Dienstag, 5. August 2014

Schleimspur

Vor ein paar Wochen telefonierte ich mit Silvi –
wir haben uns hier in der Welt der Blogs gefunden.
Es ist spannend, wenn man den Menschen dahinter 
näher kennen lernt und persönliche Dinge erfährt.
Silvi erzählte mir von einer Begebenheit,
die ich hier in dieser Geschichte verarbeitet habe.
Sie hat mit einem Tier zu tun – einem ziemlich kleinen!
Und das sind die Reizwörter hinter dieser Geschichte:

Hände – Weg – fasziniert – ahnen – lustig
Samstagabend, 23.00 Uhr! Lisa lag an diesem lauen Sommerabend mutterseelenallein in ihrem Bett. Der Mond stand groß und rund am Himmel und schaute durchs Fenster ins Schlafzimmer hinein.
„Hallo Mond“, sagte Lisa, „ich finde es nett, dass du mir Gesellschaft leistest. Ich bin im Moment nämlich solo. Der liebe Henrik hat die Flucht vor mir ergriffen, als ich ihm etwas von Familie und Ring am Finger erzählt habe. Weißt du, immer wieder falle ich auf diese Typen herein, die an keiner festen Beziehung Interesse haben. Was meinst du, können wir zwei nicht einen Deal machen? Du bist doch viel näher am Himmel, als ich. Kannst du den lieben Gott nicht bitten, dass er mir einen Mann schicken soll, mit dem ich eine Familie gründen kann?“
Der Mond blieb stumm, wie ein Fisch. Zu blöd. Ja, sie war einfach zu blöd, den richtigen Mann zu finden. Aber heute Abend konnte sie sich keinen mehr backen. Deshalb drehte sie sich auf die Seite, murmelte noch „Gute Nacht, Mond“, und schlief bald darauf ein.
Am nächsten Morgen stand sie ausgeschlafen und gut gelaunt auf. Sie bereitete sich ein leckeres Frühstück, das sie auf dem Balkon einnahm. Im Radio lief ihr Lieblingslied und sie saß im Sonnenschein. Dennoch überkam Lisa eine große Leere. Sie hätte gerne diesen Moment mit Henrik geteilt - und dann war er wieder da, dieser Schmerz, der sich immer dann einstellte, wenn sie an ihn dachte.
Doch Lisa war kein Mensch, den traurige Gedanken herunterziehen konnten. Sie schaffte es immer wieder, sich aufzurichten. Das Wetter war viel zu schön, um wie ein Trauerkloß herumzusitzen. Sie machte sich hübsch, schnappte sich den Autoschlüssel, öffnete das Dach ihrer alten grünen Ente und fuhr los – einfach so. Sie hatte Badesachen im Gepäck. Vielleicht führte sie ihr Weg an einem See vorbei, dann könnte sie eine Runde schwimmen gehen. Die Straße, die sie befuhr, führte sie direkt ins Grüne. Eine herrliche Landschaft umgab sie. Sie hatte es nicht eilig und deshalb befuhr sie diese Nebenstrecke, um die anderen Autofahrer nicht zu behindern. Heute war ihr nach Oldies. Schnell war ein entsprechender Sender gefunden und sie sang lautstark mit.
Michael hüpfte an diesem Sonntagmorgen gut gelaunt aus dem Bett. Das Wetter entsprach absolut seiner guten Laune. Nach dem Frühstück würde er sein neues Cabrio zum ersten Mal offen fahren können. Schade nur, dass niemand auf dem Beifahrersitz saß, aber das würde sich bestimmt bald ändern. Mit dem Auto hatte man bei den Frauen sowieso schon gewonnen – und außerdem war er ein Siegertyp - auf der ganzen Linie.
Vor kurzem hatte er sich von Matilda getrennt. Sie hatte zu sehr geklammert und dann noch von Familie gesprochen. Da hatte er die Flucht ergriffen. Er war noch jung, wollte sein Leben genießen und sich nicht durch einen Ring am Finger den Spaß nehmen lassen. Als er das Haus verließ und sich sportlich in sein ebenso sportliches Fahrzeug schwang, ahnte er noch nicht, dass es bald zu einer schicksalhaften Begegnung mit einer Ente kommen würde. Entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit fuhr er heute nicht schnell. Im Radio liefen Oldies, die er zwar mochte, doch das hätte er anderen gegenüber niemals zugegeben. Da ihm irgendwie nach einer grünen Landschaft zumute war, entschied er, eine Nebenstraße zu nehmen.

