Dienstag, 13. Mai 2014

Jeder ist seines Glückes Schmied

Eine weitere Reizwortgeschichte
mit den Wörtern
Perlen – Zeit – glücklich – schweigen - träumen
lest ihr bei Eva - Lore - Regina!!


Es war 5.30 Uhr in der Frühe, als Annette und Jens gemeinsam schweigend am Frühstückstisch saßen. Sie schmierte wortlos die Brote, die ihr Mann dann später ebenso wortlos in seine Arbeitstasche legen würde. Die Kinder schliefen noch. Annette würde sie wecken, sobald Jens das Haus verlassen hatte. Alles verlief so wie immer. Sie hing in dieser Stille ihren Gedanken nach, während ihr Mann ausgiebig in der Zeitung las. 
Wie schnell doch die Zeit verging. Ziemlich abgedroschen klang das, doch es war ja wirklich so. Zuerst war man frisch verliebt, hatte die rosarote Brille auf, irgendwann trug man dann einen Ring am Finger. Zuerst war sie so stolz darauf gewesen, doch inzwischen empfand sie ihn manchmal als Fessel. Das war sicher ungerecht. Sie hatte doch alles, was sie sich immer ersehnt hatte. Schon als kleines Mädchen hatte sie den Wunsch verspürt, einmal zu heiraten und Kinder zu haben. Sogar ein Haus hatten sie gebaut. Jens verdiente gut, so dass sie nicht mitarbeiten musste – und doch. Manchmal empfand Annette ihr Leben als furchtbar langweilig. Tagein, tagaus der gleiche Trott. Von Zeit zu Zeit dachte sie darüber nach, aus dieser scheinbaren Idylle ausbrechen zu wollen. Doch dass ging ja nicht – schon wegen der Kinder und was würden die Nachbarn dazu sagen. Aber eigentlich war dass ja auch nur furchtbar, dass man sich davon abhängig machte, was andere Leute von einem dachten.
Annette wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn Jens stand von seinem Stuhl auf, nahm die geschmierten Brote und legte sie in seine Tasche, sagte ‚Tschüß’ und verließ die Küche. Dass seine Frau ihm schon lange darauf nicht mehr antwortete, schien er gar nicht zu bemerken. Früher, als die Kinder noch klein waren, da hatte er seine Frau noch in den Arm genommen und zum Abschied geküsst, doch das war lange her.
Kurz darauf weckte Annette die Kinder. Sascha und Luka waren morgens auch noch nicht besonders gesprächig. Auch sie saßen ziemlich still am Tisch und warteten auf ihre Brote, die ihre Mutter auch für sie schmierte, um sie dann in ihren Schultaschen zu verstauen.
‚Geht so Familie?’, fragte sich Annette. Was wäre eigentlich, wenn sie einfach umfallen würde und Tod wäre – oder wenn sie bei einem Autounfall ums Leben käme oder wenn sie einfach so ginge?
Als sie ihre Kinder an der Haustür verabschiedet hatte, ging sie zurück in die Küche für eine weitere Tasse Kaffee – ein bisschen gestohlene Zeit, um über ihr Leben nachzudenken.
Sie räumte die Küche auf, betrat anschließend das Bad. Wie immer sah es dort aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Auf dem Waschbeckenrand lag eine offene und total zerdrückte Zahnpastatube. Die beiden Spiegel waren über und über mit kleinen Wasserspritzern versehen, die weiße Flecken hinterließen, wenn man sie nicht sogleich entfernte. Der Toilettendeckel stand hoch und die Handtücher lagen wahllos herum. Was, wenn sie es einfach so ließe? Was würden ihre ‚Männer’ dann sagen? Anstatt das Chaos wie immer zu beseitigen, drehte sie sich um und ging in das Zimmer von Luka. Auch hier sah es aus wie immer. Schmutzige Wäsche lag neben sauberer. Er hatte es nicht für nötig befunden, die T-Shirts, die sie ihm gestern gewaschen und gebügelt in sein Zimmer gelegt hatte, in seinen Schrank zu räumen. Bücher, CD’s und Hefte lagen auf dem Boden verstreut. Das gleiche Bild bot sich ihr im Zimmer von Sascha. Annette schloss einfach die Türen, ohne aufzuräumen oder die Betten zu machen. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer, nahm den Koffer vom Schrank und legte einige Sachen hinein. Anschließend verstaute sie das Gepäckstück in ihrem kleinen Auto. Ihr Handy legte sie auf den Küchentisch. Dann fuhr sie zur Bank und hob eine beträchtliche Summe Geld ab. Danach stand sie im Flughafengebäude am Last-Minute-Schalter und buchte eine Reise für eine Person. Als sie später im Flugzeug saß und lächelnd nach unten schaute, … erwachte sie aus ihrem Tagtraum. Schnell sprang sie auf – es musste noch so viel erledigt werden.
Eine kurze Zeit später hörte sie die Haustür. Hatte sie so die Zeit vergessen? Sollten etwa ihre Jungs schon nach Hause kommen? Dann stand plötzlich Jens in der Tür mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Annette war irritiert.
„Ist heute …?“, stotterte sie dann.
„Ja, mein Schatz“, antwortete Jens gut gelaunt, „wir feiern heute unseren 15. Hochzeitstag und das solltest du wirklich wörtlich nehmen.“ Stolz wie ein kleiner Junge überreichte er ihr den riesigen Rosenstrauß und sagte etwas verlegen: „Annette, du bist das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte. Auch wenn ich dir das nicht immer so gezeigt habe, mein Leben wäre ohne dich einfach nichts.“
Annette schloss für einen kurzen Moment die Augen. Träumte sie immer noch ihren Tagtraum oder war dass Realität?
„Die Kinder gehen heute von der Schule aus zu deiner Mutter und werden dort auch über Nacht bleiben“, verkündete Jens weiter. „Lass einfach alles stehen und liegen und komm mit. Wir machen uns einen ganz schönen Tag. Lass dich einfach überraschen.“
Annette war sprachlos und hatte sogleich ein schlechtes Gewissen. Gerade eben hatte sie in ihren Gedanken noch ihre Familie verlassen – und jetzt. War sie denn von allen guten Geistern verlassen?
Sie lief ins Bad, legte ein leichtes Make-up auf und zog sich um. Dann packte sie schnell eine kleine Tasche. Sie war aufgeregt, wie ein kleines Mädchen. Bevor sie das Haus verließen, überreichte ihr Mann Annette noch ein kleines Schächtelchen. Sie öffnete es vorsichtig und darin lagen zwei Ohrringe mit jeweils einer weißen Perle, die aussahen wie Tränen. Annette war gerührt.
„Ich weiß“, sagte ihr Mann dann, „dass es für dich nicht immer einfach ist mit mir, doch du darfst niemals an meiner Liebe zu dir zweifeln. Wenn ich mal wieder ein Trottel bin, dann sag es mir einfach.“
Annette nahm Jens in den Arm und küsste ihn zärtlich. „Mach ich“, sagte sie nur und Tränen schwangen in ihrer Stimme mit.
Als sie kurze Zeit später neben ihm im Auto saß, dachte sie an das bekannte Sprichwort: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“
Sie würde ab sofort alles dafür tun, dass ihr Leben und das ihrer Familie glücklicher würde und das bedeutete, dass sie mit allen sprechen und ihnen sagen müsste, was sie bedrückte, denn ihr wurde klar, dass ihre ‚Männer’ gar nicht ahnten, wie es wirklich in ihr aussah. Und noch eines wurde ihr bewusst. Man sollte niemals darauf hoffen, dass sich andere Menschen verändern. Andere konnte man nicht verändern, doch sich selbst, seine Gedanken und Handlungsweisen konnte man sehr wohl und jederzeit ändern – man musste es nur wollen und tun.


