Dienstag, 18. März 2014

Der 1. Schultag!


Zunächst einmal:
Hallo, liebe Romy, herzlich willkommen bei mir
und ein weiteres Hallo geht an den Blog 
'ArbeitsloskeinGeldaufdemWegindieFreiheit'!
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Kaum zu glauben, es ist schon wieder Dienstag -
Zeit für eine neue Reizwort-Geschichte!
Diesmal lauteten die Vorgaben:
Kind – Stein – staunen – locker - beliebt
Zwei weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern lest ihr bei 
Lore und Regina!


Die kleine Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, nur vorne die ersten Bänke waren noch frei. Sie waren für 20 Schulanfänger, die man liebevoll die ‚I-Männchen’ nannte, reserviert. Eine kurze Zeit später zogen sie mit stolz geschwellter Brust und sich an den Händen haltend, in den Kirchenraum ein. Den Besuchern bot sich ein buntes Bild fröhlicher Kinder, dass viele im Foto oder Video festhielten. Ein Kind schaffte es kaum, seinen Ranzen auf dem Rücken zu tragen. Er schien größer und schwerer zu sein, als es selbst. Die Kinder waren sehr aufgekratzt, so dass die Pfarrerin Mühe hatte, die Bande zur Ruhe zu bringen. Doch irgendwie schaffte sie es und einige sangen nach der Begrüßung sogar beim ersten Lied mit.
Lina, die auch zu den Schulanfängern gehörte, lag schon den ganzen Morgen über ein dicker Kloß im Magen. Sie war so unheimlich aufgeregt. Eine neue Welt tat sich vor ihr auf, eine ihr bis dahin noch völlig unbekannte. Doch sie freute sich auf den Unterricht. Sie wollte so gerne lesen können. Dann würde sie endlich niemanden mehr bitten müssen, ihr Geschichten vorzulesen.
Lina hörte der Pfarrerin aufmerksam zu, die gerade vom ‚Ernst des Lebens’ sprach. Das verstand Lina nicht. Ihr Opa hieß Ernst. Ob sie den meinte? Wo saß er überhaupt? Sie hatte ihn noch gar nicht gesehen. Lina drehte sich um und suchte ihre Familie. Als sie ihre Eltern und Großeltern ausgemacht hatte, winkte sie ihnen fröhlich zu und sie winkten zurück. Dann wandte sich Lina wieder dem Geschehen im Altarraum zu. So langsam könnte die Frau da vorne aufhören zu quatschen, fand sie. Schließlich wollte sie ja heute noch lesen lernen.
Als der letzte Akkord verklungen war, zogen die Erstklässler aus dem Kirchenraum aus und folgten ihrem Klassenlehrer, der schnurstracks hinüber zur kleinen Dorfschule ging, die direkt gegenüber lag. Die Zweitklässler standen Spalier und begrüßten die neuen Schüler mit einem schwungvollen Lied und bunten Fähnchen. Wortfetzen, wie ‚trau dich’ und ‚heute geht die Schule los’ drangen an Linas Ohr. Ja, dachte sie, endlich geht es los!
Auf dem Schulhof warteten bereits die anderen Schüler und Lehrer auf die ABC-Schützen. Die Schulleiterin sprach zur Begrüßung ein paar Worte und Lina trippelte von einem Bein auf das andere.
„Musst du zur Toilette“, fragte ihre Mutter, die direkt hinter ihr stand, fürsorglich.
„Manno, nein“, antwortete Lina patzig. „Ich will jetzt endlich in meine Klasse.“
Linas Mutti lächelte über ihr kleines Mädchen. Hoffentlich hielt diese Freude an der Schule und am Unterricht lange an.
Dann kam der große Augenblick. Die Klasse 1 folgte ihrem Lehrer in den Klassenraum und die Eltern und Großeltern durften sich am Kuchenbüfett bedienen. Lina hätte jetzt vor lauter Aufregung sowieso nichts essen können – nicht einmal Kuchen.
Zum ersten Mal betrat sie ihren Klassenraum und staunte, weil vorne auf dem Lehrertisch so viele bunte Schultüten lagen. Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht. Klar, gleich gab es ja eine Zuckertüte für jeden.
„Lina, komm hier her“, hörte sie Anna rufen. Sie hatte den ersten Tisch für sich in Beschlag genommen und den Platz neben sich für Lina reserviert. Nun war die erste Hürde genommen. Lina saß neben ihrer besten Freundin und der Lehrer direkt vor ihr. Super! Jetzt fiel ihr ein dicker Stein vom Herzen.
Der Klassenlehrer stand vor der Tafel und hielt sich den Zeigefinger vor den Mund. Damit schaffte er es tatsächlich, die Kinder zur Ruhe zu bringen. Dann wandte er sich um, nahm ein Stückchen weißer Kreide und malte einen Fisch an die Tafel.
„Guten Morgen“, begrüßte er danach seine neuen Schüler. „Mein Name ist …, nein, nicht Fisch, wie ihr vielleicht vermuten könntet. Mein Name ist Hering.“ Einige Kinder lachten, doch das machte Herrn Hering nichts aus. Er nahm es ganz locker.
„Ihr habt es einfach“, sagte er dann. „Ihr müsst euch nur meinen Namen merken, doch ich muss ganz viele Namen behalten, nämlich genau 20. Es wird ein paar Tage dauern, bis ich das geschafft habe. Ihr müsst mir allerdings dabei helfen, indem ihr euren Vornamen auf ein kleines Schildchen schreibt und vor euch aufstellt. Wer kann denn schon seinen Vornamen schreiben?“
Alle Finger gingen hoch. Herr Hering verteilte kleine Aufsteller aus Pappe und die Kinder schrieben ihren Vornamen darauf. Dann erklärte der Lehrer den Schülern noch einiges zum Stundenplan und wie man sich in der Schule verhält. Morgen würde er ihnen die gesamte Schule zeigen, versprach er und ehe sich Lina versah, war die erste Schulstunde schon fast herum.
Deshalb hob sie schnell den Zeigefinger der rechten Hand, so wie es ihnen ihr Lehrer gerade gezeigt hatte, denn etwas brannte ihr unter den Nägeln. Herr Hering sah auf das Namensschild und fragte: „Hast du noch eine Frage, Lina?“
Lina nickte. „Ja, ich möchte wissen, wann geht es denn hier mit dem Lesen los?“ Da hatte sie die Lacher natürlich auf ihrer Seite.
„Na, da hat es aber jemand besonders eilig“, meinte Herr Hering schmunzelnd. „Warte es nur ab, Lina. Zunächst müssen wir uns den Buchstaben widmen. Wir müssen lernen, wie sie geschrieben werden. Aber ich verspreche dir, dass wir gleich morgen damit beginnen. Ist dir das Recht?“
„Oh Mann, morgen erst“, maulte Lina. Ob sie sich damit beim Lehrer beliebt gemacht hatte? Dann bekamen sie alle ihre Schultüte überreicht und durften zu ihren Eltern in den Pausenhof laufen. Lina fand ihre Zuckertüte wunderschön. Mama hatte sie selbst gebastelt und vorne drauf war eine richtige Ballerina und die hatte sogar ein ganz kleines bisschen Ähnlichkeit mit Lina.
Oma und Opa blieben den ganzen Tag über bei ihnen. Als das Mädchen abends in seinem Bett lag, träumte es mit offenen Augen davon, im Garten unter dem Apfelbaum zu sitzen - mit einem dicken Buch vor der Nase. Noch war es ein Traum, noch … aber bald …
Dann fielen Lina die Augen zu.



