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Ja, ich wollte euch ein bisschen in die 'falsche' Richtung schicken!
      Danke für den Kommentar und LG! Martina

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  4. Das ist eine lustige Geschichte. So kann`s gehen. Die Frauen scheinen ja doch vernünftiger zu sein und den Überblick zu behalten, wie Francesca. Wäre ganz schön dumm gewesen, wenn sie sich mit dem betrunkenem Junggesellen eingelassen hätte.
    LG Elke

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    1. Und nicht auszudenken, was dabei hätte passieren können! ;-)
      Danke für den Kommentar und LG Martina

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  5. Liebe Martina,
    ich mußte schmunzeln, denn dieses Thema mit Filmriss kam gerade zuletzt in einigen Tatorten und Krimis vor, allerdings ging es da nicht so glimpflich ab, wie in Deiner schönen Geschichte :O)
    Ich wünsch Dir noch einen schönen gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Ich glaube, die Autoren der Krimis sind anders 'gestrickt'. Da darf es nicht gut ausgehen. Danke und einen schönen Tag, trotz des trüben Herbstwetters! LG Martina

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  6. Lach... muss der geschwitzt haben.. gern bei dir gelesen heute ..
    Gruß vonner Grete

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    1. Da freut sich die Martina, wenn es der Grete gefallen hat :-)!!!!! LG

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  7. ahhhh ich dahcte auch schon jetzt kommst aber es wurde doch alles gut, eine tolle Geschichte also ich will nicht wissen wie viele so was passiert und in Düsseldorf sah ich viele solche in der Altstadt ihren Junggeseelenabschied feierten mit Kostüme in jodelten betrunkenen Zustand ob Frau oder Mann....
    Lieben Gruss Elke

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    1. Da ist es mir ja wirklich gelungen, euch in eine falsche Richtung zu locken! Das freut mich, denn genau so war es gedacht! LG Martina

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  8. Aaaaah diese Geschichte ist dir mal wieder perfekt und bis zum Schluss spannend aus der Feder gehüpft !!
    Da hatte der arme Kerl doch echt Schwein gehabt *hihi*
    ;o) .....

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    1. Ich danke dir sehr herzlich für deinen Besuch bei mir, die viiieeelen überaus netten Kommentare und freue mich, wenn du wieder einmal bei mir vorbei schaust. Ne, quatsch, du sollst schon hinschauen, sonst macht es ja gar keinen Sinn!!! Bis dann - in große Vorfreude! Martina

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    2. Aaaaaah du hast recht, hab mal versucht mit `vorbeischauen`und hab so im Augenwinkel noch ganz leicht was lesen können *tss
      Hinschauen ist doch wirklich die viiiiieeeeel bessere Version !!
      Währe dies nicht wieder ein gutes Thema : Redenswendungen (wie deine eben mit vorbeischauen)
      <3lichste Grüße von mir ;O)

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