Samstag, 3. Dezember 2016

Lieber Weihnachtsmann! (1)

Wie Ihr alle wisst, erreichen den Weihnachtsmann in jedem Jahr ziemlich viele Briefe - übrigens nicht nur von Kindern. Auch einige Erwachsene schreiben ihm. 
In diesem Jahr hatte ich nun das große Glück, dem Weihnachtsmann beim Lesen über die Schulter schauen zu dürfen - da staunt ihr gewiss, nicht wahr? 
Ich habe versucht, mir die Inhalte zu merken - natürlich nur für EUCH - , war es doch eine wahre Freude, sie zu lesen. Heute kommt nun der Erste! 

Weihnachten nostalgie bilder
Mein Name ist Maxi. Also, eigentlich heiße ich Maximilian, aber alle sagen einfach nur Maxi. Ich bin 9 Jahre alt und jedes Jahr hast du mir meine Wünsche erfüllt. Doch ob es in diesem Jahr auch klappen wird? Da bin ich sehr gespannt, denn ich habe einen ganz besonderen Wunsch. Pass auf, ich schreib dir, welchen! 
Meistens haben meine Eltern schlechte Laune und dann streiten sie nicht nur, sondern schimpfen auch immerzu mit mir herum. Maxi, mach deine Hausaufgaben. Maxi, räum dein Zimmer auf. Maxi, setz dich vernünftig an den Tisch. Maxi, Maxi, Maxi! Den ganzen Tag. Dabei bemühe ich mich schon, nicht so viel falsch zu machen, doch manchmal vergesse ich einfach, meinen Ranzen gleich in mein Zimmer zu stellen. Doch wehe, er steht im Flur, schon geht das Geschrei wieder los. Obwohl ich zugeben muss, dass Mama einmal fast darüber gefallen wäre. Gut, dass nichts passiert ist. Aber ich mache das doch nicht absichtlich. Ich vergesse es einfach.
Sag mal, kannst du mir erklären, warum ich immer mein Zimmer aufräumen muss? Am nächsten Tag spiele ich doch sowieso wieder darin. Immer muss ich alles wieder neu aufbauen. Das ist doch echt doof.
Meistens werfe ich auch meine Schmutzwäsche in den Wäschekorb. Ich vergesse es wirklich nur sehr selten. Aber das gibt natürlich auch sofort wieder Ärger.
Lieber Weihnachtsmann, du bist doch schon alt und kennst meine Eltern aus der Zeit, als sie noch Kinder waren. Haben sie eigentlich immer ihr Zimmer aufgeräumt und sich die Zähne geputzt? Waren sie immer brav? Das würde mich echt mal interessieren. Und nun bin ich gespannt, ob du mir das schreibst.

