Donnerstag, 6. März 2014

Harry und das Gänseblümchen

Als ich gestern meinen Post mit Marienkäfern versah, fiel mir ein, dass ich im vergangenen Jahr eine Geschichte über diesen kleinen Käfer geschrieben habe. Weil sie so toll zum Thema passt, stelle ich sie nun heute für euch - und eure Kinder/Enkel - ein. 

Harry flog über die bunte Blumenwiese. Sein Magen knurrte mächtig, denn er hatte noch nicht gefrühstückt.
Mal sehen, dachte der kleine Marienkäfer, ob hier kleine Blattläuse zu finden sind.
Graziös landete er an einem dicken Grashalm. Flott lief er an ihm herunter und ebenso flott wieder herauf. Keine einzige Laus war zu sehen.
„Komm hier her, kleine rote Halbkugel“, rief jemand.
Harry sah sich um. Dort hinten stand ein kleines Gänseblümchen und winkte mit seinen Blättern.
„Komm hier her“, rief es wieder „an meinem Stängel sitzen Blattläuse“.
Jetzt war dem Marienkäfer klar, dass er gemeint war. Aber wie hatte das Blümchen ihn genannt? Kleine Halbkugel? Das war ja geradezu eine Frechheit. Wie konnte die Blume es nur wagen, ihn, den Glücksbringer der Menschen, eine Halbkugel zu nennen.
Er war sich nicht im Klaren darüber, wie er sich nun verhalten sollte. Ignorieren wäre eine Möglichkeit. Doch die Aussicht auf ein gutes Frühstück ließ ihn eine andere Entscheidung treffen. Er öffnete seine Flügel und machte sich Richtung Gänseblümchen auf den Weg.
Sacht landete er auf dem Kopf der kleinen Blume.
„Ich bin so froh, dass du hier bist“, hörte er sie sagen. „Die kleinen Biester sitzen schon so lange an meinem Stängel. Sie sind wirklich lästig.“
„Ich könnte dir helfen, wenn ich wollte“, schmollte Harry „doch ich weiß noch nicht, ob ich will.“
Beim Anblick der vielen Köstlichkeiten am Stängel des Gänseblümchens lief dem kleinen Marienkäfer das Wasser im Mund zusammen und in seinem Magen grummelte es.
„Hast du denn gar keinen Appetit“, fragte ihn das Blümchen, als der Käfer gar keine Anstalten machte, es von den Läusen zu befreien.
„Ehrlich gesagt, hab ich sogar großen Hunger“, antwortete Harry. „Aber du hast mich beleidigt.“
„Oh, entschuldige bitte, das wollte ich nicht“, sagte das kleine Blümchen und wusste gar nicht so recht, was es falsch gemacht haben sollte.
„Mein Name ist Harry“, stellte sich der rote Käfer nun vor „und ich bin ein Marienkäfer. Wie dir der Name bereits verrät, bin ich nach Maria, der Mutter von Jesus, benannt, was dir zeigen sollte, dass ich etwas Besonderes bin. Außerdem nennen mich die Menschen ‚Glücksbringer’“, stellte Harry mit stolz geschwellter Brust fest.
„Oh, ich bin beeindruckt von deiner Schönheit und deinem Namen“, schmeichelte ihm das Gänseblümchen. „Ich bin nur ein schlichtes Gänseblümchen, was du an meiner gelben Blüte und dem weißen Blütenkranz gut erkennen kannst und ich wäre dir unglaublich dankbar, wenn du mich von den lästigen Läusen befreien könntest.“
Jetzt hielt Harry nichts mehr. Sein Hunger war größer als seine Eitelkeit. Er machte sich auf den Weg zum Stängel und verputzte jede einzelne Laus. Noch dicker und runder als vorher krabbelte er gemächlich zurück auf das kleine Köpfchen der Blume.
„Oh, ich danke dir. Magst du mir noch erzählen, weshalb die Menschen dich ‚Glücksbringer’ nennen?“, fragte es neugierig.
Harry fühlte sich geschmeichelt, weil das Blümchen mit seiner Frage nun doch großes Interesse an ihm zeigte.
„Kannst du zählen?“, fragte der Käfer.
„Ja, kann ich“, antwortete das Blümchen, „ich kann zählen – bis vier.“
„Nein, das reicht leider nicht“, sagte Harry. „Du müsstest schon bis sieben zählen können. Denn weißt du, ich habe sieben schwarze Punkte auf meinem roten gepanzerten Rücken. Und die Zahl sieben ist für die Menschen eine Glückszahl.“
„Eine Glückszahl?“, fragte das Blümchen. „Was ist denn eine Glückszahl?“
„Meine Mama hat es mir so erklärt“, begann der Käfer zu erzählen. „Bei den Menschen kommt sehr häufig die Zahl 7 vor. Sie teilen eine Woche in 7 Tage ein. In ihren Märchen kommt die Zahl 7 auch oft vor. Zum Beispiel bei ‚Schneewittchen und die 7 Zwerge’. Aber auch das ‚Tapfere Schneiderlein’ erledigt ‚7 auf einen Streich’. Sie sprechen von ‚Siebenmeilenstiefeln’ und wenn sie verliebt sind, dann fühlen sie sich wie im 7. Himmel. Außerdem nennen sie den 27. Juni den ‚Siebenschläfertag’, denn eine Bauernregel besagt, dass es 7 Wochen lang nass bleibt, wenn es am Siebenschläfertag regnet“.
Das Gänseblümchen war beeindruckt. „Das ist sehr interessant, was du über die Menschen weißt. Meine Mama hat mir von den Menschen nur erzählt, dass sie manchmal ganz achtlos uns Gänseblümchen den Kopf abreißen und dann ein weißes Blättchen nach dem anderen aus unserer gelben Blüte zupfen und dabei sagen: ‚Er liebt mich – er liebt mich nicht’.“
„Das ist ja eine kuriose Geschichte“, meinte Harry. „Ich werde jetzt weiter fliegen, denn so langsam bekomme ich schon wieder Hunger. Mach es gut, kleines Gänseblümchen. Vielleicht sehen wir uns ja einmal wieder.„Tschüß, Harry“, rief das Blümchen „und Dankeschön“.


© Martina Pfannenschmidt, 2013



Kommentare:

  1. Ach war das schön, ich liebe diese kleinen Glückskäferchen und Gänselblümchen zählen zu meinen liebsten Blumen. Also eine Geschichte nach meinem Herzen. Passt auch heute zu dem strahlendem Sonnenschein, Danke schön, gestern hatte ich wieder einen Durchhänger, denn mein Mann fehlt mir eben soooo sehr, aber heute geht es wieder.
    Liebe Grüße, Lore

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    1. Danke für's 'Noch-einmal-Lesen', denn du kanntest die Geschichte ja schon!
      Hoffentlich schaffen es die Sonnenstrahlen, dich aufzumuntern. Bis bald! Martina

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  2. Danke für diese wunderschöne Geschichte, liebe Martina!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen und gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Es freut mich, dass sie dir gefallen hat. Dir auch einen schönen Abend!
      Martina

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  3. Martina, ist die schön. Ich nehme sie mit - wenn ich darf -
    und lese sie meinen Kindeern vor. Damit können alle etwas
    anfangen.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht dir
    Irmi

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    1. Ja, du darfst, natürlich! Wenn Geschichten nur in der Schublade liegen und ein kümmerliches Dasein fristen müssen, dann wäre dass doch sehr traurig. Sie wollen hinaus in die Welt und Gehör finden :-)!! LG Martina

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