© Martina Pfannenschmidt, 2014

Kommentare:

  1. Es hat geklappt, ich kann jetzt das mit dem verlinken, hurra, Eva hat wohl ihre Geschichte noch nicht geschrieben? Wünsche dir einen schönen Tag, Lore

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    1. Herzlichen Glückwunsch, Lore! Doch, Eva war sogar die Allererste! Bis dann! Martina

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  2. Ein sehr interessanter Zugang und eine tolle Geschichte, liebe Martina, danke dafür!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Ja, verlinken klappt bei mir jetzt auch (wieder).. Das Vordatieren klappt nicht ...
      Und das Kommentieren auch nicht, daher anonym ;)
      Wird schon noch werden :)

      Alles Liebe
      Eva :)

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  3. Eine wunderschöne Geschichte - ich denke sie ist wahr.
    Vor allen Dingen das Ende wunderschön.
    LG Christa

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  4. Liebe Martina,
    ich kann mich nur anschliessen, die Geschichte hat mir auch wieder sehr gut gefallen!

    Ach ja, schick mir doch bitte per Email Deine Anschrift, damit ich Dir Dein LoveMag zuschicken kann :O)

    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke, Claudia, dass du immer wieder bei mir liest und auch für die Kommentare!
      Vielen Dank! LG Martina

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  5. Die Geschichte könnte sich so tausendfach zutragen, denn es wird zu wenig miteinander geredet.
    Noch dazu ist "Reden" etwas, was die meisten Männer leider nicht können oder wollen.
    LG Elke

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    1. Mein Mann gehört auch eher zur Gattung der 'Schweiger', wobei es unter den Männern natürlich auch genügend 'Schwätzer' gibt - und ganz ehrlich: die, die ich kenne, die nerven damit ganz furchtbar. Da habe ich lieber einen Schweiger zu Hause! ;-)
      LG Martina

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  6. Liebe Martina,
    eine ganz wunderschöne Geschichte. Lebensecht - so könnte von vielen das Leben verlaufen.
    Manchmal bedarf es eines kleinen Anstoßes und man kann sein Leben ändern. Man muss
    das Glück sehen und beim Schopfe packen. Ich gebe dir Recht: Mir war mein Mann, der große Schweiger auch lieber als jeder Schwätzer oder Aufschneider.
    Nochmals danke für diese Erzählung.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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    1. Dankeschön, liebe Irmi - auch dafür, dass du immer ein nettes Wort zu meinen Geschichten findest. Einen schönen Abend auch dir! Martina

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