Dein Maximilian







Donnerstag, 1. Dezember 2016

Gebt den Hungrigen zu essen

Endlich ist der 1. Dezember da und die Kinder können das 1. Türchen im Adventskalender öffnen. Sie fieberten schon sehr darauf hin.
Ein Adventskalendertürchen gibt es bei mir leider nicht zu öffnen, doch eine Geschichte, die gibt es zu lesen - zumindest für all diejenigen, die dies möchten.
Ich verrate euch auch noch die Reizwörter, die zu dieser Geschichte führten. Sie lauten:
Zimtstern – Engelhaar – tauschen – frieren – funkelnd
Mal schauen, was meine Mitschreiberinnen sich zu diesen Wörtern haben einfallen lassen:
Helmut saß auf einer Bank mitten in der Einkaufsstraße, so wie er es an jedem Tag tat. Heute war er alleine. Das machte ihm aber nichts aus. Er war ganz gerne mal für sich. Fast hätte er bei dem Gedanken laut los gelacht. Das war mal ganz anders, früher, in seinem alten Leben. Damals gab es viele Termine, jede Menge Stress und viele hektische Menschen um ihn herum.
Weihnachtsbaum glitzer bilder
Die hell erleuchteten Straßen und Geschäfte verrieten, dass die Adventszeit gekommen war. Überall in den Auslagen funkelte es und es gab etliche Tannenbäume, die mit Kugeln, Lametta oder Engelhaar geschmückt waren.
Heute konnte er sich kaum noch vorstellen, dass es mal Zeiten für ihn gegeben hatte, in denen seine Uhr so teuer gewesen war, wie ein gebrauchter Kleinwagen und seine Sekretärin für seine Frau zu Weihnachten ebenso teuren Schmuck besorgt hatte.
Helmut schüttelte den Kopf. Niemals hätte er damit gerechnet, dass er jemals in diese Situation geraten könnte. Er, der Macher, der vor Ideen nur so strotzte. Doch dann hatte er sich verspekuliert, sehr viel Geld verloren. Aufträge waren weg gebrochen, Kunden hatten nicht gezahlt.
Seine Frau war nicht bereit gewesen, auf ein Leben im Luxus zu verzichten. Sie hatte ihn verlassen. Als sich dann auch noch seine Freunde und Geschäftspartner von ihm abgewandt hatten, war das der Anfang vom Ende für ihn gewesen. Wie in einer Abwärtsspirale war es für ihn nur noch bergab gegangen. Tiefer und tiefer! Doch tiefer, als er jetzt war, konnte er nicht mehr fallen. Ein irgendwie beruhigender Gedanke, dachte Helmut sarkastisch.
Menschen gingen an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten. Das kannte er schon. Die meisten allerdings schauten voller Abscheu weg. Das traf ihn am meisten. Oft erreichte ihn der Blick von Kindern und er hörte, wie sie ihre Eltern fragten: „Was ist mit dem Mann? Hat der nichts zu essen? Ist der arm? Muss der frieren?“
Ja, oft war ihm lausig kalt und es gab wohl niemanden, der sein Leben mit dem seinen hätte tauschen wollen. Viele seiner heutigen Kumpel versuchten, ihrer Situation und der Kälte durch das Trinken von Alkohol zu entkommen. Doch man entkam ihr nicht. Sie kroch wie eine Schlange von den Füßen her an einem hoch und ließ einen erzittern.
Es gab aber auch Menschen, die anders waren, die heiße Getränke brachten und auch wärmende Decken. Letztens hatte ihm eine Frau sogar einen Glühwein spendiert und dazu eine Tüte mit Zimtsternen. Diese Momente waren aber eher selten.
