Dienstag, 22. Juli 2014

Immer wieder kommt ein neuer Frühling …

Nicht nur die Wörter
Baum und Sturm
mussten in dieser Geschichte vorkommen, sondern auch noch diese drei:
knacken – ruhig – laufen

Die Eiche seufzte tief, denn sie trug schwer an dem Schnee, der auf ihren Ästen lag. Sie wusste nicht, wie lange sie schon an ihrem Platz stand, doch es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Das Schlimmste jedoch war, dass ihr das Leben völlig sinnlos erschien. Sie war zu nichts nutze und stand einfach nur so herum.
Der Baum wusste, dass nach diesem strengen Winter auch wieder ein Frühjahr kommen würde, so wie es immer wieder geschah, doch das konnte ihn in diesem Jahr nicht trösten. Er sah einfach keinen Sinn mehr in seinem Leben und so entschied er, im kommenden Frühling keine neuen Blätter auszutreiben.
Seither waren einige Monate vergangen. Alle Bäume, die die Eiche umgaben, trieben frische grüne Blätter aus, die sie ehrfurchtsvoll der Sonne entgegenstreckten, nur bei der Eiche tat sich nichts.
Das Eichhörnchen, das den Winter über in seinem Kobel hoch oben in der Krone der Eiche verbracht hatte, schaute sich überrascht um. „Hier stimmt doch etwas nicht“, sagte es mehr oder weniger zu sich selbst. „Mein Geheimversteck wird keines mehr sein, wenn die Eiche keine neuen Blätter austreibt. Oh nein, dann muss ich mir ein neues Zuhause suchen.“
Auch die Vögel flatterten aufgeregt umher. „Warum treibt die Eiche keine neuen Blätter aus, damit unsere Nester vor Wind und Wetter geschützt werden?“, fragten sie sich aufgeregt.
Eine Maus, die zwischen den Wurzeln des alten Baumes lebte, hörte das unruhige Treiben und schaute aus ihrem kleinen Loch hervor. Auch sie erschrak. Wenn die Eiche keine Blätter mehr tragen würde, wäre sie schutzlos den Blicken ihrer Feinde ausgeliefert. Auch sie müsste sich ein neues Zuhause suchen.
„Was sollen wir nur tun?“, rief das Eichhörnchen von hoch oben dem Dammwild zu, das sich unten vor der Eiche versammelt hatte. „Wenn die Eiche stirbt, dann wird es im Herbst auch keine Eicheln für uns mehr geben und wir müssen im Winter verhungern“, gab es zu bedenken.
„Das wäre wirklich schlimm“, bestätigte der Hirsch. „Lasst uns überlegen, was zu tun ist.“
„Wir sollten den Specht benachrichtigen“, schlug die Kohlmeise vor. „Er könnte ganz vorsichtig bei der Eiche anklopfen und wir könnten nachfragen, was los ist.“
Das war eine gute Idee und eine kurze Zeit später tat der Specht, worum er gebeten worden war. Klopf, klopf! Die Eiche reagierte jedoch nicht. „Versuch es noch einmal“, piepste das Mäuschen, "ich habe dich hier unten auch nicht vernommen“. Klopf, Klopf! Jetzt regte sich die Eiche. Sie hatte vor lauter Traurigkeit gar nichts von dem Treiben in ihren Ästen bemerkt. Dann sah sie auch den Hirsch, den sie schon so lange kannte. „Was macht ihr denn alle hier?“, fragte sie dann erstaunt.
„Liebe Eiche“, nahm nun der Eichelhäher würdevoll das Wort, „wir sind besorgt. Du hast noch keine neuen Blätter ausgetrieben, so wie alle anderen Bäume und nun machen wir uns Sorgen um dich.“
Das verwunderte die Eiche. Die Tiere machten sich Sorgen um sie?
„Wisst ihr“, antwortete sie dann ruhig, „ich habe schon so viele Stürme überstanden und so viele Winter und nun frage ich mich, wozu das Ganze? Mein Leben ist so sinnlos.“
„Aber was sagst du denn da!“, rief das Eichhörnchen bestürzt, denn es konnte nicht glauben, was es gerade gehört hatte.
„Wir brauchen dich doch alle“, erklärten dann die gefiederten Sänger. „Du gibst uns unter deinem Blätterdach ein Zuhause und als Dank sorgen wir dafür, dass die Raupen nicht deine Blätter wegfressen. Und vergiss nicht unser morgendliches Konzert, das wir auch für dich aufführen.“
„Und wie sollen wir ohne deine Eicheln den Winter überstehen?“, fragten die Tiere. „Wir müssten Hunger erleiden. Ohne dich geht es gar nicht.“
Das Eichkätzchen lief am Stamm des Baumes herunter und gesellte sich zu den anderen Tieren, die sich am Waldboden versammelt hatten.
„Ich sitze schon so viele Jahre im Schatten deiner Blätter hier unten an deinem Stamm und knacke meinen Vorrat, den ich dir zu Füßen gebettet habe“, gab es dann der Eiche zu bedenken „und ich bin dem lieben Gott sehr dankbar, dass er dich genau hierher gestellt hat. Denkst du denn gar nicht darüber nach, dass du uns alle in ein tiefes Unglück stürzt, wenn du nicht mehr leben möchtest und wie wertvoll du für uns bist?“
Da schämte sich die Eiche. Nun war sie schon so alt geworden, doch weise war sie wohl nicht. Die Tiere hatten Recht. Sie war undankbar. Sie erinnerte sich wieder daran, wie sehr sie immer das Konzert der Vögel am Morgen erfreut hatte und wie schön es war, ihnen Schatten bieten zu können und wie kostbar, zu leben.
Und dann meldete sich Mutter Erde bei ihr.
„Schau, du bist aus mir hervorgegangen", sprach sie in ihrer großen Weisheit. " Viele Jahrzehnte gab ich dir alles, was du brauchtest zum Leben. Ich erlaubte dir, deine Wurzeln tief in mir auszubreiten, gab dir Nahrung und du konntest deinen Durst stillen mit dem Wasser, das ich dir zur Verfügung stellte. Dies alles tat ich auch, damit du den Tieren ein zuhause geben konntest und Nahrung für den Winter. Hast du denn das alles vergessen?“
Da begann die Eiche zu weinen. Ihre Äste zitterten und Tränen rannen an ihrer Rinde herab und benetzten das Moos, das sich zu ihren Füßen gebildet hatte und dort glänzten sie, wie der Tau am Morgen.
„Verzeiht mir bitte“, sagte der Baum mit bebender Stimme und in seinem Inneren regte sich eine große Freude und die ersten hellgrünen Spitzen neuer Blätter zeigten sich.
„Hurra“, riefen die Tiere, „die Eiche treibt ihre Blätter wieder aus!“
Und sie freuten sich ehrlich für sich selbst aber auch für die Eiche und alle wussten: Es ist Frühling!