‚Ach Gott, sooooo langsam muss man nun auch wieder nicht fahren’, dachte er, als eine grüne Ente mit dem Aufkleber ‚Ich bremse auch für Tiere’ vor ihm auftauchte. ‚Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen’ drang es aus dem Radio an sein Ohr. Gut, dass das niemand aus seinem Freundeskreis hören konnte. Das wäre doch sehr peinlich geworden. Irgendwie war es aber auch lustig, denn vor ihm fuhr tatsächlich ein junges Mädchen. Ob es hübsch war, konnte er noch nicht erkennen. Er würde mal eine Weile hinter ihr her fahren. Mal sehen, vielleicht ergab sich da ja noch etwas.
‚Meine Güte, warum überholst du mich denn nicht’, dachte Lisa, als sie den jungen Mann in seinem schicken Cabrio hinter sich herfahren sah. Der Blick in den Rückspiegel zeigte ihr, dass er ganz und gar ihrem Typ entsprach. Doch im selben Moment schalt sie sich: ‚Dumme Pute, dass ist doch auch nur wieder so ein Angeber, der es nicht ernst meint. Nein, nicht noch einmal. Ich werde auf keinen Fall noch einmal auf einen solchen Mann hereinfallen.’ Als sie den Blick vom Rückspiegel wieder auf die Straße lenkte, sah sie eine ganze Familie Weinbergschnecken beim Sonntagsausflug. Sie überquerte in diesem Moment die Straße und deshalb trat Lisa voll auf die Bremse. 
Rumms!
„Sind sie von allen guten Geistern verlassen“, schimpfte der Schnösel im Cabrio hinter ihr und stand schon an seiner Motorhaube, um sich den Schaden anzuschauen.
„Es ist doch gar nichts passiert“, meinte Lisa lapidar. „Die kleine Schramme dort an der Stoßstange wird wohl nicht so schlimm sein.“
„Nicht so schlimm sein? Den Schaden ersetzen sie mir“, wetterte Michael, „der Wagen ist nagelneu. Wissen sie, wie viel Geld er mich gekostet hat?“
„Nein, weiß ich nicht“, erwiderte Lisa schnippisch, „und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Und dass ich Ihnen den Schaden ersetze, dass können Sie sowieso vergessen. Schließlich sind Sie mir hinten drauf gefahren.“
„Jetzt auch noch frech werden, na das hab ich gerne“, schimpfte Michael zurück. „Darf ich mal fragen, weshalb Sie überhaupt so abrupt gebremst haben, ich kann weit und breit keinen Grund erkennen!“
Erst dann fielen Lisa die Weinbergschnecken wieder ein und sie machte sich auf die Suche nach ihnen. In der Zwischenzeit waren sie schon einige Zentimeter vorangekommen. „Schauen Sie nur“, bat sie dann Michael, „sind das nicht ganz faszinierende Wesen?“
Michael schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Nun sagen sie bitte nicht, dass diese blöden Schnecken der Grund sind, weshalb Sie gebremst haben. Es kann doch nicht wahr sein, dass mein Auto wegen dieser, eine Schleimspur hinterlassenden Klopse, jetzt eine Schramme hat.“
„Doch“, triumphierte Lisa, „genau sie sind der Grund für meine Vollbremsung, denn es handelt sich hierbei um Lebewesen, falls Ihnen das etwas sagt. Verstehen Sie mich? Diese Tiere leben – noch -, weil ich nämlich gebremst habe. Was ist schon so ein kleiner Kratzer auf totem Material gegen diese Lebewesen, denen wir heute gemeinsam das Leben gerettet haben.“ Sprach es, nahm jede einzelne Schnecke von der Straße auf und setzte sie ins Gras.
Ein Jahr später sah man einen Mann und eine Frau am Tisch eines Restaurants sitzen. Nach dem Dessert holte der Mann ein kleines Schächtelchen aus seiner Jackentasche und legte es neben das Weinglas der Frau.
„Soll ich es öffnen?“, fragte sie ihn und er nickte.
Darin befand sich das Gehäuse einer Weinbergschnecke, das er zufällig bei einem Spaziergang gefunden hatte. Sie nahm es vorsichtig aus der Schachtel. In der Öffnung steckte ein kleiner Zettel. Den nahm sie heraus und las: ‚Willst du meine Frau werden?’
Sie sah den Mann an, lächelte und sagte: „Ja!“