An jedem Abend ging Helmut ins so genannte Nachtcafé der Heilsarmee. Dort gab es eine warme Mahlzeit, die er sich nicht entgehen ließ. Am Abend zuvor war es dort zu einem Gespräch mit dem dortigen Leiter gekommen. Er hatte sich ganz spontan zu ihm an den Tisch gesetzt und ihn nach seinem Leben gefragt. Helmut hatte von früher erzählt und wie es heute für ihn so ist. Dass er auf Parkbänken oder in Bahnhofsecken übernachtet, so lange, bis man ihn von dort vertreibt und er hatte ihm anvertraut, dass er sich müde und ausgelaugt fühlt.
Helmuts Blick war auf eine Bibelstelle gefallen, die dort auf einem Plakat an der Wand prangte: ‚Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!’
„Wissen Sie“, hatte Helmut dem Mann gesagt und dabei auf die Worte gezeigt, „wenn ich wie Sie einen Glauben hätte, könnte ich ‚dem da oben’ alles in die Schuhe schieben oder ich könnte ihn bitten, mir in meiner Situation zu helfen. Doch ich weiß, dass ich ganz alleine für mein Dilemma verantwortlich bin und dass es niemanden gibt, der mir helfen kann oder wird.“
Dieses Gespräch hatte Helmut noch im Kopf, als er ein kleines Mädchen hören rief: „Schau Mama, dort sitzt der Nikolaus. Lass uns zu ihm gehen!“ Dabei zeigte sie in seine Richtung. Helmut sah sich um. Das Kind meinte tatsächlich ihn. Mit seinem weißen Vollbart und der roten Mütze, die er gegen die Kälte trug, hatte er wohl tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann.
Die Frau zog das Kind jedoch weiter. Verständlich. Welche Mutter sah es gerne, wenn ihr Mädchen mit so einem wie ihm Kontakt hatte. Doch die Kleine riss sich von der Hand der Mutter los und kam direkt auf ihn zu.
„Isabell, was soll das denn jetzt, komm sofort wieder her, wir müssen weiter.“
„Ich komme gleich. Ich möchte dem Mann nur etwas geben“, rief sie ihrer Mutter zu, wandte sich Helmut zu und meinte: „Hier, nimm. Das ist ein Glücksstein. Du sollst ihn haben.“ Das Mädchen drückte ihm dabei einen weißen Kieselstein in die Hand und einen Kuss auf die Wange, bevor es zurück zu seiner Mutter lief. Diese kleine Geste brachte Helmut fast aus dem Gleichgewicht. So viel Wärme und Zuneigung hatte ihm schon lange niemand mehr geschenkt.
Selbstvergessen betrachtete er den Stein. Es war ein ganz normaler kleiner Stein, doch ihm wurde ganz warm ums Herz. Es war, als habe dieses kleine Mädchen die Ketten gesprengt, die sich um sein Herz gelegt hatten.
Nach einer Weile erhob er sich und trat den Weg an, um seine warme Mahlzeit einzunehmen. Viele Gedanken gingen ihm dabei durch den Kopf: Was könnte ich tun oder wie könnte ich es schaffen, mich aus meiner Situation zu befreien? Gibt es irgendwo einen Lichtblick – auch für mich? Und dann tat er etwas, was er noch nie zuvor getan hatte. Helmut blickte nach oben und dachte: Okay, wenn es da oben wirklich jemanden gibt, der mir helfen könnte, wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Bald darauf betrat er die warme Stube der Heilsarmee. Als er seine Suppe löffelte, kam der Mann vom Vortag auf ihn zu und sprach ihn erneut an: „Wir haben uns doch gestern so nett unterhalten und ich hatte den Eindruck, dass Sie ein verlässlicher Mensch sind. Wir könnten hier ein bisschen Unterstützung ganz gut gebrauchen. Essensausgabe, aufräumen, einfache Arbeiten. Viel Geld lässt sich damit freilich nicht verdienen, doch es wäre ein Anfang. Wie schaut’s aus? Sind sie dabei?“
© Martina Pfannenschmidt, 2016

