Dienstag, 4. März 2014

Das Mädchen und der Leuchtturm


So, hier ist sie, meine bereits gestern angekündigte 
1. Reizwörter-Geschichte. 
Und das sind/waren die 5 'Reizwörter':
Leuchtturm – Schmetterling – genügen – beweisen – natürlich

Heute herrschte ein mächtiger Wind. Er pfiff über die kleine Insel hinweg und brachte das Meer zum Brausen. Ein bekanntes Geräusch für Isabella, die über ihren Hausaufgaben brütete. Sie liebte diese Tage, wenn die Natur zeigte, dass sie sich vom Menschen nicht bändigen ließ.
Isabella erhob sich von ihrem Platz und ging zum Fenster. Von dort aus konnte sie den Leuchtturm sehen. Ihn brachte auch der stärkste Wind nicht ins Wanken.
Manchmal, wenn Isabella traurig war, ging sie zu ihm. Die Kraft und Stärke dieses monumentalen Bauwerks taten ihr gut. Gerade gestern war sie wieder dort gewesen und hatte ihm von ihrer Traurigkeit erzählt. Schade, dass er nicht sprechen konnte. Er könnte ihr bestimmt viel erzählen von dem, was er schon alles erlebt hatte, denn er stand schon sehr lange an seinem Platz und tat, was er tun musste. Ob er wusste, dass er ein Wahrzeichen der Seefahrt war? Nachts sendete er geheimnisvolle Lichtzeichen über das Meer und tagsüber stand er majestätisch an seinem Platz und bewachte die Insel.
„Isabella, warum stehst du am Fenster und trödelst herum?“, wurde sie plötzlich von ihrer Mutter aus ihren Gedanken gerissen „du weißt, Papa mag es nicht, wenn du noch an deinen Hausaufgaben sitzt, wenn er von der Arbeit kommt. Beeil dich bitte.“
Schon hatte ihre Mutter das Zimmer wieder verlassen. Tränen traten in Isabellas Augen. Warum war ihr Vater nur so verbittert in letzter Zeit? Gestern hatte es wieder einmal einen Streit zwischen ihren Eltern gegeben. Das Kind hatte nicht genau verstanden, worum es gegangen war.
„Warum genüge ich dir denn nicht mehr?“, hatte ihre Mutter ihren Vater gefragt. ‚Genügen’ – ein komisches Wort. Isabella hatte es nie zuvor gehört. Sie wusste gar nicht, was es bedeutete. Dann hatte ihre Mutter geweint. Ob sich ihre Eltern gar nicht mehr liebten und vielleicht sogar trennen würden? Und was, wenn sie der Grund dafür war? Das Mädchen musste die ganze Sache mit seinem Leuchtturm besprechen. Nachdem es seine Hausaufgaben erledigt hatte, lief es schnell zu ihm.
Isabella setzte sich zu seinen Füßen und erzählte ihm von ihren Sorgen - so, wie sie es gestern auch schon getan hatte. Es tat so gut, einen Ort zu haben, wo man seine Probleme ablegen konnte. Als sie sich wieder auf den Heimweg machte, ging es ihr schon besser.
Ihr Vater war inzwischen nach Hause gekommen. Hoffentlich war er heute besser gelaunt.
Als Isabella die Haustür öffnete, hörte sie, wie ihr Vater ihre Mutter anschrie: „Jetzt hör endlich auf mit deiner grundlosen Eifersucht. Wie soll ich dir denn beweisen, dass es keine andere Frau in meinem Leben gibt? Aber wenn du so weiter machst, dann treibst du mich regelrecht in die Arme einer Anderen.“
Dann war er aus dem Zimmer gestürmt und an Isabella vorbei gerannt, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Wieder überkam sie diese große Traurigkeit, von der Isabella glaubte, sie dem Leuchtturm übergeben zu haben.
Die Tage zogen ins Land. Heute war es freundlich und sonnig. Isabella saß wieder an ihrem Leuchtturm, als sich ein blauer Schmetterling auf die gelbe Blüte eines Löwenzahnes setzte, der direkt aus einer Fuge neben ihr heraus gewachsen war.
„Hallo, Schmetterling!“, begrüßte sie ihn freundlich. „Du bist aber hübsch!“ Er erhob sich und flatterte vergnügt um das Kind herum. „Möchtest du mir etwas sagen?“, fragte sie ihn.
„Ich möchte dir sagen“, sprach er dann mit zarter Stimme, „dass du dir keine Sorgen mehr machen sollst. Deine Eltern werden sich nicht trennen, dafür lieben sie sich zu sehr. Du wirst sehen, bald werden all deine Probleme der Vergangenheit angehören.“
Hatte sie das gerade geträumt? Schmetterlinge die sprechen konnten, die gab es doch gar nicht. Noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten ging sie nach Hause. Zögerlich öffnete sie die Tür. Hoffentlich stritten ihre Eltern nicht schon wieder. Doch es war still. Auffallend still.
Als Isabella die gemütliche kleine Küche betrat, lagen sich ihre Eltern in den Armen. Das Herz des Mädchens hüpfte vor Freude.
„Isabella!“, rief ihr Vater vergnügt. „Komm näher, mein Kind. Deine Mutter hat eine große Überraschung für uns.“
Eine Überraschung, dachte Isabella. Was wird das sein?
„Isabella“, sagte ihre Mutter und ihre Stimme klang sanfter, als in den Tagen zuvor, „du bekommst ein Geschwisterchen. Der Arzt hat es mir heute bestätigt. Ich bin schwanger.“
Das Mädchen konnte sein Glück kaum fassen. Jetzt würde alles gut. Der Schmetterling hatte es ihr prophezeit.
„Freust du dich?“, fragte ihre Mutter.
Natürlich freue ich mich“, rief Isabella aus. „Sehr sogar!“
Dann lief sie zu ihren Eltern und umarmte sie.
Gleich morgen wollte sie zum Leuchtturm gehen und ihm von ihrer großen Freude erzählen.