© Martina Pfannenschmidt, 2014

Kommentare:

  1. Wunderschöne Geschichte. Ich freu mich schon auf nächste Woche. LG Christa

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    1. Schon, dass dir auch diese Geschichte wieder gefällt. Ich freue mich, wenn du am nächsten Dienstag wieder bei mir vorbei schaust. LG Martina

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  2. Guten Morgen liebe Martina,

    deine Geschichte ist wunderschön, sie hat mir sehr gefallen und mich an meine eigene Einschulung denken lassen. Im April 1964 war mein erster Schultag
    Ich bin mit meiner Mutter und meiner Freundin und ihrer Mutter mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Meine Freundin wohnte im Nachbarhaus. Ich wäre viel lieber mit meiner Mama alleine gefahren, aber nun holten sie uns ab. Seit diesem Tag kam sie jeden Morgen zu mir und wir gingen zusammen zur Schule. Unsere Schule war eine Zwergenschule. Wir waren vier Mädchen und vier Jungen in unserer Klassen. Eine Schultüte gab es nicht. Ein paar Wochen später kam ein Fotograf, der drückte jedem Kind eine Dekoschultüte fürs Foto in die Hand. Dass wars.
    Der Einschulungstag war irgendwie „normal“.
    2000 habe ich die zweite Einschulung erlebt. Es war die meines Patenkindes. Der Unterschied zu damals war krass und ich habe das Gefühl, es artet alles ein bisschen aus!

    Ich freue mich schon jetzt auf deine nächste Dienstagsgeschichte und auch auf die deiner beiden Mitstreiterinnen. Ihre Geschichten waren auch sehr schön. Ich freue mich aber ganz besonders, letzten Dienstag, deinen Blog gefunden zu haben. Danke Schicksal/Fügung!!!

    Herzliche Grüße und einen schönen Tag

    Anita

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    1. Liebe Anita, Danke für deine netten Worte zu meinen Geschichten. Ja, es ist schon so etwas wie Fügung, wenn wir uns begegnen oder hier finden.
      Ich hatte zwar schon eine 'echte' Schultüte, doch eigentlich war es kein 'besonderer' Tag. Es gab keinen Gottesdienst und auch keinen Besuch der Familie. Heute es alles viel aufwändiger und vielleicht auch oft übertrieben - da hast du wohl recht.
      Ich grüß dich auch herzlich und wünsch dir alles Gute! Martina

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  3. Liebe Martina,
    nun hab ich auch Deine Geschichte gelesen und war von allen dreien wieder so begeistert! Es hat wieder viel Freude gemacht, zu lesen, wie ihr die Worte verbindet zu wunderschönen Geschichten!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. DDDaaannnkkkeeesssccchhhöööööööööönnn!!!

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  4. Liebe Martina,
    ich muss nachlesen. Mir ging es in den letzten Tagen nicht so gut. Darf ich diese Geschihte mitnehmen und meinen Kindern vorlesen? Ich erzähle ihnen natürlich von dir.
    Diese Geschichten gefallen bestimmt auch meinen beiden Damen im Stift, die ich betreue.
    Liebe Grüße
    Irmi

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    1. Du kannst dich jederzeit bei meinen Geschichten 'bedienen'. Ich habe sie geschrieben, damit andere sie lesen oder sie vorgelesen bekommen.
      Erst dann erfüllen sie ihren Sinn!!!
      Danke für deine Kommentare und liebe Grüße! Martina

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