Auch die Geschichte
wandert zu Elke!


Mittwoch, 30. November 2016

Danke, liebe Manu!

Die liebe Manu,
die am Ende der Straße wohnt
und die ihr wohl alle kennt,
ist wirklich sehr aufmerksam.
Doch nicht nur das, 
sie ist auch noch seeeehr liebenswert.
Das möchte ich an dieser Stelle mal öffentlich sagen -
auch wenn IHR das jetzt vielleicht gar nicht recht ist!

Schaut mal her,
was sich jetzt in einem sehr liebevoll verpackten Päckchen befand:


Ein lieber Brief mit goldenen Sternchen,
die ich einfach über einen nicht ganz so glücklichen Tag
streuen kann.


Ein silberner Stern, der mir den rechten Weg weisen soll UND
SCHOOOOOKI
gaaaanz viel Schoki,


damit kann ich mir
- genau wie die Kinder -
die Adventszeit versüßen!

Ist das nicht eine super Idee,
kleine Schokis auf einer Etagere!
Ich freue mich riesig darüber!

Wie schön, dass ich dich hier im Netz gefunden habe,
liebe Manu -
und das sage ich jetzt nicht nur wegen der
vielen Aufmerksamkeiten,
die du mir schon hast zukommen lassen!
Vielen, vielen Dank!!


Sonntag, 27. November 2016

Gedanken zum Advent


Ich wünsche allen,
die der Weg hierher führt,
eine


Heute, am 1. Advent, entzünde ich eine Kerze. Sie leuchtet - ein wenig - und schenkt Wärme - zumindest ein wenig. 
Und plötzlich frage ich mich, wie viele Menschen genau dies in diesem Moment auch tun und mir wird bewusst, dass es unzählig viele sein werden und ich denke: Okay, meine kleine Kerze bringt nicht viel Licht und Wärme in diese Welt – aber all die Kerzen zusammen tun es schon.
Ist das nicht ein schönes Bild, dass wir zusammen das Licht in die Welt bringen – jeder ein klitzekleines - und es ist uns vielleicht nicht einmal bewusst, welche Auswirkung das hat.
Licht, Helligkeit, ist das Gegenteil von Dunkelheit – und davon gibt es viel in unserer Welt. Wenn wir die Dunkelheit erhellen wollen, brauchen wir dafür Licht. - Licht in Form von Kerzen aber noch mehr: Licht in Form von licht- und liebevollen Gedanken.
Kerzen bilderLasst uns nicht verzweifeln im Angesicht dessen, was in der Welt geschieht, sondern lasst uns Lichter entzünden am Adventskranz und auch in uns selbst - an jedem Adventssonntag eins mehr, damit es immer heller wird, bis am Heiligen Abend das 'Licht der Welt' Einzug hält.