Und hier kommen die beiden Links zu den anderen Geschichten:
Lores Geschichte lest ihr hier! Und die von Regina hier!

© Martina Pfannenschmidt, 2014


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    was für eine schöne und anrührende Geschichte! Wunderbar geschrieben! Nun bin ich gespannt, wie Regina und Lore die Reizwörter interpretiert haben :O)
    Ich wünsche Dir einen schönen und fröhlichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke für's Lesen und den lieben Kommentar. Ich habe sie auch gerade noch einmal gelesen, die beiden anderen Geschichten. Gott sei Dank sind wir keine 'Konkurrentinnen', sondern Freundinnen geworden - durch das Schreiben - und das finde ich einfach großartig. Und diese Aktion sowieso!
      Liebe Grüße zurück! Martina

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  2. Ich habe gerade alle 3 Geschichten gelesen. Sie sind ale wunderschön. Durch die vorgegebenen
    Worte sind auch gewisse Paralelen da., und doch ist jede anders. Vielen Dank euch allen und
    macht weiter so. Ich freue mich auf die nächsten Geschichten. Christa

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    1. Danke, Christa! Am kommenden Dienstag stellen wir die nächste Geschichte ein. Wir würden uns freuen, wenn du dann wieder bei uns liest! LG Martina

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  3. Liebe Martina,
    eine ganz wunderchöne, zarte Gechichte. Anders kann ich es nicht
    ausdrücken. Alle drei Geschichten haben ihren eigenen Charme.
    Ich möchte auch dich fragen, ob ich diese Geschichte unter deinem
    Namen meinen Lesekindern vorlesen darf.
    Ich freue mich auf die nächsten Geschichten. Es ist richtig spannend.
    Einen schönen Kehraus wünscht dir
    Irmi

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    1. Sehr gerne, liebe Irmi - und auch die nachfolgenden Geschichten darfst du gerne nutzen - vorausgesetzt, sie gefallen dir ;-)! LG Martina

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