© Martina Pfannenschmidt, 2014


Hier geht es weiter zu den anderen Geschichten. Ihr lest sie bei
Regina, Lore und Eva!!!


Kommentare:

  1. Ach wie schön, einen tag mit so einer lieben Geschichte zu beginnen, das ist ganz nach meinem Geschmack, liebe Martina!
    Vielen Dank und liebe Grüße
    Regina

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    1. Was würde meine Nichte sagen? Rosamunde Pilcher lässt grüßen!
      Vielen Dank für deinen Kommentar und liebe Grüße! Martina

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  2. Was Weinbergschnecken doch so alles bewirken können, schöne Geschichte.
    LG Elke

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    1. Manchmal schickt der Zufall Weinbergschnecken :-)! LG Martina

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  3. Wunderschön romantisch, danke Martina!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Die Geschichte habe ich speziell für Romantiker geschrieben! :-)
      LG Martina

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  4. Das ist ja eine schöne Geschichte , und sogar mit doppeltem Happyend .
    GLG Jani

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    1. Du hast absolut recht. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht!
      Es ist für die Tiere und die Menschen gut ausgegangen - jetzt wo du es sagst!
      LG Martina

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  5. Herrlich, die Geschichte, liebe Martina!
    Wundervoll und so romantisch!
    Ich wünsch Dir einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Wir Frauen scheinen da ein Gen mehr als die Männer zu haben :-) -
      ein Romantik-Gen! LG Martina

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  6. Ach jöööö, wie schön ist das denn bitte?!?
    So eine süsse Geschichte!! Aber ganz so romantisch lief es bei mir nicht ab ;-)
    Hach, jetzt hab ich mich in die Geschichte verliebt! Danke :-)

    Liebste Grüsse,
    Silvi

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    1. Es ist sozusagen 'deine' Geschichte - auch wenn sie nicht so romantisch verlief, so hat sie mich doch inspiriert! LG Martina

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  7. Bin eine Romantikerin, zwar schon eine Alte, trotzdem vielen Dank für die Liebesgeschichte liebe Martina. Liebe Grüße von Gerda Reichhart

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    1. Liebe Gerda, man ist so alt, wie man sich fühlt, heißt es und ich habe das Gefühl, dass du im Herzen noch sehr jung geblieben bist und das finde ich richtig schön! Danke, dass du bei mir liest und für den Kommentar und liebe Grüße! Martina

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  8. Was für eine schöne Geschichte, ich liebe solche" Rosamund Pilcher" Geschichten. Bin begeistert und musste grinsen über die Schleimspur hinterlassenden Klopse!
    Ach wie schöööön!
    Claudia bleibt noch bis Sonntag, dann melde ich mich wieder bei dir, fröhliche, romantisch verklärte Grüße, Lore

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    1. Ich glaube ja, wir Frauen haben 1 Gen mehl, als die Männer. Das Romantik-Gen sozusagen! Hab noch eine schöne Zeit mit Claudia! Bis dann! Martina

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