Sonntag, 20. November 2016

Ewigkeitssonntag

Kreuze Gif DateiDer heutige Sonntag trägt den Namen Toten- oder Ewigkeitssonntag. Die evangelischen Christen gedenken an diesem Tag ihrer verstorbenen Angehörigen und so wurden gewiss viele Kerzen entzündet - dennoch liegt über dem Tag etwas Schweres.
Der Tod ist nach wie vor ein Tabuthema, sozusagen ein 'Makel', über den man lieber nicht spricht.
Wir Menschen greifen in so viele Bereiche der Natur und ihres natürlichen Ablaufes ein – nur der Tod will sich einfach nicht bezwingen lassen. 
Durfte man einen Menschen bereits in seinen letzten Stunden begleiten, macht man schwere aber durchaus wertvolle Erfahrungen. Das Schlafbedürfnis eines Sterbenden ist sehr groß und beobachtet man ihn dabei, so kommt das Gefühl auf, als sei dieser Mensch bereits sehr weit weg. Erwacht er aus seinem tiefen Schlaf, hat man das Gefühl, als müsse er sich in dieser Welt erst wieder zurecht finden. Es kommt nicht selten vor, dass ein Sterbender in diesen Momenten von bereits verstorbenen Angehörigen berichtet, die er gesprochen und gesehen habe. Natürlich können wir das schwer nachvollziehen, halten es vielleicht für Fantastereien, doch sind sie es wirklich? Ich glaube, wir tun gut daran, den Menschen in diesen Momenten nicht zu sagen, dass dies ja gar nicht möglich sei. Wir wissen es nicht. Warum sollten bereits verstorbene Angehörige dem Sterbenden - auf der anderen Seite - nicht beistehen, ihm Mut zusprechen, ihm beim Übergang in die andere Welt beistehen – so wie wir es auf dieser Seite des Vorhangs tun?
Jeder von uns hat seinen eigenen, unverwechselbaren und sehr persönlichen Lebensweg, doch irgendwann wird man auch für uns eine Kerze entzünden.




Dienstag, 15. November 2016

Ein Traum in weiß

Hallo, Ihr Lieben!
Es ist Zeit für die nächste Geschichte.
Diesmal galt es, diese Reizwörter zu verarbeiten:

Schlittschuhe – Schlaftabletten – ratzen – fallen – einfältig

Auch im Blog von
könnte es eine neue Geschichte zu lesen geben.
Schaut doch mal!

Aber vorher dürft ihr gerne meine lesen ;-)!!!