© Martina Pfannenschmidt, 2014


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Kommentare:

  1. WOW, was für eine schöne Geschichte - Gänsehaut pur, denn da steckt so viel drin, was sich vom Baum auf den Menschen 1:1 übertragen lässt. Klasse, liebe Martina, dickes Kompliment von mir und danke!
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Liebe Regina, manchmal gelingt uns eine Geschichte, die andere zum Lachen oder Nachdenken bringt, dann freut uns das - sehr sogar. Doch wenn es uns gelingt, bei anderen eine Gänsehaut zu erzeugen, ja dann sind wir stolz! Vielen Dank für diesen Kommentar 'von höchster Stelle' und liebe Grüße! Martina

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  2. Liebe Martina,
    die Geschichte ist einfach nur wunderschön!
    Ich wünsch Dir einen schönen Tag und eine schöne Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Liebe Claudia, ich danke dir sehr, dass du immer wieder bei mir vorbeischaust und meine Geschichten liest und kommentierst! Danke! LG Martina

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  3. Kann ich mir nur anschließen, einfach wunder.- wunder - wunderschön, es steckt soviel Natur in dieser Geschichte und auch mir wurde beim Lesen erst bewusst, wie wichtig die Bäume mit ihren Blättern sind und wie weise Mutter Erde sich alles ausgedacht hat.Wie bei einem Zahnrädchen läuft in der Natur alles zusammen, alles hat seinen Sinn.
    Auch von mir ein ganz dickes Lob, schön war sie, deine Geschichte, LGLore

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    1. Wie gerne stecke ich dieses Lob von dir ein, liebe Lore! Es bedeutet mir sehr viel, wenn ihr Mitschreiber, wie du einmal so gelungen geschrieben hast, die mir so viel an Erfahrung voraus habt, meine Geschichten lobt und für gut befindet! Danke! Martina

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  4. Eine sehr schöne Naturgeschichte, gefällt mir sehr gut. Du hast alle Zusammenhänge so gut erklärt. Das versteht jedes Kind.
    LG Elke

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  5. Danke, liebe Elke, fürs Lesen und den Kommentar!
    Einen schönen Nachmittag wünsche ich dir!
    Martina

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  6. Danke, eine wundervolle Geschichte ganz nach meinem Geschmack, perfekt :)

    Alles Liebe
    Eva :)

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  7. Liebe Eva, schön, dass meine Geschichte deinen Geschmack trifft.
    Das freut mich wirklich. Doch perfekt ist sie sicher nicht, aber bemüht
    habe ich mich :-)! LG Martina

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