Braut bilder

Paula schlich vorsichtig über den Flur Richtung Gästezimmer, in dem ihre Oma übernachtete. Schon vor der Tür hörte sie ihr lautes schnarchen. Wenn Oma so lange ratzte, lag der Verdacht nahe, dass sie am Abend eine Schlaftablette genommen hatte. Bestimmt hatte sie wegen des Lärms der nahe gelegenen Straße nicht einschlafen können. Vorsichtig öffnete Paula die Tür. Richtig! Die Packung lag neben Oma auf dem Nachttisch.
Nachdem Paula die Tür leise wieder geschlossen hatte, schlich sie zurück Richtung Küche. Sie nahm einen kleinen Zettel und schrieb: ‚Omilein, ich bin unterwegs und hole uns frische Brötchen. Der Kaffee steht bereits fertig in der Thermoskanne. Falls du wach werden solltest, bevor ich zurück bin, könntest du uns vielleicht schon Eier kochen.’ Dann malte sie noch einen Smiley und setzte ihren Namen darunter.
Als Paula die Treppe herunter lief, traf sie auf Jan, den netten Jungen aus dem Parterre. Er hatte Schlittschuhe dabei.
„Guten Morgen!“, rief Paula ihm vergnügt zu. „Pass nur auf, dass du nicht auf die Nase fällst oder dir den Arm brichst, so wie es mir als Kind passiert ist.“
„Ne, wird nicht vorkommen“, antwortete dieser selbstbewusst.
Die Schlange beim Bäcker war recht lang und Paula trippelte ungeduldig von einem Bein auf das andere. Geduld zählte nicht gerade zu ihren Stärken. Doch dank der versierten Bedienung ging es schließlich doch schneller als gedacht.
Als Paula kurz darauf ihre Wohnung betrat, stand Oma bereits am Herd.
„Guten Morgen, Omilein! Ausgeschlafen?“
„Eher abgebrochen, mein Kind“, erwiderte Oma. „Ich kann so schlecht schlafen bei dir, weil ich diesen Krach einfach nicht gewöhnt bin. Aber nach einem guten Frühstück und zwei Tassen Kaffee bin ich bestimmt wieder fit und ganz die Alte.“
„Das hoffe ich doch sehr. Schließlich bist du hier, um mit mir mein Brautkleid auszusuchen.“ Bei diesen Worten zog ein Strahlen über Paulas Gesicht, das Oma natürlich nicht verborgen blieb.
„Ach, ich freue mich so für dich. Mit Henrik hast du wirklich den richtigen Mann für dich gefunden. Ihr scheint ebenso füreinander bestimmt zu sein, wie es Opa und ich sind.“
Paula stellte sich hinter ihre Oma und umschlang sie mit ihren Armen.
„Omi!“
„Ja!“
„Manchmal denke ich, dass ich soviel Glück gar nicht verdient habe und habe gleichzeitig die Angst, dass etwas Schlimmes geschieht, so wie damals, als Mama und Papa bei dem Unfall verunglückten. Omi, wenn du und Opa nicht immer für mich da gewesen wärt, weiß ich nicht, wie ich das hätte schaffen sollen.“
„Es war eine schwere Zeit. Wir haben alle sehr um deine Eltern getrauert, doch da war ja dieses kleine Mädchen, das so unendlich traurig war und das beschützt werden wollte. Deshalb haben Opa und ich alles versucht, dass du trotz allem ein glückliches Kind sein konntest und das bedeutete, dass wir unsere eigene Trauer dir gegenüber nicht gezeigt haben. Es war nicht ganz einfach, aber wir haben es geschafft.“
„Ja, ihr habt es geschafft“, wiederholte Paula. „Ich war und bin ein glücklicher Mensch und das habe ich euch zu verdanken.“
„Aber nun wollen wir nicht sentimental werden“, meinte Oma, die bemerkte, wie die Tränen in ihre Augen steigen wollten, „sondern wir wollen uns etwas Schönem zuwenden und später in die Stadt fahren, um nach Brautkleidern zu schauen.“
„Aber jetzt frühstücken wir erst einmal“, meinte Paula und drückte ihrer Oma einen dicken Kuss auf die Wange, bevor sie sich auf ihren Platz schwang.
„Omi, erzähl doch mal, wie war das denn damals bei dir, als du jung warst und ihr heiraten wolltet.“
Oma lächelte: „Na, eins ist klar, hätten Opa und ich bereits ohne Trauschein zusammen gelebt, so wie es heute allerorten üblich ist, hätten meine Eltern mich enterbt.“ Allein die Vorstellung genügte, dass Oma laut lachte. „Weißt du, wenn wir uns getroffen haben, zumindest ganz zu Anfang unserer Partnerschaft, geschah das immer heimlich. Ich hab zum Beispiel erzählt, dass ich etwas mit einer Freundin unternehme. Aber einmal bin ich aufgefallen. Puh, das gab Ärger. Ich konnte ja nicht ahnen, dass unsere Nachbarin auch ins Kino gehen und eine Reihe hinter uns sitzen würde. Natürlich hatte die liebe Tante Martha nichts Besseres zu tun, als meiner Mutter sofort zu petzen, dass ich mit einem Jungen im Kino war und wir Händchen gehalten haben.“
Jetzt lachte Paula. „Ich dachte, du hättest wenigstens mit Opa geknutscht!“
„Ach du liebe Zeit“, entgegnete Oma entrüstet, „ich glaube, die einfältige Tante Martha hätte mitten im Kino einen Herzanfall erlitten. Weißt du, Paula, damals war man noch nicht so schnell, sich näher zu kommen, wie es heutzutage der Fall ist. Mit dem ersten Kuss ließ man sich Zeit und in jedem Fall musste er vom Mann ausgehen.“
Paula lächelte. Sie wusste, wie sehr sich ihre Großeltern immer noch liebten und wenn sie sich heute hin und wieder einen Kuss gaben, ging Paula das Herz auf. Hoffentlich hielt ihre eigene Ehe auch so lange, wie die von Oma und Opa. Das wünschte sie sich in diesem Moment von ganzem Herzen.
„Aber nun wollen wir mal wieder von dir und der bevorstehenden Hochzeit reden“, meinte Oma. „Wie soll er denn ausschauen, dein Traum in Weiß?“
„Oh, Omilein, mein Brautkleid soll einfach bezaubernd sein, romantisch mit einer figurbetonten Silhouette. Das Dekolleté muss einzigartig sein. Das Kleid darf auch gerne einen offenen Rücken haben. Weißt du, es soll verführerisch sein und gleichzeitig verspielt mit viel Spitze und raffinierten Details. Ich glaube, ich weiß es sofort, wenn ich es sehe, ob es DAS Kleid ist, nach dem ich suche.“
„Dann lass uns keine Zeit verlieren. Ich glaube, deinen Traum zu finden, wird nicht ganz so einfach sein.“
Als Paula einige Stunden später in ihrem Traumkleid vor Oma stand, wurde dieser ganz melancholisch zumute. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie diesen Moment mit ihrer Tochter hätte teilen dürfen.


© Martina Pfannenschmidt, 2016


Zu Elke und ihrer 
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Dienstag, 1. November 2016

Erinnerungen


Der November bringt uns nicht nur graue und neblige,
sondern auch viele traurige Gedenktage.
Und so befindet sich Jürgen,
der Protagonist meiner heutigen Geschichte,
auf dem Friedhof.
Habt ihr Lust,
ihn auf seinem Weg zu begleiten?
Ich würde mich natürlich sehr darüber freuen! 

Die Reizwörter lauteten diesmal:
Stöckelschuhe – Krähennest – trödeln – basteln – unverschämt
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gibt es eine Geschichte zu lesen!


Baum

Der November machte seinem Namen an diesem Tag alle Ehre und zeigte sich in allen erdenklichen Grautönen. Jürgen schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Ihm war kalt - und diese Kälte empfand er nicht nur äußerlich, er fror auch innerlich.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass noch Zeit blieb und so schlug er den Weg Richtung Friedhof ein. Trotz der Kälte, die er empfand, setzte er sich auf eine Bank, die unter einem Lindenbaum stand. Wenige braune Blätter baumelten noch an seinen Zweigen und warteten auf den nächsten Herbststurm.
Unvermittelt huschte ein Eichhörnchen über den Weg und verlor dabei eine Nuss, mit der es sich für den Winter bevorraten wollte. Es bemerkte dies jedoch sogleich und lief eilig ein paar Schritte zurück, um die Beute erneut an sich zu nehmen. Putzig sah das aus. Diese ulkige Situation riss Jürgen für einen kurzen Moment aus seinen bedrückenden Gedanken.
In den letzten Tagen dachte er viel zurück an vergangene, glückliche Zeiten, die längst vergessen schienen. Vielleicht lag es daran, dass er sich seit einiger Zeit wieder einmal in dem Städtchen aufhielt, in dem er einst geboren worden war. Hier hatte er bis zum Beginn seines Studiums mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder gelebt, der diesem Ort treu geblieben war. Er selbst kam nur noch für gelegentliche Besuche hierher. Es schien ihm alles so eng, spießig und kleinbürgerlich zu sein. Er liebte das Leben in der Großstadt und die Anonymität, die sie bietet.
Jürgen vernahm die Pausenglocke der nahe gelegenen Schule, die er und sein Bruder vor zig Jahren besucht hatten. Sofort kamen Erinnerungen an die Schulzeit in ihm hoch. Sein Bruder, Ulli, der immer ermahnt werden musste, weil er wieder einmal getrödelt oder heimlich unter dem Tisch einen Papierflieger gebastelt hatte.
Jürgen kramte in seinem Gedächtnis nach dem Namen der Lehrerin, die stets mit Stöckelschuhen und einem engen Rock durch die Klasse getrippelt war. Er erinnerte sich daran, dass sie einen Dutt trug, den er einmal als ‚Krähennest’ bezeichnet und weshalb er sich eine schallende Ohrfeige eingefangen hatte. Natürlich wusste Jürgen, dass es unverschämt von ihm gewesen war, dies zu sagen, doch das berechtigte die Lehrerin noch lange nicht, ihn zu schlagen. Es schien ihm, als habe er ihren Namen aus seinem Gedächtnis gestrichen. Er wollte ihm einfach nicht einfallen.
Jürgen sah sich um. Lange war er nicht auf einem Friedhof gewesen. Die Stille, die ihn hier umgab, empfand er als unheimlich, ja schon fast als bedrohlich. Das pulsierende Leben, von dem er sonst umgeben war, ließ ihn selten zur Ruhe kommen und schon gar nicht über den Tod nachdenken. Hier an diesem Platz war das anders. Da nahmen die Gedanken unweigerlich diesen Weg. Der Tod, der uns oft näher ist, als wir ahnen, wurde uns nirgendwo bewusster, als an diesem Ort der Trauer und des Abschieds. Wer, wie seine Eltern, fest im Glauben stand, war davon überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Seine Eltern hatten stets an ein Wiedersehen in einer anderen Welt geglaubt, - nein, das war so nicht richtig: Sie waren felsenfest davon überzeugt gewesen. Ob sie wirklich wieder beisammen waren? Ein wohliger Schauer durchzog ihn bei dem Gedanken.
Er selbst hatte nie eine Familie gegründet. Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. In Jürgen stieg ein Gefühl auf, dass er so bisher nicht kannte. Es war das Gefühl, dass ihm eine eigene Familie eines Tages fehlen könnte. Bisher schien er den Gedanken daran mit seinem Beruf und der geringen Freizeit, die ihm zur Verfügung stand, gar nicht vereinbaren zu können.
Jürgen wollte jedoch nicht weiter darüber nachdenken. Es schien ihm einfacher, wenn alles so blieb, wie es war. Doch gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass dies ein Trugschluss war. Nichts, gar nichts, bleibt, wie es ist. Für niemanden. Das Leben ist endlich. An diesem Platz wurde es ihm bis ins Mark hinein bewusst. Das Leben, es ist ständigen Veränderungen unterworfen. Wir können die Zeit und ihren Lauf nicht aufhalten. Jürgen empfand in diesem Moment eine große Leere und Traurigkeit.
Jeder Mensch würde wohl eines Tages an den Punkt angelangen, wo er feststellen musste: Es ist zu spät! Zu spät, die Richtung zu ändern. Zu spät, um sich mit jemandem zu versöhnen. Und in seinem persönlichen Fall: Zu spät, eine Familie zu gründen, Kinder zu haben.
Wieder wanderten seine Gedanken zurück in seine Kindheit. Er ließ vor seinem geistigen Auge Momente vorüberziehen, die ihm noch einmal zeigten, was es bedeutet, Menschen um sich zu haben, die einem ihre ganze Liebe schenken. Er sah seine Mutter vor sich, die vorsichtig über die Wunde pustete, als er sich das Knie aufgeschlagen hatte und er erinnerte sich an die Worte, die sie dabei gesprochen hatte: ‚Bis zur Hochzeit wird es wieder gut sein.’
Nun wurde es allerdings Zeit, sich zu erheben, denn es galt, aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zurückzukehren, auch wenn ihm das Herz dabei sehr schwer wurde. Immer wieder müssen wir Abschied nehmen. Dieses Loslassen der Menschen, die uns nahe stehen, schien für Jürgen in diesem Moment eine der schwierigsten Lebensaufgaben zu sein.
Tränen rannen über seine Wangen, als er später ans Grab trat und flüsterte: „Tschüss, kleiner Bruder!“


© Martina Pfannenschmidt, 2016


Auch diese Geschichte
wandert zu
Elke,
und ihre frohe und kreative Linkparty!